Heft 21

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Die Autorin

Kerstin Hack hat Anglistik und Ethnologie studiert. Sie leitet »Down to Earth«, einen Verlag, der Bücher und Videos zu den Themen Kunst, gelebte Spiritualität und regionale Veränderungsprozesse publiziert. Zu diesen Themen bietet Kerstin auch Beratung und Vorträge an. Sie ist (Mit-)Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher und Arbeitshilfen. Sie engagiert sich bei »Gemeinsam für Berlin« für ihre Stadt und liebt Fotografie, Kunst, Kino, Blumen, innovative Gedanken und inspirierende Begegnungen.

Mehr von ihr gibt’s unter:
www.down-to-earth.de (ihre Firma)
www.kerstin.down-to-earth.de
(persönliches Internet-Tagebuch)

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Kolumne

Einer von uns - Jesus und die Stasi

»Wahnsinn« war das Wort des Jahres 1989. Ossis wie Wessis konnten nicht be­greifen, was damals geschah. Im Januar 2005 besuchte ich gemeinsam mit einer Freundin am Tag der offenen Tür die ehe­malige Stasi-Zentrale in Berlin. »Wahn­sinn« war das einzige Wort, mit dem ich beschreiben konnte, was ich da sah. Wahnsinn – das Gebäude. Als unwissen­de Wessi hatte ich erwartet, ein Gebäude zu sehen, in dem die Stasi gearbeitet hat. Aber es ist nicht nur ein Bürogebäude. Es sind Dutzende von Häusern, Kellern, La­gerhallen. Zum Teil wurden ganze Hoch­häuser für die Arbeit der Stasi errichtet. Man braucht etwa 40 Minuten, um ein­mal um das Gelände herumzulaufen. Es ist riesig. 144.000 Mitarbeiter hatte die Stasi. Wahnsinn.

»Politisch will es jeder haben [erhalten], wirtschaftlich will es keiner«, erklärt uns ein Mitarbeiter. Das Gelände ist, wenn man mal von den vernichteten Akten ab­sieht, bis auf den »Fresswürfel« (die ehe­malige Kantine) originalgetreu erhalten. Der war der Deutschen Bahn, die jetzt ein paar hundert der Büros nutzt, nicht mehr chic genug und wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. In der neu­en Kantine sang am Abend des Tags der offenen Tür Wolf Biermann (wer sonst?) Lieder von Revolution, dem Leben und der Liebe.

Wahnsinn ist auch die Aufarbeitung des Materials, das die Stasi der Nachwelt hin­terlassen hat. Wir sprachen mit Beamten, die seit Jahren Säcke mit Papierschnip­seln von Stasiakten zusammensetzen, die die Stasi vorsichtshalber noch im Winter ’89/’90 vernichtet hat. Weil die Schred­dermaschinen angesichts der Fülle des Materials schon wenige Wochen nach der Wende den Geist aufgaben, wurden wich­tige Akten von Hand zerrissen. Je wichti­ger es schien, das Material vor der Nach­welt zu verbergen, in umso mehr Teile wurde es zerrissen. Ein Stück Papier in Größe einer Postkarte, das in 86 Teile zer­rissen war, ist der bisherige Spitzenreiter. 13 Menschen verbringen seit Jahren je­den Arbeitstag damit, die Teile dieses Riesenpuzzles (ich schätze, in jedem Sack sind wohl mehr als 20.000 Schnipsel) in hellgraue, hellgelbe, weiße, roséfarbene und halb transparente Papierschnipsel zu sortieren und diese anschließend zusam­menzukleben. Es kann bis zu zwei Jah­ren dauern, die Teile eines einzigen Sacks zusammenzusetzen. Aufhören kann man nicht, denn in den Säcken befinden sich ­­wichtige Unterlagen, zum Beispiel über unrechtmäßige Enteignung von Menschen, politische Verfolgung usw. Aber beim jetzigen Tempo braucht das Team noch 800 Jahre für die in etwa verbliebenen 16.000 Säcke. Ein Computer zur automatischen Rekonstruktion zerstörter Dokumente und Objekte, der den Prozess auf fünf Jahre verkürzen könnte, wird – aus Gründen, die die Mitarbeiter nicht nennen können – jedoch nicht eingesetzt.

Wahnsinn sind auch die Akten, die noch »heil«, aber keineswegs alle gesich­tet sind. Es wurden etwa vier Millionen DDR-Bürger und zwei Millionen Aus­länder überwacht. Wir liefen minuten­lang durch Säle, in denen in Hochrega­len eine Akte neben der anderen stand, zahlencodiert, fein säuberlich geordnet.

Das Schicksal von Millionen von Men­schen auf verblichenem Papier. Von den insgesamt 260 km Akten, in denen alles Wissenswerte über die bespitzelten Per­sonen aufbewahrt wurde, wurden 80 km vernichtet. Übrig sind immerhin noch ca. 180 Kilometer Akten. Hintereinander aufgereiht würden diese Akten von Ber­lin bis Magdeburg reichen, die einzelnen Blätter nebeneinander wahrscheinlich ein paar Mal um die Erde. Sie enthalten nicht nur Daten, die aus damaliger Perspektive sicherheitsrelevant waren, sondern auch viel unnötigen »Kram«. Die Mitarbei­ter waren angewiesen, alles zu sammeln. Dafür leerten sie auch mal einen Papier­korb und sammelten Telefonrechnungen, Einkaufszettel, Skat-Spiel-Aufzeichnun­gen. Wichtige Dinge wie Briefe aus dem Westen wurden schon in den Postzentra­len abgefangen und kopiert. Irgendwo in den kilometerlangen Gängen verborgen sind auch die Briefe, die meine Mutter meiner stasiüberwachten Ost-Verwandt­schaft geschrieben hat. In diesen Briefen hat sie erzählt, wie mein Bruder und ich heranwuchsen und uns entwickelten. Von dieser Zeit gibt es in unserer Familie sonst kaum Aufzeichnungen. Es ist merkwür­dig, dass gerade die Stasi unsere Sachen aufgehoben hat. Ich würde diese Briefe gerne einmal lesen.

Wahnsinn ist es, im Büro des früheren Stasi-Chefs Mielke zu stehen und den Mief von was weiß ich wie vielen Jah­ren Amtszeit zu riechen. Die Mitarbeiter haben die Polstermöbel und Gardinen schon mehrfach reinigen lassen, aber der Mief geht einfach nicht raus. Überall in den Schränken sind Tonbänder. Der Chef überwachte auch höchstpersönlich und hörte die Bänder im gemütlichen, blau ge­polsterten Sessel ab. Auf seinem Schreib­tisch thront die Totenmaske von Lenin. Wann immer Mielke am Schreibtisch saß und arbeitete, blickte er dem toten Revo­lutionär in die geschlossenen Augen. Ein Toter inspiriert einen Lebenden …

Wahnsinn waren auch die emotionsgela­denen Reaktionen der Menschen. Als ich mich als Wessi erstaunt und entsetzt über die Quote 1:62 (ein Stasi-Mitarbeiter pro 62 Bürger) äußerte, fauchte mich jemand an: »Schauen Sie doch, wie viele Polizis­ten wir heute haben!« Ich glaube es sind weniger (ca. 1:1.000), aber die Schärfe der Antwort traf mich. Als Betroffener darf man sich negativ über das System äußern, aber kritisieren als Besser-Wessi ist nicht erlaubt.

Wahnsinn, der größte Wahnsinn von al­lem, ist das Schicksal der Menschen. Da erzählte uns ein Herr Donnerhack, der auch ein Buch über seine Erfahrungen ge­schrieben hat, von seinen sechs Monaten im Gefängnis, die er dafür bekam, dass er »Honecker ist ein Schwindler« gesagt hat. »Nicht so schlimm«, meinte er, »an­dere hat es viel heftiger getroffen!« Zum Beispiel die Frau, die zusehen musste, wie ihre 12- und 13-jährigen Töchter von besoffenen Russen zu Tode vergewaltigt wurden. Als sie nach einem Aufenthalt in der Sowjetunion, wieder zurück in der DDR, davon erzählte, wurde sie verhaftet und zu mehreren Jahren Gefängnis wegen »Schändung des Ansehens der Sowjetu­nion« verurteilt. Etwa 10.000 Menschen saßen seiner Schätzung nach gleichzeitig als politische Gefangene in den Gefäng­nissen der DDR und produzierten fleißig (und kostengünstig) Auto- und Kamera­teile und vieles mehr – ein gutes Geschäft für den Staat und die Westfirmen, die dort günstig einkaufen konnten.

Wahnsinn, wie viel Geld die Stasi mach­te. 33.750 Gefangene wurden an die Bun­desrepublik verkauft und brachten 3,5 Milliarden DM in die Ostkassen. Täglich wurden ca. 90.000 Briefe kontrolliert. Etwa 132 Millionen DM, die darin ent­halten waren, wurden einbehalten. Ein­träglich war auch der Verkauf des Besitzes von Gefangenen. Per Gesetz konnte alles beschlagnahmt werden, was »dem Staat schaden könnte«. Nicht kann, sondern könnte. Das konnte alles sein. Eine schö­ne Villa, in der ja theoretisch Staatsfeinde beherbergt werden könnten – oder die Bi­bliothek des Lehrers Donnerhack. Er fand eines seiner Bücher, das noch seinen Na­mensstempel enthielt, Jahre später in ei­nem Antiquariat in Freiburg wieder und kaufte es zurück – für 40 Mark.

Wahnsinn, die Gefühle. »Mir erging es noch gut!«, betonte Herr Donnerhack im­mer wieder. Andere kamen grundlos ins Gefängnis, verloren ihr Haus, ihre Villa, weil die Stasi das Gebäude haben woll­te. »Mir ging es noch gut!«, sagte er und erzählte dann, dass er als Erstes, wenn er in eine neue Wohnung zieht, die Klingel abmontiert. Das Läuten einer Türklingel erinnert ihn zu sehr an seine Verhaftung, löst Angst und Panik bei ihm aus. »25 inoffizielle Mitarbeiter haben mich über­wacht. Ein paar sind seitdem aus Kum­mer gestorben. Nach der Wende ist nur ein Einziger zu mir gekommen und hat sich entschuldigt!« Vor 15 Jahren wurde ­­­­­die Stasi-Zentrale »gestürmt« (historisch ist noch nicht klar, ob das von der Stasi selbst mitinitiiert wurde, um von bestimmten Vorgängen abzulenken). Aber die Wunden, die dieser Überwachungsapparat in die Herzen von unzähligen Menschen geschlagen hat, sind noch keineswegs verheilt.

In Ruanda werden Täter und Opfer des Völkermords sich in Dorfgerichten gegen­übergestellt, der Täter wird mit seinen Ta­ten konfrontiert. Wenn er um Vergebung bittet, wird er rehabilitiert und wieder in die Dorfgemeinschaft integriert. Gemein­sam baut man das wieder auf, was zerstört ist und lernt, wieder miteinander zu le­ben. Ich finde das vorbildlich und würde mir wünschen, dass über die schmerzhaf­ten Vorgänge, die unser Land und seine Menschen mehrere Jahrzehnte lang ge­prägt haben, kein Schleier des Vergessens gezogen wird, sondern Aussprache und Heilung geschieht. Das wäre wünschens­wert, denn Opfer sind beide – diejenigen, die überwacht und schikaniert wurden, aber auch die, die freiwillig oder gezwun­genermaßen mitgemacht haben und jetzt mit der Schuld leben müssen.

Wahnsinn, sich Jesus in all dem vorzu­stellen. Ein paar Tage nach dem Besuch der Stasi-Zentrale habe ich Freunden von meinen Erfahrungen dort erzählt und an­schließend haben wir gebetet. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo Jesus in dieser Zeit war, als Menschen verfolgt, verletzt und misshandelt wurden. Beim Beten sah ich Jesus plötzlich in Mielkes Arbeitszimmer stehen, gekleidet, wie es in den 80er-Jah­ren im Osten üblich war, bleich und still. Ich sah vor meinem inneren Auge den di­cken Rücken von Mielke und Jesus, der mit leicht gesenktem Kopf vor ihm stand, um sein Urteil wegen Volksverhetzung entgegenzunehmen. Todesstrafe. Dann habe ich mich gefragt, ob Jesus sich mit der Frau identifizieren kann, deren beide Töchter zu Tode vergewaltigt wur­den. Und dann fiel mir ein: Ja, Jesus weiß, wie es ist, von einer Horde grölender Sol­daten misshandelt und vergewaltigt zu werden. Ich sah ihn innerlich vor mir, wie ihm die Augen verbunden wurden und er von einem Mob gewaltgieriger Soldaten fast zu Tode geprügelt wurde, brutal, im­mer weiter prügelnd; hier und da ein Tritt zwischen die Beine, Gelächter und Spott über die Hilflosigkeit des Opfers, Alko­hol, Lärm, verbundene Augen, absolute Hilflosigkeit.

Die Soldaten, die ich vor meinem inne­ren Auge sah, trugen nicht die römischen Gewänder der Zeit Jesu, sondern die Uni­formen, Schlagstöcke, Handschellen und Pistolen der Neuzeit. Jesus hat es selbst erlebt – die Bespitzelung durch die Sta­si seiner Zeit, das (religiöse) System, das die Macht nicht verlieren wollte und seine inoffiziellen Mitarbeiter losschickte, um Informationen zu erfragen, die diesen Ru­hestörer zu Fall bringen würden. Er hat gelitten unter der Macht des herrschen­den Apparates, wurde missbraucht, miss­handelt, gequält, in einem ungerechten Schauprozess zum Tod verurteilt und hin­gerichtet. Und in all dem, was er erlitten hat, hat er gewusst, dass Vergebung der einzige Weg zur Heilung ist. Als er nach der Folter am Kreuz hing und mit letzter Kraft sagte: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!«, hatte er auch unser Land und seine Wunden im Blick. Er war einer von uns. Wahnsinn.