Heft 21

« zurück zur Heftübersicht

Der Autor

Stefan Driess ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Herz schlägt für die Menschen, die Jesus noch nicht kennen. So ist er immer wieder auf New-Age-Konferenzen anzutreffen, um auf das wahre Licht Jesus hinzuweisen. Er gründet Hauskirchen, leitet Seminare für Esoteriker und Okkultisten und dient ihnen in Heilung und Prophetie. Außerdem ist er Gründer des Werkes »Why Not? - Missions«, das sich international für Arme und für notleidende Kinder einsetzt. Sein Zuhause ist in Manchester/England.

Dieses Heft bestellen

Das komplette Heft bekommst du, in dem du es im Webshop bestellst.

Jüngerschaft

Kann mir jemand einen Vater leihen?

Ich weiß nicht, wie oft ich in einer Mail, einem Anruf oder in einem persönlichen Gespräch gefragt wurde: »Würdest du mein geistlicher Vater sein?« Auch wenn einige mich heute als ih­ren geistlichen Vater bezeichnen (der ein oder andere ist sogar einiges älter als ich – strange feeling), erinnere ich mich sehr gut daran, wie ich selbst noch auf der Su­che nach einem geistlichen Vater war.

Es war einmal …
Weinend kam ich aus dem Büro eines geistlichen Leiters, der mir gerade klar gemacht hatte, dass er nicht mein geist­licher Vater sein wird, da ich zu rebellisch wäre. Und außerdem hätte er keine Zeit und würde nur bestimmte Personen jün­gern. Ich könnte höchstens in einer von ihm mitbetreuten Einrichtung für Hilfs­bedürftige unterkommen. Das konnte ich einfach nicht glauben, war ich doch den ganzen langen Weg zu diesem Leiter gefahren, ich war am Ende, wusste nicht mehr weiter und suchte lie­bevolle Korrektur und ein geistliches Zuhause. Wie konnte er nur so unbarm­herzig sein, er kannte mich doch nicht einmal richtig. Ich war am Boden zerstört und so wein­te ich die ganze 500 km lange Autofahrt bis nach Hause. Dann ließ ich meine Wut vor Gott aus (zum Glück hörte mich nie­mand). »Du bist genauso, du bist genau wie er und die anderen«, schrie ich.

Wollte ich doch nur eins: Dem Ruf, den ich auf meinem Leben spürte, folgen und lernen, aber sah das denn keiner? Wie ent­täuscht war ich – wollte ich doch nur ei­nen geistlichen Vater.

Während ich noch so meinen Selbstmit­leidsgottesdienst hatte, sprach der Heilige Geist sehr sanft, aber klar zu mir: »Höre auf, nach einem Vater zu suchen – werde selbst einer!« – Das war’s, das hatte ich ge­rade noch gebraucht. Sofort schoss es un­ter Tränen aus mir heraus: »Aber ich weiß doch gar nicht, wie ein Vater ist!?« Das war der Beginn einer wunderbaren Reise zum Vaterherz Gottes. Noch immer gibt es für mich keine größere und schö­nere Offenbarung, als das Herz des Vaters zu erkennen und zu verstehen.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?
Jesus ist das vollkommene Spiegelbild sei­nes Vaters (»Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.« – Johannes 14, 9). Aber wen oder was spiegeln wir wider? Das, was du lange genug anschaust, das wirst du. Als ich ein junger Christ war, schaute ich mir immer wieder Videos des Heilungsevangelisten Benny Hinn an und irgendwann ertappte ich mich dabei, dass ich vieles von seinem Dienst kopierte. Das ist nicht so schlimm, würden man­che sagen. Ist es auch nicht, solange man noch ein Kleinkind oder Baby im Herrn ist, aber wenn man in Christus reift, soll­te man sein eigenes Persönlichkeitspro­fil in Gott entwickeln. Denn wir wollen ja auch nicht, dass unsere Kinder mit 25 Jahren immer noch im Superman-Kostüm und mit Windeln herumrennen.

»Willst du die Bühne oder Kin­der?«
Zuerst verstand ich nicht ganz, was Gott meinte, aber ich empfand, es wäre nicht schlecht zu sagen: »Herr, ich möchte Kin­der.« Aber genauso könnte man sich als Leiter und Diener Gottes die Frage stellen: »Will ich einen Titel, einen Namen haben, be­kannt sein oder will ich Multiplikation (geistliche Kinder)? Will ich gesehen wer­den oder bin ich bereit, Platz zu machen und meinen Sohn (meine Tochter) zu sen­den, wie der Vater es getan hat?«

Zuckerbrot und Peitsche
»Denn wenn ihr zehntausend Zuchtmeis­ter in Christus hättet, so doch nicht vie­le Väter; denn in Christus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium.« (1. Korinther 4, 15)

Ich möchte hier gerne einige Merkma­le eines wahren Vaters aufzählen, die wir auch im Leben von Jesus sehen.

1. Wie im Natürlichen, so hat meiner Überzeugung nach auch im Geistlichen jeder Mensch (dessen Herz nicht von der Welt und den Kräften der Finsternis pervertiert wurde) den Wunsch, eigene Kinder zu haben – den Wunsch nach Vermehrung, Multiplikation (vgl. 1 Mose 1, 28). Aus einer echten Liebesbeziehung zu Gott, unserem Vater, werden wir dann durch den Samen des Evangeliums geistli­che Kinder zeugen und sie nicht von an­deren Vätern stehlen.

2. Ein Vater wird für seine Kinder sorgen: im Gebet, mit geistlicher Nahrung, aber auch mit materiellen Dingen. Er möchte, dass es seinen Kindern gut geht, und da­für ist er auch bereit, Opfer zu bringen und – wenn es sein muss – auch mal die Scherben mit ihnen zusammenzukeh­ren, die sie gemacht haben.

3. Ein Vater liebt es, Zeit mit seinen Kin­dern zu verbringen, um sie besser ken­nen zu lernen. Sehr oft sieht es aber doch viel mehr so aus, dass wir alle möglichen Waisen unter unserem Dach versammeln, aber wegen der großen Anzahl keine Zeit mehr finden, um mit ihnen Zeit zu ver­bringen. Denn wir müssen ja schließlich dafür sorgen, dass der Waisenhausbetrieb weiterläuft. So müssen manche warten, bis wir letztendlich mal wieder einen frei­en Termin in unserem Kalender haben.

4. Ein Vater möchte, dass seine Kinder erfolgreich und glücklich werden. Deswe­gen sollte er ihnen die Möglichkeit geben, ihre Begabungen zu entdecken und zu fördern. Jesus sandte seine Jünger zwei und zwei aus. Er vertraute ihnen und wollte keinen fünfseitigen Bericht, um sie zu kontrollie­ren. Er konnte ihnen vertrauen, weil er sie kannte und nicht nur eine Dienstbezie­hung zu ihnen hatte.

5. Ein Vater muss bereit sein, seinen Platz (sein Arbeitsfeld, siehe Jesus) zu verlas­sen, damit seine Kinder drankommen, und er hat das Verlangen, alles zu tun, damit sie letztendlich noch mehr Erfolg haben. »Ihr werdet größere Werke tun als ich, weil ich zum Vater gehe.« (Johannes 14, 12)

6. Ein Vater weiß, wem seine Kinder letzt­endlich gehören, und darum führt er sie in Reife und in eine Abhängigkeit von Gott statt von ihm selbst. Und da er weiß, welchen Einfluss sein Vorbild auf ihr Le­ben hat, lässt er sie Anteil daran haben, wie er selbst aus Gottes Gegenwart Weis­heit und Kraft schöpft und nicht aus dem Kassettenschrank oder den Büchern (vgl. Matthäus 4, 19: »Folgt mir nach …«).

7. Ein Vater erwartet von seinen Kindern nicht, dass sie alles genauso tun, wie er es tun würde, weil er weiß, dass seine Kin­der einzigartig und verschieden sind. Im Natürlichen erwarten wir ja auch nicht, dass unsere Kinder den gleichen Beruf wie wir erlernen.

Einmal fragte ich den Herrn: »Herr, was ist mit all den Prophetien, die du über die junge Generation gesprochen hast? Es ist schon so lange her, dass die jungen Leute, die das hörten, schon wieder älter sind.« Sofort sprach der Herr: »Die Propheti­en sind wahr, nur die Väter und Mütter sind nicht an ihrem Platz. Ich werde diese jungen Leute erst senden, wenn die Väter und Mütter an ihrem Platz stehen, und zwar hinter ihnen, nicht vor ihnen.« Viele von uns hatten diese Väter nicht – nun können wir darüber jammern oder den Ruf Gottes hören: »Werde selbst einer!« Wo könnte man das denn am besten lernen als beim Vater und im all­täglichen Leben? Also frage ihn: »Wie ist eigentlich ein Vater?«