Heft 21
Der Autor
Holger Steffe lebt zur Zeit in der Schweiz und studiert an der Pionier-Schule für Gemeindegründung und Mission. Er bereitet sich darauf vor, charakterstarke und kompetente Leiter auszubilden.
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Jüngerschaft
Sex oder kein Sex, das ist hier die Frage
Warum haben Christen keinen Sex vor der Ehe? Ich meine nicht Geschlechtsverkehr! Was hält sie davon ab, ›Petting‹ zu machen? »Wahrscheinlich ihr verklemmtes Denken!« – Das war jedenfalls meine Antwort auf diese Frage, nachdem ich mir zahlreiche Gedanken zum Thema Sex gemacht hatte (zumindest zu dem, was ich unter Sex verstand). Klar, als guter Christ hat man keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe, aber heißt das auch, dass man seinen Freund oder seine Freundin nicht küssen und anfassen darf? Wie kann ich dann vor der Ehe meine Sexualität in der Beziehung ausleben?
Meiner Fantasie waren hier (fast) keine Grenzen gesetzt. Und das Einzige, das mir in meinen Überlegungen einen Anhaltspunkt für eine Bewertung gab, war das Wort »erkennen«. Die Bibel schreibt davon, dass Adam Eva »erkannte«, und danach war sie schwanger (1. Mose 4,1). Das heißt, sie hatten wohl sehr wahrscheinlich Geschlechtsverkehr. Ich wüsste nicht, wie das sonst hätte passieren können.
Erkennen = Geschlechtsverkehr!
Genauso war dieses Wort bei mir besetzt – es war mir eben so beigebracht worden: Das Wort »erkennen« redet einzig und allein vom eigentlichen Geschlechtsakt. Die Bibel spricht davon, dass ein Mann Vater und Mutter verlässt, um eins mit seiner Frau zu werden. Das heißt, es entsteht eine Bindung zwischen ihnen, die sehr gut und von Gott gedacht ist. Dies geschieht (auch) durch den Geschlechtsverkehr. Wenn Mann und Frau miteinander schlafen, dann entsteht eine so starke Bindung, dass sie ein Fleisch werden. Fazit: Ich werde nicht mit meiner zukünftigen Frau schlafen, bevor wir nicht verheiratet sind!
Super, das ist ja so oder so der christliche Standard, aber wie weit darf man dann gehen? Beim Weiterspinnen des Gedankens fiel mir auf, dass dann sozusagen alles andere – nennen wir es mal »Petting« – erlaubt ist. Denn: Wenn ich erst in der Ehebeziehung ein Fleisch mit meiner Frau werden soll und dies durch den Geschlechtsakt passiert, dann ist Petting vor der Ehe eigentlich erlaubt, weil dadurch ja noch keine so starke Bindung entsteht. Wir Christen sind einfach nur zu prüde und zu gut im Uns-selber-Geiseln und können (oder wollen) uns das nur nicht eingestehen …
An diesem Punkt meiner Reflexion musste ich mich ganz klar fragen, ob ich wirklich weiterhin so pauschal für alle geltend sagen konnte: »Küssen ist ok, aber Petting gehört wie der Geschlechtsverkehr auch in die Ehe.« – Hat Gott vielleicht jedem ein unterschiedlich weites Gebiet gegeben, in dem er sich in der vorehelichen sexuellen Beziehung bewegen kann? Warum soll ich dann meine Verlobte nicht nackt sehen? Warum soll ich meinen Trieben nicht freien Lauf lassen und mich weiterhin unnötig quälen? Alle diese Fragen kamen mir plötzlich in den Sinn und mir wurde klar, dass ich mich noch entschiedener mit dem Thema auseinander setzen musste. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder ich lag total falsch oder ich stand kurz vor der »Befreiung der christlichen Sexualität«.
Erkennen = Geschlechtsverkehr?
Nachdem ich mich in Gottes Wort schlau gemacht hatte, musste ich mir eingestehen, dass ich mit meinen »revolutionären Gedanken« nicht ganz richtig lag oder – passender formuliert – extrem falsch. Das Wort erkennen, das für mich nur Geschlechtsverkehr bedeutete, spricht von weitaus mehr als nur dem Akt zwischen Mann und Frau. Im Hebräischen beinhaltet es weitere wichtige Aspekte. Wenn die Bibel von »erkennen« spricht, meint sie etwas Ganzheitliches. Zum einen werden als Erstes die Sinne des Menschen angesprochen, durch die er erkennt. Sei dies nun durch das Sehen, das Hören, das Fühlen etc. – er nimmt einen Gegenstand, eine Sache wahr. »Erkennen« endet jedoch nicht hier. Als zweiten Teil schließt »erkennen« immer auch das richtige Handeln mit ein. Gotteserkenntnis zum Beispiel spricht von einer Offenbarung Gottes und einem darauf folgenden angemessenen Handeln: Gott offenbart sich mir z. B. als Versorger. Daraus resultiert mein Handeln: Ich höre auf, mir Sorgen darüber zu machen, ob mein Geld reichen wird, weil er versorgt! Das Gleiche gilt für das »Erkennen« von Mann und Frau. Es ist das Wahrnehmen des anderen mit Folgen. Das heißt, den anderen nackt zu sehen, gehört sehr wohl in die Ehe, weil es der erste Teil des »Erkennens« ist (das sinnliche Wahrnehmen). Sex ist mehr als nur der Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau.
Warum kommt man so leicht in Versuchung, sich beim Anblick von leicht bekleideten/ nackten Frauen oder Männern die falschen Gedanken zu machen? Ich glaube, dass das zum größten Teil am »Erkennen« liegt, weil das Sehen (oder das sinnliche Wahrnehmen) Teil des »Erkennens« ist und die ausgelösten Gedanken eine ganz natürliche Folge davon sind. Ich bin nicht krank, wenn bei mir solche Gedanken hochkommen, sondern ich funktioniere im Grunde so, wie Gott sich das gedacht hat. Das heißt jetzt nicht, dass ich mir alle möglichen Aktfotos reinziehe, vielmehr bedeutet das für mich, solchen Eindrücken bewusst so wenig Raum wie möglich zu lassen. Wenn ich meine Verlobte nicht nackt sehen soll, dann erst recht nicht irgendeine andere Frau.
Sex im Hohelied
Das Hohelied ist nicht nur ein Buch der Bibel, das die Beziehung des Bräutigams, Christus, zu seiner Braut, der Gemeinde, thematisiert. Es ist auch ein sehr praktisches und erotisches Buch über die Beziehung zwischen Mann und Frau. Ich habe schon einiges sehr »Geistliches« über das Hohelied gehört (was bestimmt nicht alles schlecht war), beim Lesen hat mir aber eine simple Einteilung aus einem Ethikbuch geholfen, die ich für sehr sinnvoll halte:
1. Abschnitt:
Vor der Ehe: Kapitel 1,1–3,5
2. Abschnitt:
Die Hochzeit: Kapitel 3,6–5,1
3. Abschnitt:
In der Ehe: Kapitel 5,2–8,141
Im zweiten Abschnitt (Kapitel 3,6–5,1) ist zu Anfang die Rede von Salomo (dem Sohn Davids und Autor des Hohelieds) und seiner Hochzeit. Im selben Abschnitt wird dreimal die »Braut« erwähnt (4,8.12; 5,1). Davor und danach wird das Wort nicht ein einziges Mal gebraucht. Der Abschnitt schließt mit der Bemerkung des Mannes, dass er nun »in seinen Garten« kommt (5,1) und dessen Früchte genießt. Zusammen mit den vorangehenden Versen hört sich das nach einer leidenschaftlichen Hochzeitsnacht an.
Interessant ist, inwieweit in den drei Abschnitten der Partner beschrieben wird. Wichtig sind mir besonders der erste und zweite Abschnitt (1,1-3,5 und 3,6-5,1). Im ersten Abschnitt (vor der Ehe) wird zwar Leidenschaft und ein inniges Verlangen nach dem anderen beschrieben, der Körper des anderen wird jedoch nicht weiter erwähnt. Erst im zweiten Abschnitt (meiner Ansicht nach in der Hochzeitsnacht) fängt der Bräutigam an, den Körper seiner Braut zu beschreiben. So redet er zum Beispiel im Kapitel 4,5 von ihren beiden Brüsten, die »wie zwei Kitze« sind. Was sagt mir das Ganze? Für mich ist das eine weitere Bestätigung dafür, dass Sex in die Ehe gehört. Und der fängt nicht erst mit Befummeln an, sondern schon dann, wenn ich den anderen nackt sehe. Zudem ist es auch sehr weise, die körperlichen Bereiche, die vor der Ehe »tabu« sind, nicht zu thematisieren.
Will Gott uns quälen?
Das ist keine Strafe Gottes. Sex gehört in die Ehe und das auch deshalb, weil dadurch eine so starke Bindung zwischen Mann und Frau entsteht, dass ein vernünftiger Schutzraum notwendig ist, um dies auszuleben. Ich sollte mir sicher sein, dass der andere auch wirklich der oder die Richtige ist. Es geht beim Sex und Geschlechtsverkehr um weitaus mehr, als nur ein bisschen Spaß zu haben, wie es die Welt uns so gerne vormacht. Man wird eins mit dem Partner. Er oder sie ist danach ein Teil von dir. Willst du das wirklich?
Dass Sex in die Ehe gehört, ist zu unserem Schutz und nicht zu unserem Leid. Langeweile in der Beziehung hat Gott deshalb aber nicht vorgesehen. Was man im Hohelied in allen drei Abschnitten wiederfindet, sind Leidenschaft und ein inniges Verlangen nach dem anderen. Ich finde, das hört sich doch sehr gut an. Ich glaube, dass Gott – solange wir uns in den verschiedenen Phasen unserer Beziehung in den vorgesehenen Grenzen bewegen – diesen Bereich der Sexualität segnet und dass dieses Feuer der Leidenschaft immer wieder neu füreinander entfacht wird. Diese Leidenschaft bereichert die Beziehung wesentlich mehr als vorehelicher Sex ohne Gottes Segen.
Mein folgendes Statement klingt vielleicht im ersten Moment verrückt, es beschreibt jedoch nur die Tatsache, dass mit Gott alles tausendmal besser ist. Ich hatte vor meiner Bekehrung eine Freundin und mit dieser auch Geschlechtsverkehr. Trotz aller Intimität ist keiner dieser Momente vergleichbar mit der Leidenschaft und der Befriedigung, die ich hatte, als ich zum ersten Mal die Hand meiner Verlobten hielt oder als ich sie zum ersten Mal küsste. Warum das so ist? Weil Gott seine Kinder liebt und weniger manchmal mehr ist. Sich vor der Ehe »einzuschränken« ist kein Verlust, sondern ein Gewinn! Statt etwas vorwegzunehmen (und einen Schaden zu verursachen), kann ich vollstens genießen, was Gott für die Zeit vor der Ehe geplant hat. Und das ist mehr als genug! You will see …
1 Diese Dreiteilung geht auf die Hohelied-Auslegung von Jack S. Deere zurück, dargestellt in: Thomas Schirrmacher: Ethik: Lektionen zum Selbststudium. Bd. 2: Das Gesetz der Freiheit & Ehe und Sexualität. 2. Aufl., Nürnberg: Verlag für Theologie und Religonswissenschaft, 2001, S. 719–720.

