Heft 22
Die Autorin
Franziska Arnold (23) kommt ursprünglich aus Thüringen und studiert derzeit in Berlin Englisch und Deutsch auf Lehramt sowie Hindi. Sie kann sich für Vielfalt, Farben, Worte, Kinder, Nationen, Kulturen, Sprachen, Schöpfung und (weil sich das für jemanden, der in einer solchen Zeitschrift schreibt, einfach gehört) Jesus begeistern.
Dieses Heft bestellen
Das komplette Heft bekommst du, in dem du es im Webshop bestellst.
Jüngerschaft
Ansichtssache
// Schon klar. Bei den andern, da geht das alles wunderbar. Die segnest du, auf die passt du auf und die haben Erfolg. Die werden gesehen und es geht ihnen rundum gut. Und was ist mit mir? Vergessen hast du mich, oder, was am Ende noch viel wahrscheinlicher ist, du bestrafst mich die ganze Zeit einfach. So wie immer. Teil eines geplagten Volkes, das ist alles, was ich bin. Keine Ahnung was du nun schon wieder gegen mich hast. Wir haben doch schon bedingungslos kapituliert, alles in Schutt und Asche gelegt und von Null angefangen. Was haben wir denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Und was verlangst du noch alles von uns, damit endlich mal das eintritt, worauf wir schon immer warten. ICH BIN BEI EUCH BIS AN DER WELT ENDE. Womit habe ich nur solch miserable Verhältnisse verdient? Es wird doch nicht etwa an mir liegen! Wenn ich mir den ganzen Schlamassel anschaue, wird mir schon wieder ganz schlecht. Von der Politik ganz zu schweigen. Diese unverschämte selbstgenügsame Chaosfabrik schau ich mir ja jetzt auch schon lang genug an. Kann doch nicht sein, dass es da nicht mal einen einzigen vernünftigen Menschen in dem Häufchen Elend gibt. Ich kann ja schon von Glück reden, wenn ich einen Tag erlebe, an dem ich nicht mindestens fünf parlamentarische Schreckensnachrichten zu verdauen habe. FÜRCHTET EUCH NICHT, DENN ICH BIN BEI EUCH. Da lauf ich mir Tag und Nacht die Hacken wund und der gebührende Dank hat solch klangvolle Namen wie Hartz I bis IV. Zustände, wie sie nicht einmal das alte Rom kannte, und so langsam brauchen wir wohl unseren eigenen Messias. Aber ob das noch was bringt, ist dann auch fraglich. ICH BIN GEKOMMEN, DASS IHR LEBEN HABT UND VOLLES GENÜGE. Und in diesem Chaos erwartet man noch von mir, dass ich Kinder in die Welt setze. Das kann man doch keinem antun, die armen kleinen Würmchen. Woher soll man denn das ganze Geld für so eine kleine Person haben? Deine wahnwitzige Idee von »Seid fruchtbar und mehret euch!« mag ja früher mal funktioniert haben, heute haben wir andere Sorgen. DIE LILIEN AUF DEM FELDE – SIE SÄEN UND SIE ERNTEN NICHT, UND DOCH HAT GOTT SIE SCHÖNER GEMACHT ALS SALOMO IN ALL SEINER PRACHT. Über Geld brauchen wir ja schon gar nicht mehr zu reden. Die absolute Lachnummer, das sind die Gehälter heutzutage. Ich weiß ja schon fast nicht mehr, wo ich noch überall sparen soll. Es ist ekelhaft, sich ständig billig vorkommen zu müssen. Dabei will ich mir doch einfach mal was leisten können und nicht stets knauserig sein müssen. IHR SEID TEUER ERKAUFT. DEN HÖCHSTEN PREIS HAB ICH FÜR EUCH BEZAHLT. Ich will ja auch nicht gleich zu unlauteren Mitteln greifen. Nur manchmal werde ich ja regelrecht dazu gezwungen. Herr Eichel muss einfach nicht alles wissen. Was denkt er eigentlich, wer er ist, so furchtbar neugierig zu sein? Meine Angelegenheiten gehen ihn einfach nichts an. UND DIE WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN. Mit all dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit kann ich einfach nicht mehr halten, immer benachteiligt zu werden. Selbst in deiner Gemeinde sieht es nicht anders aus. Daran kann ich auch nichts mehr ändern. IHR SEID DAS SALZ DIESER ERDE. Aber ich schmecke doch selbst nach nichts. IHR SEID ZUM SEGEN GESETZT. Davon sehe ich nichts. Ich brauche selbst erst mal jemanden, der mich segnet. KEIN WORT, DAS AUS MEINEM MUNDE HERVORGEHT, KEHRT LEER ZURÜCK. Das will ich erst mal sehen. Das kann doch keiner glauben. MEIN WERK AM KREUZ IST PERFEKT. Schön für dich, nützt mir aber herzlich wenig, wenn ich nicht perfekt bin. KOMMT HER ZU MIR ALLE, DIE IHR MÜHSELIG UND BELADEN SEID. Aber so kann ich doch nicht kommen. Ich muss doch erst mal selber klarkommen, mich durchs Chaos wühlen, alles aussortieren und aus dem Weg räumen, mich schick machen, mich gut fühlen … KOMM EINFACH. Aber … ICH HAB ALLES VORBEREITET, ALLES AUSGEFÜHRT, ALLES DURCHDACHT. ALLES IST DEIN. KOMM ZUR RUHE IN ALLEM, WAS ICH FÜR DICH BIN. Nein, so einfach geht das nicht. Du verstehst nicht … VERTRAU MIR! Ich muss doch … ES IST VOLLBRACHT! ///

