Heft 22

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Der Autor

Marcus Waidelich ist 7 Minuten älter als sein Zwillingsbruder Steve, dafür aber 7 cm kleiner oder »konzentrierter«, wie er zu sagen pflegt. Nach der Schule hat er eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann abgeschlossen. Nachdem er viel mit Normal Generation? unterwegs war, arbeitet er gerade als Hip-Hop- und Breakdance-Tanzlehrer. Er ist kreativ, sucht immer Neues und lebt manchmal in seiner eigenen Welt, die viel mit Beats, Show, Performance und Tanz zu tun hat. Bei Normal Generation? ist er hauptsächlich Tänzer und Rapper. Sein Lebensmotto: Outsider … and proud of it!

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Gesellschaft

Hip-Hop im Zeitalter der Kopfnicker

// »Hip-Hop?« Was ist das? Ich gehörte wohl zu den Typen, die dieses Wort noch nie gehört hatten. Damals in den 80ern gab es nur drei TV-Programme in unse­rem Kuhdorf. Satelliten- und Kabelan­schluss kannte man nicht. Kein Internet, kein E-Mail und … Werbeunterbrechun­gen? Nie davon gehört. Tapes und Vide­okassetten regierten die Welt und es gab genauso viele CDs in den Läden, wie man heute Tapes findet – keine.

In den Nachrichten sah ich einen Sie­ben-Sekunden-Ausschnitt der »DJ-Welt­meisterschaft« und ich war hin und weg. Ein anderes Mal standen im TV ein paar rappende Jungs um eine Tonne, begleitet durch eine Beatbox. Ohne zu wissen, was das war, sprach es mir aus dem Herz und ich wollte dazugehören.

Heute weiß jeder, was Hip-Hop ist, und was wir uns noch hart erarbeiten mussten, gibt’s heute für jeden Spacker »for free«. Keiner fragt mehr nach den Wurzeln, und aus der positiven Hip-Hop- Ideologie wurde eine Werbemaschine für Drogen, Sex und aufgesetztes Machogehabe. Man spricht vom »Echtsein« (REALNESS), aber alles, was »Mann« macht, ist zur Schau gestelltes Testosteron: überzogen, unecht und total ichbezogen.

Inhaltlich lassen sich fast alle Hip-Hop-Texte wie folgt beschreiben: »Isch bin der Größte, der Beste und hab’ den Längs­­ten …« Manche Hip-Hopper haben diese Inhaltsschwäche bereits erkannt und fragen: »Hat Hip-Hop denn nix mehr zu sagen?« Dann verharren sie in diesem fragenden Nichtssagen – und das schon seit Jahren. Leider ist es auch hier so, dass die Ausnahmen die Regel bestätigen!

In einer Kultur, in der Platten durch Hör­spielsex und Schusswunden statt durch Qualität oder Inhalt verkauft werden, in der Kleinstadt-Bubies zu Drogen verkaufenden Möchtegern-Gangstern und auf­getakelte Mädels bei Bass und Beat zu billigen »Bitches« mutieren (mit dem Voll­ziel, ganze Flittchen zu werden – sorry für die Ausdrucksweise), muss ich mich echt fragen, ob ich überhaupt noch dazugehö­ren möchte. So viel »Bullshit« (sorry noch mal) wird von kiffenden Möchtegern-Denkern als Wahrheit und so viel Dreck als Gold verkauft. Getreu dem Motto »1000 Fliegen sitzen auf Scheiße – somit muss Scheiße gut sein«, kauft die Hip-Hop-Gemeinde jeden Müll, egal ob von Snoop Dogg, 50 Cent oder Missy Elliott.

Denn »wer die meisten Platten verkauft, hat Recht« – und das stimmt wiederum nicht. Es stimmt wohl eher: »Wer die meisten Platten verkauft, hat sich am bes­ten angepasst.« – »Beliebt ist der Weg der Erkenntnis, belebt ist der Umweg«, heißt es ja schon lange. Und schon lange ist aus der revolutionären Hip-Hop-Kultur ein angepasstes Trendgängertum geworden, das aber immer noch gekonnt suggeriert: »Hey, wir sind etwas Besonderes, nicht normal – anders!«

Absolut inkonsequent und unehrlich wirkt es auf mich, wenn gerade Hip-Hop-Größen (z. B. Eminem, Busta Rhymes usw.) George W. Bush für seine Kriegspo­litik verurteilen, aber selbst zur Profitma­ximierung Gewalt verherrlichen. »Man erntet, was man sät,« steht geschrieben. Rapstars, die Mord und Gewalt predigen, tun gut daran, erst mal vor der eigenen Tür aufzuräumen, bevor sie in Kinder­­gartenmanier auf andere zeigen. Das wäre für mich glaubwürdig (REAL), aber anscheinend gehör’ ich zu den wenigen, die das so sehen. Die Hip-Hop-Gemeinde will so etwas nicht sehen, nicht hören und letztendlich bleibt es wie beim Konzert: Alle sind Kopfnicker, denn Hauptsache, der Beat stimmt.

Über Michael Jackson mag man denken, was man will, aber wenn er in seinem Hit sagt: »I’m starting with THE MAN IN THE MIRROR«, trifft das genau den Punkt. Veränderung fängt bei mir und nicht (!) beim anderen an. Eine MTV-Hip-Hop-Gesellschaft, in der Authenti­zität und Wahrhaftigkeit einem Auto mit abgesägtem Auspuff gleichen, das zwar gut tönt, aber nichts unter der Haube hat, tut Not an dieser und auch anderen Wahrheiten.

Die Wahrheit ist wichtig, denn sie macht frei. Nun muss sie nur noch gesagt wer­den, und da kommen wir Christen ins Spiel. Leider verbreiten wir die Wahrheit oft nur mit Worten, und deshalb sind vie­le christliche Botschaften ein »blowing in the wind«, wie man es auch in der Hip-Hop-Szene findet, wenn z. B. R. Kelly & P. Diddy von Jesus als bestem Freund singen und zur selben Zeit wegen Kin­desmissbrauchs und Schießerei angeklagt sind. Wir Christen schreiben viele gute Texte, aber wenn man eins und eins zu­sammenzählt, drückt es und zwickt es, aber passen tut es nicht. Johannes der Täufer sagte: »Ich muss abnehmen und er (Jesus) muss zunehmen.« Die Lösung des Problems liegt also auch hier im Spie­gelbild: Weniger »ich, mir, meiner, mich« und mehr »Ihm, dir, deines, dich«.

Hier ein paar Beispiele aus der christli­chen Musikszene, mit Ironie betrachtet: Getreu dem »biblischen« Motto »Die Ers­ten werden auch die Ersten bleiben«, sind viele schnell dabei, zum Mic zu greifen, um ein paar tolle Reime über Gott zu »busten«; das weniger gesalbte Volk putzt, staubsaugt und entsorgt den Müll. Neid ist eine gute Tugend, denn sie führt zu Qualitätssteigerung. Warum selbstlos sein und sich mit besseren und erfolgreicheren Brüdern freuen, wenn sich doch durch Konkurrenz bessere Arten der Verkündi­gung eröffnen?! Dazu ist noch wichtig, dass ich vorne steh, weil ich’s einfach am besten kann und nun mal ein Allround­talent bin – hab mir dieses Recht ja auch hart erarbeitet. Da ich viel von Gott sage, ist es seine Pflicht, mir auch die nötige Plattform – am Besten auf großen Büh­nen, in Radios und TV – zu geben, denn 50.000 Platten machen einen Porsche.

Übertreibung beiseite. Es ist wohl mehr von diesem Dreck in unserem Herz, als wir wahrhaben wollen. »Ich muss ab­nehmen und er muss zunehmen« – dar­an mangelt es. Traurig ist, dass viele mit und durch den Geist angefangen haben und nun versuchen, inspiriert durch Cas­ting- und Talentshows, einen Erfolgstrip auf christlich zu machen. Dabei wird ver­gessen, dass es in Gottes Reich nicht in erster Linie um Talent und Können, son­dern um Charakter und Herz geht. »Gott beruft nicht die Begabten, sondern begabt die Berufenen,« und wer auf dem falschen Weg ist, tut besser daran, früher als später umzukehren.

Es gibt grundlegende Dinge in Gottes Reich, die vor dem großen Bühnenauftritt gelernt sein sollten (z. B. Demut, Dienen, Liebe, Selbstlosigkeit usw.) und die erst einmal wichtiger sind als Text und Mu­sik. Wenn wir uns diesen Dingen nicht ­stellen, sind wir nicht anders, nichts verändernd, trotz guter Worte nichts sagend und ebenso Kopfnicker wie alle. Also: ­Heute schon genickt? Für die anderen gilt: »Ihr seid das Licht der Welt!« (Matthäus 5, 14) ///