Heft 22

« zurück zur Heftübersicht

Der Autor

Mickey Wiese ist verheiratet mit einer Lobpreistänzerin, Vater von zwei wunderbar wilden Kerls und Pastor. Er hängt mit seinem Freund Gott in Frankfurt ab und versucht, die bedingungslose Liebe Jesu in den Alltag von Jugendlichen zu übersetzen.

Dieses Heft bestellen

Das komplette Heft bekommst du, in dem du es im Webshop bestellst.

Kolumne

Mein Freund Gott und ich

// Als mein Freund Gott am Kreuz verblu­tete, erkannte ich, dass mein Leiden keine Chance mehr hatte. Und das kam so.

Neulich traf ich meinen Freund Gott in einer Kirche. Da gehe ich immer wieder gerne hin, knie vor ihm nieder und dann genießen wir einander still. Dieses Mal aber drängte mein Leiden unverschämt an die Oberfläche und ich jammerte ihm die Ohren voll. Nun ist das für meinen Freund Gott nichts Neues, denn ich lei­de schon seit ich denken kann unter den verschiedensten Unzulänglichkeiten. Das Gute, das ich will, tue ich nicht und das Böse, das ich nicht will, das tue ich oder ermögliche ihm durch meine Unterlas­sungen zumindest eine weitere Ausbrei­tung. Nicht immer live, aber immer öfter in Gedanken, was auch nicht viel bes­ser ist. Na, jedenfalls drehte sich mein Freund Gott an diesem Tag in der Kirche plötzlich zu mir um, lächelte mich an und sagte: »Mickey, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.« Bingo! Da wusste ich doch gleich wieder wo ich war und dass ich dort zu Recht hingehöre und dass meine Leiden die gerechten Konsequen­zen meiner Gottesferne sind. Zum Glück im Unglück hatte mein Freund Gott die gute Schächerseite für mich reserviert. Meistens hört mein Freund Gott mir ja einfach nur zu, wenn ich jammere, und antwortet auf meine Frage »Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von die­sem Leibe des Todes?« mit einer liebevol­len Umarmung und einem fetten Kuss. Diesmal wollte er mir aber etwas Neues zeigen. Und so führte mein Freund Gott mich in die Betrachtung seines Leidens ein, wie er es schon seinerzeit mit unse­rem gemeinsamen Freund Martin Luther getan hatte. Dass nur die Wahrheit mich letztlich wirklich frei machen würde, hat­te ich irgendwo schon einmal gelesen. Dass diese Wahrheit mein für mich blu­tender Freund Gott ist, wie es kein Gib­son dieser Erde brutaler zeigen könnte, lernte ich nirgendwo. Denn gerne geben Vorbilder ihre Sünde, die eine solch blu­tige Konsequenz nach sich zieht, ja nicht zu. Auch die Ehrwürdigkeit meiner eige­nen Glaubensposition kann manchmal zu einer abschottenden Seifenblase ver­kommen und nur noch meinen äußeren Schein wahren. »Wenn du so vermessen sein willst, mein lieber Mickey«, stichelte mein Freund Gott jedenfalls an der Bla­se herum, »und dich selber durch dein Jammern, durch Reue und Genugtuung zum Frieden bringen willst, dann wirst du niemals zur Ruhe kommen. Das habe ich doch schon unserem Freund Martin erklärt.« Wenn wir nämlich selber mit unseren Sünden in unserem Gewissen fertig werden wollen, sie bei uns bleiben lassen und sie (nur) in unserem (eigenen) Herzen anschauen, so sind sie uns viel zu stark und leben ewig. Aber wenn wir se­hen, dass sie auf Christus liegen, dass er sie durch seine Auferstehung überwindet, und wir das voller Zuversicht glauben, so sind sie tot und zunichte geworden. Des­wegen soll das Leiden meines Freundes Gott ein Vorbild für uns sein, das uns unter allen Umständen vor Augen steht, damit wir den Umgang mit ihm lernen. Denn wenn ich meinen Freund Gott ne­ben mir so nackt anschaue, dann hat in diesem Augenblick größter Intimität mein Leiden keine Chance mehr. Wenn ich mir die Dornenkrone und die Nägel intensiv ansehe, dann rücken Schmerzen und Krankheiten in eine andere Perspek­tive. Wenn ich etwas tun muss, das mir zuwider ist, oder etwas unterlassen muss, das ich gerne getan hätte, dann denke ich daran, wie mein Freund Gott gebunden und gefangen hin und her geführt wurde. Wenn der Stolz mir die Augen schließt, dann versuche ich noch eben durch einen kleinen Schlitz zu sehen, wie mein Freund Gott verspottet und mit uns Schächern verachtet wurde. Und wenn ich, gerade als Mann, wieder einmal in Gefahr ste­he, von kleineren Körperteilen und an­deren Hormonen gesteuert zu werden, dann schaue ich auf das Kreuz und sehe, wie bitter der nackte Leib meines Freun­des Gott gegeißelt, durchstochen und durchschlagen wurde und unkeusche Ge­danken haben keine Chance mehr. Und wenn mich Hass, Neid und Rachsucht zu verzehren drohen, dann denke ich daran, wie mein Freund Gott mit vielen Tränen und Gebeten für mich und alle seine an­deren Feinde zum Vater im Himmel ge­betet hat. So und auf vielfältige andere Weise bietet die Betrachtung des Leidens meines Freundes Gott, allein schon durch die bloße Betrachtung eines Kreuzes in einer Kirche, Schutz und Schirm vor al­lem Bösen.

Wenn mir jedenfalls seither dunkle Wi­derwärtigkeiten den Blick auf die Wahr­heit versperren wollen, dann vorbilde ich mir immer wieder ein, dieses Lächeln meines Freundes Gott am Kreuz zu se­hen, wie er mir ein Einfachticket zum Paradies unter die Nase hält. Und dann reiße ich die Augen »HalloWach«-mä­ßig auf, nehme mein Kreuz auf mich und zie­he weiter von Tisch zu Tisch des Herrn. ///