Heft 23

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Die Autorin

Kerstin Hack hat Anglistik und Ethnologie studiert. Sie leitet »Down to Earth«, einen Verlag, der Bücher und Videos zu den Themen Kunst, gelebte Spiritualität und regionale Veränderungsprozesse publiziert. Zu diesen Themen bietet Kerstin auch Beratung und Vorträge an. Sie ist (Mit-)Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher und Arbeitshilfen. Sie engagiert sich bei »Gemeinsam für Berlin« für ihre Stadt und liebt Fotografie, Kunst, Kino, Blumen, innovative Gedanken und inspirierende Begegnungen. Mehr von ihr gibt’s unter: www.down-to-earth.de (ihre Firma) oder www.kerstin.down-to-earth.de (persönliches Internet-Tagebuch)

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Gesellschaft

Wir wollen Wossis

// Eigentlich wollte ich nur ein paar Ohr­stöpsel und Haargummis kaufen, aber als ich an der Kasse der Drogerie die Duplos liegen sah, griff ich zu und kaufte zwei: ei­nen für mich und einen für meine Freun­din Birgit, der ich eine Freude machen und eine kleine Aufmunterung zukom­men lassen wollte. Duplos sind für mich der Inbegriff von Kindheit, Geborgenheit und Trost. Im Küchenschrank lagen sie links oben, über dem feinen Sonntagsge­schirr. Und immer wenn – wegen einer verpatzten Mathearbeit oder Streit mit Mitschülern – Trost nötig war, gab Oma uns ein Duplo … manchmal natürlich auch einfach so. Diesen Geschmack von Kindheit und Trost wollte ich mit Birgit teilen. Erst draußen vor der Tür fiel mir ein, dass es in ihrer Kindheit keine Du­plos gab. Sie ist im Osten Deutschlands aufgewachsen, da gehörte »Duplo« nicht zum Alltag. »Duplos gab es einmal im Jahr. Immer dann, wenn wir Westbesuch hatten.« Also ganze 22 Duplos von ihrer Kindheit an bis zur Wende.

Manchmal fällt mir so etwas noch recht­zeitig ein. Es ist verrückt: Obwohl ich in Berlin lebe, das ja bekanntlich auch im Westen vom ehemaligen Osten umgeben ist, kenne ich den Osten kaum. Mir geht es da wie vielen Wessis. Ich war mal zwei oder drei Tage in Dresden, einen Tag in Leipzig, zwei auf Rügen, ein Wochenen­de in Neuruppin – kenne einzelne Orte hier und da und natürlich Potsdam, weil ich in Berlin lebe und viele meiner Berlin-Besucher diese wunderschöne Stadt besu­chen möchten.

Und wo man sich nicht kennt, wachsen Vorurteile. So wie sie in der Äußerung des bayrischen Ministerpräsidenten Stoiber während des Wahlkampfs zum Ausdruck kamen und für viel Wind gesorgt haben: »Ich akzeptiere nicht, dass erneut der Os­ten bestimmt, wer in Deutschland Kanz­ler wird. Es darf nicht sein, dass die Frus­trierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen.«

Mir hat diese Pauschalverurteilung weh­getan. Ich habe die Menschen im Osten immer für das bewundert, was sie ge­schafft haben. Mich überfordert es jedes Mal, wenn ich in einer Drogerie stehe und zwischen 52 verschiedenen Zahn­pasta-Sorten (oder heißt das Zahnpasten oder Zahnpasteten?), 80 Deos und 320 verschiedenen Haarpflegeprodukten aus­wählen muss. Und das, obwohl ich im Westen aufgewachsen bin und es eigent­lich gelernt haben sollte, mit dieser Viel­falt umzugehen und klarzukommen. Ich frage mich jedes Mal, wie Menschen da­mit klarkommen, die das »Vielfalts-Ma­nagement« nicht von Kindesbeinen an ge­lernt haben, weil es von allem nur eines gab: Eine Partei, eine (oder zwei, drei) La­denketten, ein paar wenige Automodelle, auf die man 15 Jahre warten musste, um dann per Telegramm (!!!) über den Abhol­termin informiert zu werden … Es ist er­staunlich, wie gut die Bewohner der neuen Bundesländer diesen massiven Wechsel in allen Lebenssystemen geschafft haben und wie gut es ihnen gelang, sich auf mehrere Parteien, kapitalistischen Existenzkampf, 52 Sorten Zahnpaste und 1.000 andere Dinge einzustellen. Alle Achtung.

Natürlich gibt es da auch die Frustrierten, diejenigen, die es nicht geschafft haben, die der Vergangenheit nachtrauern, den anderen ihren Erfolg missgönnen und sich am liebsten weiter von Vater Staat versor­gen lassen wollen. Aber mal ehrlich: Die gibt es doch genauso im Westen. Wenn ich da an die Dreißigjährigen denke, die noch immer bequem im Hotel Mama wohnen und den Absprung in ein eigen­verantwortliches Leben nicht geschafft haben. Diejenigen, die bei jeder Kürzung laut aufschreien, weil sie erwarten, dass die anderen für sie sorgen: der Staat, die Familie oder gar die nächste Generation. Jeder Kredit (ob privat oder staatlich) ist Stehlen von der nächsten Generation, die dafür aufkommen muss, wenn man es selbst zu Lebzeiten nicht schafft.

Meine Schwester ist Sozialarbeiterin und hat zum Teil mit Jugendlichen zu tun, die Sozialhilfeempfänger in der dritten Generation sind. Die Geschichten sind haarsträubend. Von Schülern, die als Be­rufsziel angeben, ihr Leben lang von Sozi­alhilfe leben zu wollen. Von Müttern, die es nicht wagen, ihre minderjährigen Söh­ne morgens um 10 Uhr zu wecken und daran zu erinnern, dass sie doch eigent­lich seit einer Stunde beim beruflichen Trainingsprogramm sein sollten.

Eine Abgeordnete aus Thüringen hat es kürzlich in einem Zeitungsartikel recht treffend formuliert. Die Probleme, die die Wessis im Osten wahrnehmen (Trägheit, Sehnsucht nach der guten alten Zeit, Ver­sorgungsmentalität, wenig Eigeninitiati­ve, Jammermentalität) sind die gleichen, die Ossis, die in den Westen kommen, bei den Wessis wahrnehmen. Viele dynami­sche Menschen aus dem Osten, die hart dafür gekämpft haben, sich eine neue Existenz aufzubauen, empfinden Wessis als wenig initiativ, im Rückblick auf die guten fetten Jahre als gefangen, voller Selbstmitleid und mit wenig Bereitschaft, sich Veränderung auch etwas kosten zu lassen.

Warum aber sehen wir nur die Probleme bei den anderen, nehmen sie bei uns selbst nicht wahr? Die Problematik ist nicht neu. Schon Jesus hat, als er bei den Menschen seiner Zeit ähnliche Realitätsverschiebun­gen wahrgenommen hat, fast erstaunt gefragt: »Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?« (Lukas 6, 41) Heute würde er vielleicht in einem Fernsehinterview Ähnliches sagen: »Sag mal, warum siehst du nur das, worin die anderen falsch liegen, aber das Brett vor deinem eigenen Kopf nimmst du nicht wahr?«

Wenn man dem anderen wirklich in die Augen schaut, dann sieht man erstaun­licherweise sich selbst reflektiert. Dann sieht man vielleicht noch, was dem an­deren die Sicht versperrt, aber man sieht auch, wo man selbst Dinge nur sehr ver­zerrt wahrnimmt. Im Spiegel der echten Begegnung mit dem anderen nimmt man sich selbst anders wahr.

Im Grunde genommen haben wir uns diesen Prozess des wechselseitigen Ken­nenlernens nie gegönnt. Die Einheit kam so schnell, so glücklich überraschend, dass sie für die eine Seite eher eine Ver­gewaltigung, für die andere Seite eher wie eine arrangierte Ehe mit einem fremden Partner war. Man hat sich mit der Situati­on arrangiert, aber leidet immer noch auf beiden Seiten darunter, dass keine natürli­che, sanfte Annäherung, kein zartes Wer­ben um das Herz und das Verständnis des jeweils anderen möglich waren.

Stoiber hat Recht. »Es darf nicht sein, dass die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen.« Weder die Frustrierten im Osten, noch die Frustrier­ten im Westen unseres Landes. Die Zu­kunft bestimmen sollten besser die Men­schen, die Hoffnung haben und sich aktiv für eine gemeinsame Zukunft einsetzen. Für diesen Weg gibt es keine Abkürzun­gen. Er muss Schritt für Schritt gegangen werden.

Da reicht nicht mal »nur beten«, so wich­tig Gebet als Grundlage für Veränderung ist. Man kann Einheit in einem Land nicht durch ein paar schnelle Gebete – »Herr, mach uns eins!« – und Lippen­bekenntnisse bewirken (und ebenso we­nig in einer Partnerschaft, Gruppe oder Gemeinde). Gebet ist wichtig, um Gott zu begegnen, Mauern im Herzen abzu­bauen und Wege zu öffnen. Aber echte Einheit wächst durch Kommunikation, Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und Herausforderungen. Ich wünsche mir für mich und andere, dass wir beginnen, den »Balken« aus unserem Auge zu ziehen, die Bretter der Vorurteile wegzunehmen, und uns die Zeit nehmen, einander zu begegnen – und uns in vielen Bereichen gemeinsam auf den Weg machen, um das Potential, mit dem Gott unser Land be­schenkt hat, gemeinsam zu genießen, aus­zuschöpfen und auch zum Wohl anderer Nationen einzusetzen.

In zwei Tagen werde ich mich auf den Weg machen und alleine mit dem Rad durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern radeln. Es ist meine erste lange Begegnung mit dem Osten unse­res gemeinsamen Landes. Ich freue mich darauf, den Osten und seine Menschen ein bisschen besser kennen zu lernen. Ich freue mich sehr. ///