Heft 24

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Der Autor

Benjamin Finis (21), lebt im schönen Schwarzwald und studiert BWL an der FH Pforzheim. Sein ausgeprägtes politisches Bewusstsein mündet in der aktiven Mitgliedschaft bei einer großen Volkspartei. Bei JMS Altensteig engagiert er sich im Jugendleitungsteam. Sein Herz schlägt für junge mündige Christen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

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Gesellschaft

Die 68er Bewegung

// Wenn man über den Werteverfall un­serer heutigen Gesellschaft diskutiert, so stößt man immer wieder auf das Phäno­men der 68er-Bewegung – eine soziale Bewegung, die unsere Gesellschaftsethik vollständig auf den Kopf gestellt hat und deren Auswirkungen heute sichtbarer sind denn je. Der Versuch einer Erklärung …

Umstände, die zum Protest reizten
Das Moral- und Gesellschaftsverständ­nis der Nachkriegsgesellschaft war prü­de und stockkonservativ. Man hatte den Krieg und die Hitler-Herrschaft überlebt und schwieg konsequent über eigene Ver­strickungen in das NS-Regime. In der Familie herrschten strenge Regeln, dem Vater war stets und bedingungslos zu ge­horchen. Der Lebensbereich der Frau war durch die drei »K« beschrieben – Küche, Kinder, Kirche. Eine Berufstätigkeit der Frau galt als Schande für den Mann, da damit ausgesagt wurde, dass dieser nicht in der Lage war, seine Familie zu ernäh­ren.

Was die Kinder in der Schule oder am Nachmittag machten, kümmerte viele El­tern nicht, solange keine Klagen kamen; dann jedoch setzte es Prügel mit Kochlöf­fel, Kleiderbügel oder Ledergürtel.

Die schulischen und universitären Lehr­methoden stammten weitestgehend, wie die Lehrer und Professoren auch, aus der Nazi-Zeit: Gefordert wurden erstens Ge­horsam, zweitens Disziplin und drittens Auswendiglernen.

Politische Ereignisse bringen das Fass zum Überlaufen
Der Mauerbau im August 1961 symboli­sierte das Ende aller Wiedervereinigungs­träume, die Spiegel-Affäre im Jahr 1962 (kritische SPIEGEL-Berichte führten zu Verhaftungen) offenbarte einen heuchleri­schen Umgang mit der Pressefreiheit. Die Westmächte verloren ihr hohes Ansehen als Befreier und Beschützer: Frankreich führte einen brutalen Krieg gegen die Be­völkerung in Algerien, und die USA eine kriegerische Auseinandersetzung im Viet­nam.

Als sich im Jahr 1966 auch noch eine große Regierungskoalition aus SPD und CDU bildete, verstärkte sich das Gefühl, eine wahrnehmbare Opposition zu den bestehenden Verhältnissen bilden zu müs­sen – die APO (Außerparlamentarische Opposition) begann sich schnell und äu­ßerst zahlreich zu sammeln.

Eine anti-autoritäre Bewegung
Ein Zeitzeuge bringt es auf den Punkt: »Zu diesem Zeitpunkt erhofften wir uns längst nichts mehr von dieser Gesellschaft und ihrem Staat. Wir wollten eine Revo­lution, wir wollten die Menschen in un­serem Land aufrütteln, sich zu erheben und dieses verkrustete, verfilzte, von alten Nazis beherrschte System mitsamt seinem ungerechten Kapitalismus zu verwerfen und ein neues, wahrhaft demokratisches, solidarisches Gemeinwesen zu schaffen.«1

In seinem Buch »Denkmodelle der 68er-Bewegung« schreibt Wolfgang Kraushaar: »Die 68er-Bewegung war vor allem eines: Kritik an den bestehenden Verhältnissen in jeder nur denkbaren Hinsicht. Ihre destruktive Kraft war weitaus größer als ihre konstruktive. Nichts schien vor ihr Bestand zu haben: religiöser Glauben, weltanschauliche Überzeugungen, wis­senschaftliche Gewissheiten, staatsbür­gerliche Pflichten und Tugenden. Der gesamte Katalog an so genannten Sekun­därtugenden wurde infrage gestellt. Die Kritik am Überkommenen, dem Traditi­onsbestand der Gesellschaft, war ätzend wie ein Säurebad.«2

Die Bewegung erlebte im Sommer 1968 den Höhepunkt in ihrer Strahlkraft und dem Mobilisierungsgrad unter Jugendli­chen. Die Ereignisse zu skizzieren, wür­de den Rahmen eines Artikels deutlich sprengen – aber es bleibt festzuhalten, dass sich bereits im Folgejahr eine massi­ve Zersplitterung der Bewegung abzeich­nete. Die zahlreichen Stoßrichtungen der entstandenen Gruppierungen (Frau­enbewegung, Umweltschutz-Bewegung, pazifistische Gruppen, RAF, die Schwu­lenbewegung u. v. a. m.) zeigt, mit welch unterschiedlichen Motivationen sich die Menschen zusammengefunden hatten. Ein Ziel hatte sie alle geeint: die beste­henden gesellschaftlichen Verhältnisse überwinden.

Sichtbare Veränderungen bis heute …
Die 68er-Bewegung hat viele langfristige Prozesse ausgelöst, die an vielen Punkten erst in den vergangenen Jahren ihre vol­le Wirkung erreicht haben. Einen großen Anteil hat dabei die ehemalige rot-grüne Bundesregierung, die viele Wurzeln in dieser Bewegung hat. Die GRÜNEN wa­ren ein direktes Ergebnis der Protestbe­wegung (ab 1977 aktiv), die SPD bekam damals 300.000 neue Mitglieder und war somit zu einem Drittel mit 68ern besetzt. Damals in Gang gesetzte Veränderungen wurden spätestens jetzt (ab 1998) auch in Gesetzesform beschlossen oder aktiv vor­gelebt.

Natürlich tritt man zu kurz, wenn man sagt, dass die Parteien ausschließlich für das Gedankengut der 68er stehen, aber ohne das gedankliche Fundament der 68er wäre vieles nicht in der Form be­schlossen worden. Ein paar Beispiele …

»Befreiung der Sexualität«
Über sexuelle Dinge wurde damals grundsätzlich nicht gesprochen. Noch zu Beginn der 60er-Jahre war es unter Stra­fe (mit bis zu fünf Jahren Haft) verboten, unverheirateten Paaren eine Wohnung zu vermieten! 1966 waren nach einer Um­frage 66 % der Studentinnen Jungfrauen, und vorehelicher Geschlechtsverkehr löste massive Gewissensbisse aus.3

Der Zündfunke für den Sturz dieser Mo­ralvorstellung war die »Kommune I« in Berlin: Einige Jugendliche fanden sich in einer Wohnung zusammen und präsen­tierten ein Bild des wüsten Zusammen­lebens, wie es die Republik nicht kannte: Männer und Frauen, die freie Liebe imMatratzenlager, schrille Nacktfotos.

Nur wenig später waren gemischte Wohn­gemeinschaften gesellschaftlicher Usus und vorehelicher Geschlechtsverkehr voll akzeptiert. Man genoss die Freiheit; die Ehe verlor extrem an Bedeutung. (Die Scheidungsrate liegt heute bei etwa 40 %, Tendenz steigend; dazu unzählige unehe­liche Partnerschaften.)

Auch die Homosexualität nahm die Hürden der Akzeptanz: Der § 175 des StGB wurde 1968 ersatzlos gestrichen, die gleichgeschlechtliche Liebe war damit offen und ohne Strafe praktizierbar. (Im November 2000 stimmte der deutsche Bundestag dem Gesetzentwurf einer ein­getragenen Partnerschaft – der »Homo-Ehe« – zu.)

§ 218 – Der Abtreibungsparagraph
Frauen waren nach dem Gesetz gezwun­gen, ein Kind auch gegen ihren Willen auszutragen – wobei jeder Versuch einer Abtreibung unter schwere Strafe gestellt war. Massive Proteste unter dem Motto »Mein Bauch gehört mir« führten bereits 1974 dazu, dass der Abtreibungsparagraph 218 so modifiziert wurde, dass in den ers­ten drei Monaten einer Schwangerschaft unter bestimmten Voraussetzungen eine Abtreibung gestattet ist.

(Seit damals wurden deutlich über vier Millionen Babys abgetrieben, die Ge­burtenrate von nur 1,3 Kindern pro Frau führt schon jetzt zu riesigen demographi­schen Schwierigkeiten.)

Der Marsch durch die Institutionen und das Ende
»Der Geist von 68« wurde von der 68er-Generation mit fortschreitendem Alter durch die Institutionen getragen, und die erlangten einflussreichen Spitzenpositi­onen wurden selbstverständlich genutzt. Diese Generation veränderte Erziehungs­weisen, Verhaltens- und Umgangsformen und prägte nachhaltig die Entwicklung unseres Landes.

Mit dem Regierungsende von Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Otto Schily und Co. ist diese Generation aus Spitzen­ämtern zurückgetreten. Aber das Erbe, das uns hinterlassen wurde, ist riesengroß.Die gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich nicht wieder zurückdrehen, die Mentalität der aufgeklärten, liberalen deutschen Gesellschaft ist wohl über viele Jahrzehnte geprägt.

Fragen ohne Antworten
Viele Fragen beschäftigen mich zu dem Thema, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe:

Kann eine junge Generation auch heute noch einen Umsturz der gesellschaftli­chen Werte auslösen?

Können wir Christen ein echtes Gegen­modell zu der heutigen Gesellschaft for­mulieren?

Warum haben ausgerechnet die Deutschen einen so starken Geist der Anti-Autorität entwickelt und wie passt das mit Gottes Berufung für Deutschland zusammen?

Die Herausforderung wartet
Die Studenten und jungen Menschen ha­ben damals die gesellschaftliche Ethik und das Moralverständnis scharf verur­teilt, sich dagegengestemmt, in der Mei­nung, dass etwas anderes besser für sie sei. Wir Christen verurteilen die heutige ge­sellschaftliche Ethik und das Moralver­ständnis, das viele Mitbürger erfasst hat – fehlende Werte, Sinnlosigkeit und der Kick nach dem Augenblick. Wir können uns sicher sein, dass Gottes Pläne besser für uns und unsere Gesellschaft wären. So gesehen ist dies eine vergleichbare Si­tuation, oder? ///


1 Kai Kracht: Die 68er Revolution (Essay), S. 9
2 Wolfgang Kraushaar: Denkmodelle der 68er-Bewegung. (Bundeszentrale für politische Bildung Politik und Zeitgeschichte)
3 Kai Kracht: Die 68er Revolution (Essay)

Quellen:
• Gilcher-Holtey, Ingrid: Die 68er Bewe­gung. 3. Aufl., München: C. H. Beck, 2001
• Kracht, Kai: Die 68er Revolution (Essay). www.kaikracht.de
• Aktion »Die Wende«: Die 68er – Folgen und Motivation der Bewegung. www.die-wende.de
• Sauerborn, Susanne: Erziehungswandel der 60er und 70er Jahre. www.hausarbeiten.de
• Kraushaar, Wolfgang: Denkmodelle der 68er-Bewegung (Bundeszentrale für politi­sche Bildung – Politik und Zeitgeschichte)