Heft 24
Der Autor
Benjamin Finis (21), lebt im schönen Schwarzwald und studiert BWL an der FH Pforzheim. Sein ausgeprägtes politisches Bewusstsein mündet in der aktiven Mitgliedschaft bei einer großen Volkspartei. Bei JMS Altensteig engagiert er sich im Jugendleitungsteam. Sein Herz schlägt für junge mündige Christen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
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Gesellschaft
Interview mit Walter Heidenreich
// Du hast die 68er-Revolution live erlebt und hast auch selber kräftig mitgemischt. Warum hat die Bewegung damals so großen Anklang unter den Jugendlichen gefunden?
Heidenreich: Es herrschte ein großer – fast schon unstillbarer – Hunger und ein Bedürfnis danach, aus dem konservativen und traditionellen Denkmuster sowohl auszubrechen als auch alles Herkömmliche aufzubrechen. Vieles erschien der damaligen Jugend als verstaubt, altbacken und für ihr Leben nicht relevant. Das hat sich auf fast alle Lebensbereiche erstreckt.
Was faszinierte dich persönlich? Warum hast du dich so intensiv in diese Bewegung mit eingebracht?
Heidenreich: Das Gemeinsame! Man war eine Familie und konnte sich, gemeinsam mit vielen anderen, mit den Zielen des damaligen Aufbruchs identifizieren. Wir waren wirklich davon überzeugt, dass wir die Welt verändern können (das denke ich übrigens auch heute noch).
Wie haben sich Christen damals den sehr offensiven Ideen gegenüber verhalten?
Heidenreich: Also – ich persönlich habe gar keine Christen kennen gelernt. Allgemein jedoch herrschte eher eine zurückhaltende und ablehnende Stimmung – bis hin zur Einstellung »Alles böse!« Natürlich ist das jetzt sehr allgemein gesprochen. Damals gab es bestimmt auch Einzelne, die in dieser Bewegung eine Chance für geistliche Erneuerung gesehen haben. Das hat Gott ja dann auch in der Jesus-People-Bewegung gemacht.
Viele Werte, die diese Bewegung geprägt haben, hatten weit reichende Konsequenzen für die ganze Gesellschaft. Sei es die Überwerfung des traditionellen Familienbildes und der Erziehungsstile, sei es der Umgang mit Sexualität, sei es die Friedensbewegung oder die Entstehung der Anti-Atom-Bewegung. Wo siehst du heute noch Auswirkungen der 68er-Bewegung? Auch bei Christen?
Heidenreich: In den letzten Jahren bestanden die Regierungen unserer westlich geprägten Gesellschaft ja vornehmlich aus Ehemals-68ern; und nicht wenige von ihnen regieren auch heute noch. Doch von der damaligen Aufbruchs- und Erneuerungsstimmung ist inzwischen nur noch wenig zu sehen.
Bei Christen hingegen, die dieser Generation entstammen, erlebe ich auf meinen vielen Reisen in alle möglichen Nationen tolle Dinge. Ich lerne wunderbare Leute kennen, die während der Jesus-People-Bewegung eine tief greifende und lebensverändernde Gottesbegegnung hatten. Rund um die Welt wurden Menschen von der Kraft des Evangeliums verändert und erneuert, und heute sind viele von ihnen wunderbare Leiter, die krisengeschüttelten Menschen helfen, mit ihrem Leben fertig zu werden.
Mit dem Abgang von Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Otto Schily – schillernde Persönlichkeiten mit Wurzeln in der 68er-Bewegung – verbinden einige Wissenschaftler das »Ende der 68er«. Kann man das so sagen?
Heidenreich: Das Ende der 68er ist nichts, was erst heute geschieht. Ihr Ende war schon in den 60er/70er-Jahren besiegelt. Viele der damaligen Revoluzzer verbürgerlichten sehr schnell und wurden von den Dingen gefangen, die sie euphorisch bekämpft hatten.
Denkst du, dass eine junge Generation auch heute noch das Potenzial hätte, eine solch gewaltige Gesellschaftsrevolution anzuzetteln?
Heidenreich: Ich denke, dass jede junge Generation das Potenzial hat, eine gesellschaftliche Revolution anzuzetteln. Dieser Drang nach Neuem, Unentdecktem und das Bedürfnis, Abenteuer einzugehen und etwas zu riskieren, steckt ganz einfach in jedem jungen Menschen – egal, welche Generation. Sie tragen das Potenzial in sich, Geschichte neu zu gestalten.
Welche Stoßrichtung müsste eine solche Revolution deiner Meinung nach haben?
Heidenreich: Echte Veränderung findet nur durch die Kraft des Evangeliums statt, und eine echte Revolution muss in jedem Menschen persönlich ihren Anfang nehmen. Der größte Revoluzzer, der je gelebt hat und auch heute noch lebt, ist Jesus! Die Revolution, die er angezettelt hat, betrifft nicht nur das persönliche Charisma, sondern auch den Charakter.
Und noch etwas: Ich denke, dass wir es nur gemeinsam packen können. Solange sich Christen separieren und versuchen, Aufbrüche ausschließlich durch ihre eigene Bewegung, Gruppe etc. voranzutreiben, werden wir immer schwach sein. Gemeinsam aber sind wir wirklich stark! Ich glaube heute mehr denn je, dass Gott uns – und ganz besonders junge Leute – berufen hat, mit ihm positiv Geschichte zu gestalten und die Geschicke dieser Welt zu lenken.
Vielen Dank für das Interview! ///

