Heft 24
Der Autor
Axel Brandhorst (32) oder kurz Axxl ist verheiratet mit Sonja und Papa von Emma. Er hat Sozialarbeit studiert und ist in Seelsorge und Therapie aktiv. Sein Herz schlägt für die Heilung der jungen Generation.
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Kolumne
Norbert allein Zuhaus
Neues aus dem Hinterhof der Geistlichkeit
// Und noch immer stecken sie drin – unerkannt und leise, unfassbar und heimlich; nichtsdestotrotz unheimlich, wenn fassbar: die Pelze im Schafswolf. Wer sie finden will, muss sie suchen; das bedeutet, er muss Grenzen überschreiten, die er sich selber gesteckt hat, Tabus brechen, die er selber zum Gesetz gemacht hat, und bereit sein, die Augen zum Sehen und die Ohren zum Hören zu benutzen. Ich wünsche Selbsterkenntnis, ich wünsche lautere Freude, ich wünsche – und das nicht zuletzt mir – die Konsequenz, das Erkannte zum Segen zu verwenden. Juhu.
Norbert ist im April diesen Jahres 32 geworden. Vor 3 Tagen ist er zu Hause ausgezogen, nachdem Nono (eigentlich müsste es korrekterweise heißen: sein Vater, aber nachdem er ihm mit zweieinhalb Jahren diesen Namen gegeben hatte, hatte dieser sich über all die Jahre bewährt und es fiel ihm nun eigentlich kein Grund mehr ein, so etwas Grundsolides und Liebgewordenes zu ändern, und so nannte er ihn – zumindest insgeheim – immer noch so) ihn beiläufig darauf hingewiesen hatte, dass er ja zu Hause keine Miete zahlte, kein Geld für Lebensmittel ausgeben musste, ja, noch nicht einmal fürs Telefonieren oder Fernsehschauen etwas bezahlen musste, und es trotzdem in den letzten zehn Jahren nicht geschafft hatte, sich ein bisschen Geld anzusparen – mit einem Wort: Sein eigener Vater hatte ihm die Fähigkeit zur finanziellen Eigenständigkeit abgesprochen, und das nicht in einem bösen Streit, nicht im Affekt, auch nicht nach drei Bier, nein: Er war zu ihm aufs Zimmer gekommen und hatte es ihm ganz sachlich erklärt. »Junge«, so hatte er sich ausgedrückt – und Norbert hasste diese Anrede, weil ihr immer unangenehme Dinge folgten, »Junge, es reicht. Zieh aus, werd erwachsen, mach dein Glück oder lass es, aber verschwinde.« Dem ließ er noch so einiges folgen von wegen »auf der Tasche liegen, Schmarotzer, fauler Sack, lebensunfähig« und so weiter, aber Norbert hatte nicht mehr zugehört. Er hatte die Kernaussage verstanden.
In der Woche darauf hatte er sämtliche ihm geeignet erscheinenden Freunde abtelefoniert, in der Hoffnung, jemand würde es für lauter Freude erachten, mit ihm einen gemeinsamen Haushalt zu gründen. Fehlanzeige. Nachdem er sich ausreichend Kommentare wie »Spinnst du? Ich bin seit vier Jahren verheiratet!« oder »Mit dir? Ich hab schon genug Arbeit!« angehört hatte, reifte in ihm ein Entschluss. Er würde es ihnen zeigen. Allen. Naja, jedenfalls denen, die es merkten. Entschlossen setzte er eine Kleinanzeige auf, und drei Wochen später trug er zusammen mit Nono seine Jugendzimmermöbel in sein neues Heim: ein fesches Ein-Zimmer-Appartement im dritten Stock eines Altbaus, mitten in der Stadt. Der Vormieter hatte wohl seit etlichen Jahren nicht mehr gestrichen, aber auch dafür hatte Norbert schnell eine Lösung: Er würde einfach 40-Watt-Birnen nehmen, dann fiel es nicht so auf. Etwas anderes fiel ihm umso deutlicher auf: Trotz Fernseher, Playstation und PC war er jetzt alleine. Die Bedeutung dieses Wortes schien sein gesamtes Sein zu füllen, nicht auf einmal, mehr so nach und nach, und er konnte dabei zusehen und schon abschätzen, wann er voll sein würde. Restlos voll mit »alleine«, sodass nichts anderes mehr in ihm Platz hatte. Das machte ihm Angst, und nachdem er merkte, dass keiner mehr kommen würde, um den Badewannenabfluss für ihn zu reinigen, stand er vor einer ernsthaften Entscheidung. Er hatte zwar keine Ahnung, vor welcher, aber er spürte die Wichtigkeit der Sache. So beschloss er, es fürs Erste damit bewenden zu lassen und sich bei Fatih einen Döner zu holen – immerhin war ihm ja schon klar geworden, dass eine Entscheidung anstand, und das war eine Leistung, die nach Pause und Belohnung verlangte.
Kopfschmerz. Pochender. Das waren die ersten zwei Worte, die seinem Bewusstsein am nächsten Morgen – beziehungsweise das, was er für den nächsten Morgen hielt (zu objektiverer Betrachtungsweise fähige Menschen hätten es vielleicht »früher Nachmittag« genannt) – auf eindrucksvolle Weise begegneten. Sie quetschten sich aus den abgründigen Tiefen seines Nervensystems und brachten auf dem Weg durchs Großhirn assoziative Wortfetzen wie »Döner«, »noch ’n Bier«, »oder lasset man ruich zwei sein« mit und quälten ihn durch ihre schiere Präsenz. Es war nicht bei zwei geblieben, und auch wenn ihm eine Erklärung, die er vor sich selbst zu akzeptieren sofort bereit war, einfiel – nämlich »Einweihungsparty« –, so konnte er sich doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm nicht wirklich nach Feiern zumute gewesen war. Das konnte daran liegen, dass er alleine gewesen war, aber wer konnte das schon so genau sagen.
Weitere Erinnerungen an den vergangenen Abend erreichten ihn. Das Wissen um das Dasein von etwas Wichtigem, Gewichtigem, Bedeutendem, Entscheidendem – genau. Die Entscheidung. Sie stand an, zweifelsohne, aber er sah sich außerstande, mehr als diese Tatsache zu fassen zu kriegen. Er wälzte sich unter dem Schreibtisch hervor – offenbar hatte er hier die Nacht verbracht –, holte sich ein Glas Wasser, kratzte sich den Bauch, furzte und beschloss, mehr herauszufinden. Mehr über diese Entscheidung, die anstand und von der er noch nicht einmal wusste, ob sie ihn freuen sollte oder ob sie bedrohlich war. Das bedeutete, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde als nachzudenken, und nachdenken konnte er am besten im Park. Er beschleunigte seine Zerealien mahlenden Kiefer um einen Gang, warf ein Aspirin hinterher und machte sich auf den Weg. Das bunte Treiben zu beobachten, hatte schon immer eine gleichzeitig beruhigende und anregende Wirkung auf ihn gehabt, und so gab er sich erst einmal ausführlich den Eindrücken hin. Da waren Mütter mit ihren Kindern, FreundInnen und ihre FreundInnen in sämtlichen dank der feministisch-neudeutschen Unrechtschreibung erdenklichen Kombinationen, Hunde mit ihren Herrchen, Nutten mit ihren Freiern, Lehrer mit ihren Klassen, Omas mit ihren Enkeln, steinerne Springbrunnennymphomaninnen mit kleinen, dicken steinernen Springbrunnenliebesgöttern, pickelgesichtige parkatragende Pazifistenchristen mit ihren Gesprächsopfern, Geschäftsleute mit ihren Partnern und Penner mit ihren Saufkumpanen.
Als ihm bewusst wurde, dass er mal wieder der einzige war, der einsam und alleine in dieser Welt voller Beziehung und Zwei- oder Mehrsamkeit war, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, was er entscheiden musste. Er würde sich eine Putzfrau nehmen. ///

