Heft 25
Der Autor
Johannes Sturm ist verheiratet mit Nicole und lebt in Meiningen. Dort arbeitet er als Lektor und Theologe und investiert sich im Rahmen der Musikschule von People Movement in Kinder und Jugendliche des Stadtteils Jerusalem.
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Jüngerschaft
Jesus zum Anfassen
Du hast dich für die Schwachen stark gemacht,
mit manchem Freund geweint und auch gelacht.
Du nahmst dir Zeit, um Menschen zu verstehn,
hast mitgefühlt und in ihr Herz gesehn.
So wie du möchte ich mit anderen umgehn.
Solang ich atmen kann,
will ich ein Ausdruck deiner Liebe sein.
Ich will Menschen lieben – so wie du.
Andere annehmen – so wie du.
Aufrichtig vergeben – so wie du.
Ja, das ist, was ich will.1
Eine anstrengende Zugfahrt …
Es geschah im Bummelzug auf der Rückfahrt von einem Verwandtschaftstreffen. Ich hatte es mir soeben gemütlich gemacht (soweit dies in einer noch original mit roten Ledersitzen ausgestatteten Regionalbahn eben möglich ist) und auch schon voller Vorfreude ein theologisches Buch rausgekramt, das ich mir während der mehrstündigen Fahrt zu Gemüte führen wollte, als plötzlich ein offensichtlich angetrunkener Mann ins Abteil wankte und sich einfach neben mir niederließ. Dass da vor lauter Gepäck eigentlich kein Platz war, schien ihn nicht weiter zu interessieren. Dass ich eigentlich lesen wollte, auch nicht. Stattdessen begann er mich vollzutexten von wegen Formel 1 und so weiter, relativ zusammenhanglos, wobei er mir immer mal wieder, wohl um seine Aussagen zu unterstreichen, auf Schulter oder Oberschenkel klopfte. Das Ganze ging etwa eine Stunde lang so. Anfangs dachte ich, ich versuche einfach zu lesen, vielleicht verdrückt er sich ja wieder. Lesen war aber komplett unmöglich, zum einen, weil ich mich nicht wirklich konzentrieren konnte, aber auch, weil er ständig wieder von neuem anfing zu texten. So beschloss ich, mich auf die Situation einzulassen und mich mit ihm zu unterhalten, so gut es eben gehen würde. Verschärft wurde das Ganze dadurch, dass er – verwirrt oder angetrunken wie er war – immer sagte, er müsse beim nächsten Halt aussteigen (tiefes Aufatmen meinerseits), dann aber doch nicht ausstieg (tiefer Seufzer meinerseits). Schließlich fuhr er bis zur Endstation, wo sich unsere Wege trennten. Vielleicht auch nur aufgrund meines deutlich beschleunigten Schrittes.
Jesus zum Anfassen – damals
Während dieser anstrengenden Stunde stellte ich mir immer wieder die Frage: Wie wäre wohl Jesus mit einem solchen Menschen (in einem solchen Zustand) umgegangen? Was hätte er gesagt? Wie viel Nähe hätte er zugelassen? Wenn er als »Freund von Zöllnern und Sündern« (vgl. Lukas 7, 34; Matthäus 9, 11) bezeichnet wird, ist es vielleicht möglich, dass er dabei war, als sich einige dieser seiner Freunde einmal in einem Zustand befanden, der für sie nicht so rühmlich war? Zum Beispiel als sie gerade betrunken waren? Und wie verhielt er sich dann? Zog er sich angewidert zurück oder stellte er sich trotzdem zu diesen Menschen, wie ein »Freund« das eben tut?
Nebenbei bemerkt schon mal vorab: Gott kam nicht auf die Idee, uns zu lieben und zu erlösen, als wir gelernt hatten, brav genug zu sein und richtig genug zu leben, sondern »als wir noch Sünder waren« (vgl. Römer 5, 8). Also wurde Jesus für uns gerade dann aktiv, als wir völlig neben der Kappe waren – ohne jede Aussicht auf Rettung. Könnte das ein Vorbild für den Umgang mit unseren Mitmenschen sein?
Dass Jesus durchaus sehr nahbar war und sich nicht auf mystisch-religiöse Weise von Kranken und Bedürftigen absonderte, wie der Großteil der religiösen Führer seiner Zeit das tat, zeigen folgende Stellen im Neuen Testament (alles in der Übersetzung der Guten Nachricht):
1. Johannes 1, 1: »Was von allem Anfang an da war, was wir gehört haben, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, was wir angeschaut haben und betastet haben mit unseren Händen, nämlich das Wort, das Leben bringt – davon reden wir.«Das hört sich alles andere als vergeistigt, mystisch und theoretisch an, sondern sehr praktisch. Und es schreibt auch der Jünger, der an der »Brust Jesu« lag (vgl. Johannes 13, 23).
Johannes 20, 27-29: »Dann wandte [Jesus] sich an Thomas und sagte: ›Leg deinen Finger hierher und sieh dir meine Hände an! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seitenwunde! Hör auf zu zweifeln und glaube!‹«
Sogar als Auferstandener blieb Jesus nicht auf Abstand zu seinen Jüngern.
Lukas 7, 38: »Weinend trat sie [die Frau, die als Prostituierte bekannt war] an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus lag, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Mit ihren Haaren trocknete sie ihm die Füße ab, bedeckte sie mit Küssen und salbte sie mit dem Öl.«
Wem von uns wäre eine solche Aktion nicht äußerst peinlich gewesen?! Als lediger Mann von einer stadtbekannten Prostituierten derart »behandelt« zu werden… Jesus lässt sie gewähren.
Johannes 2, 1-12: Bei der Hochzeit zu Kana mischt sich Jesus mit seinen Jüngern völlig unters Volk, wobei anzunehmen ist, dass sie durchaus mit dafür sorgten, dass der Wein ausging (*Spaß*).
Lukas 19, 5: »Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und redete ihn an: ›Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute dein Gast sein!‹«
Wenn nötig, lud Jesus sich auch selbst ein, um genügend Nähe zu ermöglichen.
Markus 10, 13-16: »Dann nahm er die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.«
Für die Kleinsten war Jesus auch sehr nahbar und im wahrsten Sinne des Wortes »greifbar«.
Markus 5, 25-29: »Eine große Menschenmenge folgte Jesus und umdrängte ihn … [Eine] Frau [die seit zwölf Jahren an Blutungen litt] hatte von Jesus gehört; sie drängte sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: ›Wenn ich nur sein Gewand anfasse, werde ich gesund.‹ Im selben Augenblick hörte die Blutung auf, und sie spürte, dass sie ihre Plage los war.« Jesus ließ es zu, dass die Menschen sich um ihn drängten!
Als Fazit lässt sich also erst einmal festhalten: Jesus ließ sehr viel Nähe zu. Er ließ sich betasten, berühren und berührte seinerseits auch selbst Menschen ganz hautnah. Er mischte sich unters Volk. Ihm war die Berührung einer Prostituierten und der gesetzlich unreinen blutflüssigen Frau nicht peinlich. Er war sich für all das nicht zu schade.2
Jesus zum Anfassen – heute
Würde Jesus sich anders verhalten als damals, wenn er in unserer heutigen Gesellschaft leben würde? Würde er sich den Menschen widmen wie dem Mann in meinem Zugerlebnis oder sich ihnen eher entziehen? – Mit ziemlicher Sicherheit würde er genauso »greifbar« und in direktem Kontakt mit verbogenen, kaputten, verwirrten und ihrer Würde beraubten Menschen sein. Und wahrscheinlich würde man ihn eher in Kneipen als in sakralen gottesdienstlichen Feiern antreffen.
Wir haben Jesus heute oft reduziert auf den unsichtbaren Herrn, der mitten unter uns ist, wenn zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (vgl. Matthäus 18, 20) und gehen davon aus, dass er einfach da ist, wenn wir als seine Kinder uns treffen. Könnte es sein, dass einige unserer Treffen stattfinden, ohne dass es »in seinem Namen« geschieht? Heißt das doch so viel wie: Wir wissen, dass er uns beauftragt hat und dass es deshalb richtig (und fruchtbar) ist, uns zu treffen; bei unseren regelmäßig stattfindenden gottesdienstlichen Treffen gehen wir jedenfalls davon aus, dass er da ist. Könnte es aber auch mal sein, dass »im Terminkalender von Jesus« – ich überziehe hier bewusst – einmal nicht unser Gottesdienst, sondern ein Stammtischtreffen oder ein Krankenbesuch steht? Oder ein Babysitting oder ein Spieleabend? Könnte es sein, dass Jesus sich heute nicht nur in frommer Gesellschaft bewegen würde?
»Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit!«, liest man in Hebräer 13, 8. Jesus war damals mittendrin und greifbar und er will es auch heute sein. Wie geht das? – Klar, er ist auferstanden und lebt bei Gott, dem Vater, bis er wiederkommt. Aber er ist nicht untätig und schon gar nicht weit weg. Vielmehr ist er das »Haupt des Leibes, das heißt: der Gemeinde« (Kolosser 1, 18). Als Nachfolger Jesu sind wir Teile seines Leibes (vgl. Römer 12, 4 ff; 1. Korinther 12, 12 ff) und bilden mit Jesus gemeinsam »ein unteilbares Ganzes«3. Das bedeutet, dass er sich durch uns ausdrückt (sofern wir natürlich wiederum »in seinem Namen«, also Auftrag, tätig werden). Um den Bogen zu schließen: Ein Mensch kann eine intensive Begegnung mit Jesus haben, wenn er dich trifft, einfach nur deshalb, weil du als Teil des Leibes Jesu untrennbar mit ihm verbunden bist, er sich durch dich ausdrückt und du ihn damit auch repräsentierst: seine Liebe, seine Kraft, seine guten Gedanken, seine Geduld usw.
Noch einfacher ausgedrückt: Du kannst für Menschen »Jesus zum Anfassen« sein, wenn du ihnen einfach Liebe und Wertschätzung entgegenbringst. Und dafür gibt es so unendlich viele Möglichkeiten. Wie viele Menschen wünschen sich einfach nur mal eine warme Umarmung? Oder eine Stunde gemütliches Kaffeetrinken mit entspanntem Reden und Zuhören? Oder mal eine kleine Aufmerksamkeit, eine kleine Ermutigung, ein aufmunterndes Wort? Vielleicht kann es auch mal richtig sein, auf jemanden zuzugehen, wie Jesus bei Zachäus, und zu sagen: »Ich muss heute dein Gast sein …«
Neben der individuellen Ebene4 gibt es natürlich auch die Ebene der Stadt, in der du lebst: Wie könnt ihr als Gemeinde/Gemeinschaft Jesus so repräsentieren, dass die Menschen ihn hören, sehen und mit ihren eigenen Händen betasten können? Ist es nicht so, dass gerade Menschen, die noch nicht viel von Gott oder Jesus wissen, dennoch von ihm und seiner Liebe berührt werden, wenn wir uns um sie kümmern, mit ihnen reden, mit ihnen Zeit verbringen, auch bei offenen Angeboten? Natürlich muss jeder Mensch Jesus ganz persönlich kennen lernen und eine eigene Beziehung zu ihm aufbauen. Und trotzdem wird es sehr oft so sein, dass die ersten Schritte eines Menschen auf Jesus zu darin bestehen, dass sie Jesus in Form von Jesusnachfolgern begegnen, die ihnen einfach Jesu Liebe und seine genialen Gedanken über sie vermitteln – nicht durch ausgeklügelte Freundschaftsevangelisations-Konzepte, sondern im Miteinanderleben, Füreinanderdasein, im Einanderhelfen und Liebeweitergeben, wo immer sich die Möglichkeit dazu bietet.
Was ändert sich?
Immer geht es dabei letztlich um die »Verleiblichung der Liebe Jesu unter uns«5 – Jesus lebt in uns als seinen Nachfolgern und drückt sich selbst durch uns aus, wenn wir in seinem Namen handeln und dienen.
Ich habe in meinem nun bald 20 Jahre währenden Christsein schon mehrmals erlebt, wie »kalt« es in Gemeinden sein kann. Die Predigt ist super, im Worship geht’s echt ab, es gibt einige gut laufende Kleingruppen, die Leute machen Glaubenskurse und beten fast nonstop in neuen Sprachen, lesen ihre Bibel, sind bedacht darauf, im Glauben zu wachsen und weiterzukommen … und sind derart mit ihrer eigenen Nachfolge (und Korrektheit darin) beschäftigt, dass sie kein Auge (und keine Zeit) mehr für die Menschen um sich herum haben. Es läuft alles korrekt, aber eben auch sehr einseitig und oft auch vergeistlicht und – »kalt«, ohne zwischenmenschliche Wärme.
Jesus hat uns nicht umsonst zu einer Gemeinschaft von Nachfolgern zusammengestellt; wir sind keine Einzelkämpfer, sondern sollten vielmehr aufeinander Acht haben, füreinander da sein, ihm gemeinsam nachfolgen und einander und den Menschen um uns herum in seiner Liebe dienen. Dadurch werden wir ihnen und uns gegenseitig »Jesus zum Anfassen« sein. Wird man Jesus begegnen, wenn man dich trifft? ///
1 Text: Mike Müllerbauer • CD »Du bist mein Held« © 2001 millerfarmer music • www.muellerbauer.de
2 Demgegenüber steht als einzige Stelle Johannes 20,17, an der Jesus zu Maria Magdalena sagt: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht zum Vater zurückgekehrt …« – Aufgrund der Eindeutigkeit der oben angeführten Stellen ist hier aber wohl kaum die körperliche Berührung gemeint. Die Stelle kann an dieser Stelle jedoch nicht diskutiert werden.
3 Vgl. dazu Römer 12,5 in der Übersetzung der Guten Nachricht.
4 Die Bibel denkt insgesamt eigentlich viel stärker gemeinschaftlich als individuell; der aktuelle Zeitgeist, von dem wir alle geprägt sind, denkt dagegen sehr stark individualistisch. Es lohnt sich, beim Bibellesen einmal darauf zu achten, was tatsächlich in Einzahl (also auf den Einzelnen bezogen) und was in Mehrzahl (also auf eine Gemeinschaft von Menschen bezogen) gesagt wird und hier klar zu unterscheiden.
5 Jens Brakensiek: Predigtreihe »Gemeinsames Leben«. www.brakensiek.info/predigt_archiv.php?id=4 eingesehen am 21.04.2006.

