Heft 26

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Der Autor

Markus Schmidt, verheiratet mit Judith, ist Gründer und Pastor der Evangelischen Freikirche »Freistil« in Burgwedel und Initiator von »MEISTER-werQ«, einem Dienst zur Qualifizierung von Führungskräften in Gemeinden.

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Jüngerschaft

Das Geheimnis geistlichen Wachstums

Von Gnade zu Gnade - Teil 7

Text: Galater 5, 16-26
»Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht erfüllen. *Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt. *Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, seid ihr nicht unter Gesetz. *Offenbar aber sind die Werke des Fleisches; es sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, *Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Hader, Eifersucht, Zornausbrüche, Selbstsüchteleien, Zwistigkeiten, Parteiungen, *Neidereien, Trinkgelage, Völlereien und dergleichen. Von diesen sage ich euch im Voraus, so wie ich vorher sagte, dass die, die so etwas tun, das Reich Gottes nicht erben werden. *Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. *Gegen diese ist das Gesetz nicht gerichtet. *Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. *Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns durch den Geist wandeln! *Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden!«

// Um Jesus zum Verwechseln ähnlich zu sehen, stellen wir Christen alles Mög­liche an. Die einen entwerfen Armbänd­chen, die anderen rennen die Türen der Beichtstühle ein und wieder andere lassen sich von den unmöglichsten Dämonen befreien! In seinem Brief an die Galater und im Zusammenhang mit geistlichem Wachstum lässt Paulus diese Dinge inter­essanterweise völlig unberührt und lüftet das wahre Geheimnis hinter geistlichem Wachstum.

Appell oder Verheißung?
Viel zu viele Christen verstehen diesen Text als einen Appell. Sie sehen hierin eine Aufforderung die schlechten Gewohn­heiten ihres Lebens wie unreine Gedan­ken, Vergnügungssucht, Selbstsucht oder Selbstgerechtigkeit aus ihrem Leben zu verbannen und stattdessen zu versuchen, mehr Liebe, mehr Freude, mehr Friede, mehr Geduld, mehr Freundlichkeit, mehr Güte, mehr Treue, mehr Sanftmut und mehr Selbstbeherrschung hervorzubrin­gen. Im Leben einiger von uns geht es viel zu stark darum, die täglichen Fehltritte zu bekennen und um die Vergebung un­serer Sünden zu betteln. Irgendwie schei­nen wir doch manchmal zu glauben, dass es zum Wachstumsprozess eines Christen gehört, Gott ständig erzählen zu müssen, was für ein schlechter und unwürdiger Christ man doch ist!? So beginnt dann oft ein ziemlich unnatürliches, krampfi­ges und spaßbefreites Christsein, das auf die Menschen in unserem Umfeld genau­so attraktiv erscheint wie Herpes! Meiner Meinung nach wird das nie dazu führen, dass wir in den Augen der Menschen um uns herum Jesus zum Verwechseln ähn­lich sehen!

Das Geheimnis geistlichen Wachstums liegt nicht darin, dass wir die Christenheit Land auf, Land ab auffordern, ein heiliges und reines Leben zu führen und an sie zu appellieren, der Sünde keinen Raum mehr zu geben! Natürlich betont die Bibel einen heiligen Lebensstil und selbstverständlich gehört es zum Leben als Nachfolger Jesu dazu, dass man um die Vergebung seiner Sünden bittet. Aber Texte wie dieser wa­ren nie dazu gedacht, um die Christen­heit zu mehr Heiligkeit aufzufordern. Im Grunde kann man diesen Text überhaupt nicht »falscher« verstehen. In diesem Ab­schnitt geht es nämlich nicht um einen Appell, sondern um eine Verheißung!

Leider gibt es aber immer noch zu viele in unserem Land, die hauptsächlich ge­gen Sünde predigen und damit geistliches Wachstum hervorbringen wollen. Aber in­dem man Sünde oder auch die Abkehr vom »Fleisch« immer wieder betont und wohl­möglich auch noch die Hässlichkeit und die Auswirkungen der Sünde sehr detailliert beschreibt, bewirkt man genau das Gegen­teil von dem, was man eigentlich will!

Es ist eine Tatsache, dass die Lust zu sün­digen mit einem immer größer werden­den Sündenbewusstsein wächst. Es bringt daher überhaupt nichts über die Hässlich­keit der Sünde zu sprechen und zu glau­ben, dass die Leute dadurch abgeschreckt werden. Je mehr man z. B. gegen Porno­graphie predigt und daran appelliert sich diesen Dingen zu entziehen, desto mehr Lust verspüren diejenigen, die diese Bot­schaft hören. Es ist ungefähr das, was pas­siert, wenn dir jemand sagt, dass du nicht an einen rosa Elefanten denken sollst.

Paulus beschreibt die Wirkung solcher Appelle in Römer 7, 7-8: »Die Sünde aber ergriff durch das Gebot die Gelegenheit und bewirkte jede Begierde in mir, denn ohne Gesetz ist die Sünde tot.« In dem Moment, wo ich die Sünde benenne und daran ap­pelliere so etwas nicht zu tun, entsteht au­tomatisch das Verlangen danach. Paulus sendet hier deshalb auch gar keinen Ap­pell an die Galater, da er ja um die Wir­kung solcher Appelle weiß. Paulus macht hier vielmehr eine Verheißung. Er sagt: »Wandelt im Geist und ihr werdet die Be­gierde des Fleisches nicht erfüllen!« Paulus fordert die Galater hier in keiner Weise dazu auf, sich mit den Werken des Flei­sches zu beschäftigen, irgendwelchen Sünden in ihrem Leben nachzuspüren und ggf. zu bekennen. Alles was sie tun sollen, ist im Geist zu wandeln und da­raufhin zu erleben, dass die Werke des Fleisches quasi automatisch aufhören und sie Jesus immer ähnlicher werden! Pau­lus möchte dabei der Buße und der Bit­te um Sündenvergebung überhaupt nicht ihren Wert absprechen, und er tut auch nicht so, als seien diese unbiblisch. Pau­lus erwähnt hier ja auch den Widerstreit zwischen Fleisch und Geist, was zur Folge hat, dass wir gelegentlich sündigen. Dies macht Sündenbereinigung daher absolut erforderlich. Geistliches Wachstum aber entsteht nicht dadurch, dass wir unsere Sünde bekennen.

Frucht oder Produkt?
Viel zu häufig versuchen wir geistliches Wachstum in unserem Leben zu pushen und aus uns selbst heraus zu bewirken. Wir versuchen dabei, aus eigener Kraft heraus dem Vorbild Jesu nachzueifern. Dies führt aber zwangsläufig zu Versagen. Wenn wir dann versagt haben, sind wir frustriert oder enttäuscht und fragen uns, warum wir wieder so fleischlich waren?! Nach einer Zeit des Selbstmitleids ma­chen wir uns dann wieder auf zu Jesus, be­kennen ihm die vermeintlichen Ursachen unseres Versagens, wie Willensschwäche oder den fehlenden Hass auf die Sünde und bemühen uns erneut, einen heiligen Lebensstil an den Tag zu legen, oder?

Paulus stellt hier ganz bewusst die Frucht des Heiligen Geistes den Werken des Flei­sches gegenüber. Dadurch wird deutlich, dass geistliches Wachstum eine Frucht ist, die automatisch hervorkommt und nicht aus uns selbst heraus produziert werden kann oder soll. Das heißt, wann immer wir uns selbst anstrengen, machen wir etwas grundsätzlich falsch. Geistliches Wachstum ist eine Frucht, die der Heilige Geist in dir hervorbringt. Wann immer du dich selbst anstrengst, z. B. geduldiger zu sein, ist das per Definition ein Werk und keine Frucht des Geistes.

Wenn Paulus im Zusammenhang mit geistlichem Wachstum von Frucht spricht, dann will er neben dem Gedanken, dass Wachstum ein Prozess ist, vor allem deut­lich machen, dass geistliches Wachstum ein automatisches Werk des Heiligen Geistes ist und es deiner Anstrengung nicht bedarf. Aus diesem Grund schreibt Paulus in Philipper 1, 6: »Ich bin ebenso in guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Christi Jesu.«

Jesus hat dazu einmal folgendes Gleich­nis erzählt: »Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst, er weiß selbst nicht, wie. Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst Gras, dann eine Ähre, dann vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht es zu­lässt, so schickt er sogleich die Sichel, denn die Ernte ist da« (Markus 4, 26-29). Die Kernaussage Jesu hier ist, dass die Frucht von selbst hervor kommt, ohne das der Sämann weiß, wie genau das passiert. Von selbst heißt im Griechischen »automate«, woher wir unser Wort automatisch ablei­ten. Nach hebräischem Denken bedeute­te »automate« ohne ersichtlichen Grund oder eigene Bemühung, aber der gläubige Jude vermutete hinter »automate« immer, dass es von Gott selbst gewirkt war.

Im Neuen Bund ist es Gott selbst, der uns durch seinen Geist ganz automatisch in das Ebenbild Jesu verwandelt. Aus die­sem Grund heißt es in 2. Korinther 3, 18 auch, dass wir durch seinen Geist in das Ebenbild Jesu verwandelt werden. Vorbei die Zeit, wo du Reinheit oder Heiligkeit selbst produzieren und Christusähnlich­keit aus dir selbst heraus beWERKstelli­gen müsstest. So wie das Wachstum von Frucht automatisch geschieht, kommt durch den Heiligen Geist auch automa­tisch mehr und mehr von Jesus in dir zum Vorschein. Du wirst durch den Hei­ligen Geist automatisch immer liebevol­ler, fröhlicher, friedlicher, gütiger, treu­er, sanftmütiger, selbstbeherrschter und freundlicher ohne dich dafür anstrengen zu müssen.

Im Geist zu wandeln heißt, seine Gedanken zu erneuern
Geistliches Wachstum geschieht also auto­matisch, wenn wir im Geist wandeln, sagt Paulus. So weit so gut. Aber was genau meint Paulus damit im Geist zu wandeln?

Im Geist zu wandeln heißt nicht, sich immer wieder die Hände auflegen zu las­sen und sich vom Heiligen Geist erfüllen zu lassen, sondern etwas anderes. Aber was? Interessanterweise erläutert Paulus hier nicht direkt, was es heißt, im Geist zu wandeln. Er scheint davon auszuge­hen, dass die Galater wissen, wovon er re­det. Wahrscheinlich hatte Paulus bei der Gründung der Gemeinde häufig und aus­führlich über dieses Thema gelehrt, so wie er es auch bei den anderen Gemeinden, die er aufsuchte, tat.

Der Wandel im Geist ist die Botschaft da­von, dass ein Christ ein völlig neues Le­ben von Gott empfangen hat, er eine neue Identität besitzt und sich daher die Art und Weise, wie er über sich denkt, grund­legend ändern muss.

In den meisten Paulusbriefen lässt sich folgendes Muster erkennen: Bevor er auf die Verhaltensebene zu sprechen kommt, also darauf wie ein Christ leben sollte, be­tont er die Identitätsebene und zeigt den Christen, wie sie über sich selbst denken sollen. Wir fangen tragischerweise immer damit an, wie ein Christ sich verhalten soll. Nachdem jemand sich bekehrt hat, bekommt er den frommen Knigge vorge­legt und ihm wird gesagt, wie er zu leben hat. Stattdessen sollten wir diesen neuen Christen lieber erst einmal helfen, ihre Gedanken und ihr Bild von sich selbst zu erneuern und ihnen somit helfen, im Geist zu wandeln.

Im Geist zu wandeln bedeutet in dem Be­wusstsein zu leben, dass wir durch den Heiligen Geist ein völlig neuer Mensch ge­worden sind (vgl. 2. Korinther 5, 17), eine neue Identität besitzen und Gottes Natur in uns ist. Der Apostel Petrus drückt es so aus, dass wir durch die Wiedergeburt Teil­haber der göttlichen Natur geworden sind (vgl. 1. Petrus 1, 4). Das heißt, dass Got­tes Natur bereits in uns ist! Gott ist von Natur aus voller Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Im Geist zu wandeln heißt nun, dass ich mein Bild über mich selbst ändere und meine Ge­danken erneuere. Ich mache mir bewusst, dass diese Wesensart Gottes in mir ist und erlebe daraufhin, dass sich auch mein Verhalten entsprechend verändert. Außer­dem betrachte ich mein altes Leben, mein Fleisch, als gestorben. Aus diesem Grund schreibt Paulus hier in Vers 24, dass die­jenigen, die zu Jesus gehören, ihr Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben. Wenn ich dies verin­nerliche, wird sich mein Benehmen auto­matisch verändern, da wir uns immer ent­sprechend unserem Selbstbild verhalten. Marc Aurel hat es folgendermaßen ausge­drückt: »Unser Leben ist das, wozu unser Denken es macht!« Unser Denken über uns selbst bestimmt also unsere Wirk­lichkeit. So wie wir über uns denken, so verhalten wir uns auch. Die Psychologen nennen das »Self-Fulfilling-Prophecy«. Je­sus beschreibt dieses geistliche Gesetz wie folgt: »Dir geschehe, wie du geglaubt hast« (vgl. Matthäus 8, 13). Wenn wir nun über uns denken, dass wir kleine, miese, dre­ckige Sünder sind, dann werden wir im­mer wieder dieselben kleinen, miesen und dreckigen Sünden tun. Und wenn jemand von sich glaubt, ein schlechter Mensch zu sein, dann wird er sich schlecht füh­len und schlechte Dinge tun. Wenn nun aber jemand von sich glaubt, dass die Lie­be Gottes in ihm ist und er den Begierden dieser Welt gestorben ist – was dann? Er wird wie selbstverständlich die Menschen in seinem Umfeld lieben und der Sünde widerstehen können! Wenn jemand von sich denkt, dass er Teilhaber der göttli­chen Natur ist, wird er ganz natürlich Gottes Natur widerspiegeln. Durch das, was er über sich selbst denkt, schafft er seine Wirklichkeit und ihm wird gesche­hen, wie er geglaubt hat.

Zum Schluss
Das Geheimnis geistlichen Wachstums liegt in der Veränderung unseres Den­kens, weshalb Paulus auch in Römer 12, 2 schreibt: »Und seid nicht gleichförmig die­ser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes…« Sobald wir anfangen unser Denken zu verändern, kommt die Frucht des Geistes automa­tisch in uns zum Vorschein, so dass die Menschen in unserem Umfeld mehr und mehr Mühe haben, uns von Jesus zu un­terscheiden. Wenn wir uns bewusst ma­chen, dass wir den Leidenschaften und Begierden dieser Welt gestorben sind und darüber hinaus von Natur aus voller Lie­be, Freude, Friede, Langmut, Freundlich­keit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthalt­samkeit sind, werden wir ohne Krampf und Kampf das Leben führen können, das Jesus uns vorgelebt hat. ///

 

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