Heft 26
Der Autor
Daniel Knauft (25) studiert Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing an der Berlin School of Economics. Nebenbei ist er freiberuflich als PR-Berater und Journalist tätig, liebt Jesus, Nina, Kaffee, Prenzlberg, Sushi und die Serie Friends.
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Jahresthema - Medien
Eine andere Art Fernsehen zu machen
Als Studiogast bei Freistil TV
// Freitagabend, es ist 21:45 Uhr, als ich nach einer halben Stunde Fahrt mit der Regionalbahn aus Hamburg in Tostedt ankomme. Den Bahnsteig entlang gehend begrüßt mich Amke, eine der Moderatorinnen von Freistil TV und wir fahren zu einem Lobpreis- und Gebetstreffen, das ihr Mann Andreas, Jugendleiter und ebenfalls Moderator, spontan angeboten hat. Der Einladung folgen etwa 20 Jugendliche und als wir den Raum betreten, berührt mich diese besondere Atmosphäre. Es herrscht ein großer Frieden, der mir erlaubt, ganz ich selbst zu sein und alles los zu lassen: vor allem die Ungewissheit, wie es morgen auf dem roten Sofa werden würde, wenn ich Andreas in der Sendung von meinem Leben berichte. In den Augen der anderen sehe ich diese aufrichtige und tiefe Hingabe an Gott, die mich wissen lässt, was ich im Vorfeld ahnte: »Die Leute hier sind echt und sie lieben Jesus.« Ich fühle mich wie angekommen. Schließlich beten wir noch in kleinen Gruppen für persönliche Anliegen und den morgigen Drehtag. Insgesamt sollen drei Sendungen aufgezeichnet werden – also volles Programm. Gleich im Anschluss fahren wir noch ins Studio oder besser gesagt: ins Café Teehila, denn dort wird die Jugendsendung produziert. Wenn man das Café betritt, ist gleich links der Billardtisch, geradezu die Theke und weiter hinten stehen in der Mitte des Raums die drei roten Sofas. Hinten rechts in der Ecke ist noch eine kleine Unplugged-Bühne und auch ansonsten ist der Raum cafétypisch und stilvoll eingerichtet.
Es herrscht eine lockere Atmosphäre, einige spielen Karten oder Billard, andere unterhalten sich mit einem Kaffee oder einem Cheeseburger in der Hand. Andreas setzt sich neben mich und wir fangen an, über sehr Persönliches zu sprechen. Mir ist nicht ganz klar, in welcher Funktion ich dieses Gespräch jetzt führe – ob als Studiogast, als Redakteur oder einfach als Jugendlicher mit bestimmten Erfahrungen. Ist das jetzt das Vorbereitungsgespräch auf die Sendung, ein Interview oder ein Seelsorgegespräch? Ich weiß es nicht, es ist wohl alles in einem, von jedem ein bisschen. Diese Trennung existiert offensichtlich nur in meinem Kopf. Im Laufe des Erwachsenwerdens habe ich sie mir langsam angeeignet. Sie nun abzulegen, ist gewöhnungsbedürftig. Es ist ein Wagnis, aber ich gehe es ein; es macht verletzlich, aber es ist wunderschön, einfach ehrlich zu sein, nicht funktionieren zu müssen oder Erwartungen zu berücksichtigen. Das hat etwas Befreiendes und tut sehr gut.
Am nächsten Morgen fährt pünktlich um 10:00 Uhr das Fernsehteam mit Übertragungswagen und Technik vor. Nach einer kurzen Besprechung bestimmt geschäftiges Treiben die nächsten zweieinhalb Stunden: Kabel werden verlegt, Scheinwerfer montiert, Kameras eingestellt, die Tonanlage überprüft etc. Immer mehr Köpfe tragen ein Headset – über ›Interkomm‹ können sich die Mitarbeiter überall problemlos verständigen und verlieren so keine wertvolle Zeit. Gegen 12:30 Uhr steht die Technik und bis auf die Hausbesetzer verlassen alle das Studio für eine knappe Stunde. Hausbesetzer? Ja richtig!
Die ursprüngliche Idee von Freistil TV war, dass das Kernteam um den Produzenten Tim Beyer und die vier Moderatoren gemeinsam in einem Haus wohnen und aus ihrem Wohnzimmer Freistil TV senden. Eine solche Wohngemeinschaft ist in der Form noch nicht zustande gekommen, die Vision besteht aber nach wie vor und zumindest ist der Begriff der ›Hausbesetzer‹ ein fester Bestandteil im Freistil-Jargon geworden.
Doch dahinter steht etwas viel Größeres: Es geht um das Leben als Ganzes, um ›echt sein‹, wahre Gefühle, Höhen und Tiefen, Erfahrungen mit und ohne Gott. Es ist Talk ohne Show – eine ANDERE Art Fernsehen zu machen. Das Bemerkenswerte an dem Ablaufplan ist sein nichtlinearer, modularer Aufbau. Niemand weiß, was als nächstes passiert. Im Zentrum stehen die Gäste, nicht das Thema.
Um 14:00 Uhr soll die erste Sendung losgehen. Wir nehmen auf den Sofas Platz und machen es uns gemütlich. Immer wieder wird uns gesagt, dass wir uns wie im Wohnzimmer fühlen und nicht an die Kameras denken sollen. Zum Aufwärmen spielen wir ›Activity‹ und versuchen Begriffe zu erraten, die von den anderen vorgespielt oder beschrieben werden. Besonders lustig wird es dann, als wir das Ganze mit Heliumgas und entsprechender Micky-Maus-Stimme probieren sollen. Der Effekt ist schnell verflogen und mit ihm die Aufregung – da hören wir auch schon die Musik des Trailers im Hintergrund und Amke begrüßt den ersten Studiogast. Der Einstieg ins Thema ist sehr steil, es hilft ein kurzer Einspieler, um die Zuschauer in kürzester Zeit auf dieses emotionale Thema einzustimmen. Die Fragen sind sehr direkt, sehr konkret und die Antworten schonungslos ehrlich. Niemand versucht sich hier zu präsentieren, es ist wie ein Gespräch unter Freunden, allerdings im Schnelldurchlauf. Dann kommt ein weiterer Einspieler – wieder ein kurzer Filmausschnitt zur Vertiefung – und schon bin ich an der Reihe. Andreas fühlt sich in mich hinein und erspürt die sensiblen Punkte, ohne mich in irgendeiner Weise bloß zu stellen. Mir ist völlig klar, dass ich nichts zu sagen brauche, wozu ich nicht wirklich bereit bin, und ich weiß, dass ich es jeden Moment abbrechen könnte. Aber ich spüre einen Frieden, der mir große Sicherheit gibt und mir erlaubt, über Dinge zu sprechen, die mich sehr bewegen. Die drei Kameras, die sich immer irgendwie zwischen uns und um uns herum bewegen müssen, um die ständig neuen Perspektiven einzufangen, bemerke ich überhaupt nicht. Dann plötzlich ist die Sendung vorbei. Ich kann nicht fassen, wie schnell die Zeit verging: 65 Minuten sollen das gewesen sein – unglaublich. Für die Hausbesetzer besteht nun die größte Herausforderung darin, das Gesagte auf 30 Minuten zu kürzen, ohne die wesentlichen Punkte heraus zu schneiden. Doch jetzt geht es nach einer kurzen Umbaupause weiter mit der nächsten Sendung, diesmal zum Thema Abenteuer. Abends wird es dann bei der dritten Sendung sehr musikalisch: Ein DJ und eine Rock-Band sind zu Gast und sprechen darüber, wofür sie kämpfen.
Das ganze Produktionsteam ist sehr bunt zusammengestellt. Bemerkenswert ist vor allem das herzliche Miteinander trotz hektischer Bedingungen. Hier arbeiten angelernte Jugendliche (z. B. in der Deko oder beim Schnitt) mit Voll- und Teilzeit-Profis (wie Regisseur und Kameraleuten) Hand in Hand. Der 25-jährige Daniel Oberbillig erfüllt als Produktions- und Aufnahmeleiter eine Schlüsselrolle. Der Student für Film- und Fernsehtechnik organisiert vieles im Vorfeld und ist am Drehtag das Bindeglied zwischen den Moderatoren, den Ton-Mitarbeitern und dem Regisseur im Ü-Wagen, der von dort aus die Kameras im Studio koordiniert und die Sendung künstlerisch gestaltet. Kurz nach 21:00 Uhr ist auch die dritte Aufzeichnung im Kasten. Nun beginnt das große Aufräumen und anschließend sitzen alle Beteiligten noch einmal entspannt zusammen, um sich über die Erlebnisse auszutauschen und sie fachmännisch zu analysieren. Ein ereignisreicher Tag geht für mich zu Ende.
NACH der Sendung ist für die Mitarbeiter VOR der Sendung – in drei Wochen werden wieder drei Sendungen gedreht. Diese müssen die Hausbesetzer nun vorbereiten. Für ein Projekt mit so viel ehrenamtlichem Engagement ist das auf Dauer eine echte Herausforderung. Aber hier wird vieles möglich gemacht, was anderswo nicht geht – es ist eben eine ANDERE Art Fernsehen zu machen. ///
Was ist Freistil TV?
Freistil TV, das ist der neuartige, innovative TALK OHNE SHOW für Jugendliche im deutschen Fernsehen. Die Idee des 30-minütigen Reality-Talks ist: Offen, fair und ohne festgelegten Ablauf soll über Themen gesprochen werden, die die Jugendlichen wirklich beschäftigen. Im Wohnzimmer-Studio kommen grundsätzlich Themen mit Tiefgang zur Sprache. Zuschauer-Reaktionen und -Interaktionen sind ausdrücklich erwünscht, z. B. im Internetforum, per e-Mail oder Telefon. Während und nach der Sendung besteht die Möglichkeit zum telefonischen Seelsorgegespräch.
Wer steckt hinter Freistil TV?
Freistil TV wird initiiert durch die örtliche Jugendgruppe ›freistil‹ der Freien Christengemeinde in Tostedt bei Hamburg. Die Freie Christengemeinde Tostedt ist eine evangelische Freikirche, die ebenso wie andere Kirchen versucht, ihrer christlichen Verantwortung für ihre Region und für Deutschland nachzukommen. Als Freie Christengemeinde gehört sie zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) K.d.ö.R.
Weitere Informationen unter www.freistiltv.de


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