Heft 26

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Der Autor

Wilhelm Schmid ist glücklich verhei­ratet mit Inge und Vater von drei Kindern. Er ist Gründer und Leiter des Christli­chen Beratungszentrums und des ›Gä­stehaus Schmid‹ in Memmingen. Seine Berufung als Therapeut sieht er darin, Menschen in eine Herzensbeziehung mit dem Gott-Vater zu führen. Mehr In­formationen unter www.cbz-mm.de.

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Heftthema

Ursachen von Sucht und der richtige Umgang damit

// Das Wort ›Sucht‹ ist nicht, wie gemein­hin erwartet mit dem Verb ›suchen‹ ver­wandt. ›Sucht‹ geht auf das Wort ›siechen‹ zurück, dem Leiden an einer Krankheit, wie auch das Wort ›Seuche‹. Obwohl der Begriff ›Sucht‹ nicht von ›suchen‹ kommt, steht psychologisch hinter der Sucht im­mer die Sehnsucht nach Erfüllung, Glück, Beziehung und Zufriedenheit. Letztlich ist jede Sucht eine Ersatzbefriedigung, bei der sich die gesamte Energie darauf rich­tet, die verschiedenen Sehnsüchte zu stil­len. Dabei werden menschliche Kontakte und oft auch die Anforderungen des All­tags missachtet.

Sucht im Sinne von Abhängigkeit bezog sich noch im 19. Jahrhundert nur auf den Alkoholismus. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Begriff auch auf Drogen, Niko­tin und Medikamente ausgedehnt. Später wurden auch zwanghafte Ersatzhandlun­gen wie Internetsucht, Spielsucht, Sex­sucht, Kaufsucht oder Arbeitssucht in die­se Definition mit einbezogen. In diesen Fällen sind Patienten ihrem Suchtverhal­ten ähnlich ausgeliefert wie beispielswei­se Drogenabhängige. Außerdem gehören auch Essstörungen wie die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) oder die Mager­sucht (Anorexia nervosa) zu den Süchten.

Der Anfang ist unscheinbar
Tatsächlich entwickelt sich eine Sucht schleichend. Die Skala ihrer Entwicklung kann man mit Hilfe der Kriterien ›gele­gentlich, häufig, regelmäßig, eine Ge­wohnheit, süchtig, zwanghaft‹ prägnant beschreiben. Dabei können die Anfangs­stadien gesellschaftlich anerkannt und sogar gefördert werden, und doch führt es wie zum Beispiel bei der Alkoholsucht letztlich zum totalen Absturz, zur Zerstö­rung der Persönlichkeit eines Menschen in allen Lebensbereichen.

Was macht eine Sucht so verlockend?
Zunächst einmal vermittelt eine Sucht ›gute Gefühle‹. Zwar nur kurzfristig, aber in diesen Momenten scheint ein Ziel schnell erreicht zu werden, Anstrengun­gen und Mühen nicht mehr nötig zu sein. So zeigt sich dann der Sucht-Rausch bald als scheinbarer Fluchtweg. Der Gefährde­te will in einer schwierigen Situation nicht stehen bleiben und Konflikte aushalten und durchleben. Er sucht die Ablenkung von seinen Problemen.

Eine Folge, die dann sehr schnell sicht­bar wird, ist der Verlust von Wahrheit. Täuschung und Lüge bekommen immer mehr Raum, Authentizität, Konfliktfä­higkeit, Spannungs- und Frustrationstole­ranz nehmen mehr und mehr ab. Mit dieser Entwicklung hin zu einer auf Oberflächlichkeit und Täuschung ausge­richteten Persönlichkeit können bereits die großen Spannungsfelder des Lebens, die unser ›Abba-Vater‹ in uns hinein ge­legt hat, nicht mehr gelebt werden. Da­bei geht es kurz zusammengefasst um die Bandbreite zwischen Schönem und Schwierigem, Freud und Leid, zwischen Erfolg und Misserfolg, Freiheit und Ver­pflichtung, Leichtigkeit und Bemühen, Gesundheit und Krankheit, Angenom­mensein und Ablehnung. Im gesunden Leben kommen alle Bereiche zum Tra­gen. Der Süchtige aber kann genau das nicht ertragen und aushalten.

Woraus sich Süchte entwickeln können
Es besteht heute weitgehend Überein­stimmung darin, dass eine fehlende Va­terschaft und damit das Fehlen positiver familiärer Wurzeln für die Entwicklung einer Sucht ausschlaggebend ist. Wenn einem Menschen in jungen Jahren die Bestätigung des Gewollt- und Ange­nommen-Seins vorenthalten wird, wenn er nicht in gesunder Vaterschaft auf das Leben vorbereitet und trainiert wird, so fehlen ihm wichtige Voraussetzun­gen für ein gesundes und stabiles Leben als Erwachsener. Statt einer realistischen Selbsteinschätzung seiner Fähigkeiten werden seine Selbstgespräche später dann geprägt sein von Aussagen wie beispiels­weise »es muss alles perfekt sein, sonst ist es wertlos« oder »ich kann es selbst ma­chen – oder gar nicht«. In seinem Leben werden sich häufig Ohnmacht und Hoff­nungslosigkeit breit machen, und er wird wahrscheinlich falschen Erwartungen auf den Leim gehen.

Wem als Kind nie Grenzen gesetzt wur­den, wer durch fortwährende Erfüllung seiner Wünsche und Bedürfnisse ma­teriell und emotional verwöhnt wurde, konnte seine eigene Grenze nicht finden. Die eigene Persönlichkeit hat sich nicht ausbilden können. Auf dieser Basis ist es nicht möglich, gesunde Beziehung zu le­ben. Die Grenzenlosigkeit setzt sich spä­ter in allem fort – in Abhängigkeitsbe­ziehungen genau so wie in Süchten. Ein solcher Mensch hat eine extrem niedrige Frustrationstoleranz. Schwierigkeiten zu bewältigen ist ihm fast nicht möglich. »Wenn eine Bemühung nicht sofort zum erwünschten Erfolg führt, ist etwas mit mir verkehrt«, ist eine innere Aussage, die sich oft bei Suchtkranken findet.

Wer als Kind andererseits nur Begren­zung erfahren hat, wer durch fortwähren­de Verweigerung seiner Wünsche und Be­dürfnisse frustriert wurde, dessen Identität ist unter der Last der ›Neins‹ zusammen­gebrochen. Das negative Lebenskonzept hat in diesem Fall die gesunde Entfaltung der Persönlichkeit verhindert. Zu einer ausgereiften Selbstwahrnehmung gehört die Erkenntnis über die eigenen Stärken und Schwächen. Das ist in diesem Fall nicht möglich. Ein solcher Mensch begibt sich auf die Suche nach sich selbst. Dabei kommt es zu ständiger Selbst-Überforde­rung, was sich immer wieder im Berufs­leben und in Ehrenämtern zeigt. In Kir­chen/ Gemeinden sind es meist die immer anwesenden, für alles einsetzbaren, eifri­gen und sehr qualifizierten Mitarbeiter.

Zusätzlich zu dem gerade beschriebenen ­Spannungsfeld ›verwöhnt‹ oder ›frustriert‹, kommt ein weiterer Bereich hinzu, der Menschen völlig aus der Fassung geraten lässt. Es ist die kranke Verbindung zwi­schen widersprüchlichen Aussagen und Handlungsweisen. Wenn ein Kind auf der verbalen Ebene hört »Du bist mein kleiner Prinz, ich liebe dich!« und gleichzeitig auf der nonverbalen Ebene Zurückweisung im emotionalen, körperlichen und/ oder materiellen Bereich erfährt, dann führt diese Doppelbotschaft zu Verwirrung. Vielleicht wird ein Kind auf der materiel­len Ebene verwöhnt. Wenn es aber keine emotionale Bestätigung und verlässliche Beziehung erfährt, schafft auch das wie­der Verwirrung. Dieses seelische Span­nungsfeld löst ein inneres Chaos aus, das eine Identitätsfindung mit Zukunftspers­pektive unmöglich macht.

In welchem dieser drei Erfahrungsberei­che ein Kind auch groß geworden ist, ei­nes ist ihnen gemeinsam: Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Das finden wir oft bei Punks, ›no future‹, und bei allen ex­tremen Gruppierungen, politisch wie re­ligiös-fromm. Oft finden wir in Gemeinden ›geistli­che Senkrechtstarter‹, die schnell geistli­che Erkenntnisse haben und sich in die christliche Szene einfügen, alles kön­nen, alles machen und sehr früh in Lei­tungsfunktionen eingesetzt werden. Was übersehen wird, ist, dass ihre Herzens­nöte durch ihre geistlichen Erfahrungen überlagert wurden, ohne grundlegend Heilung und Umgestaltung erfahren zu haben. Ihr Identitätsproblem kann durch geistliche Erfahrungen und ›Leistungen‹ nicht gelöst werden. Die Aufarbeitung ihrer persönlichen Lebensgeschichte mit allen Kränkungen und Negativerfahrun­gen ist unerlässlich. Menschen, die durch ein Wunder von ihrer Sucht befreit und jetzt als das Wunderkind herumgereicht werden, sind da besonders gefährdet. Die neue Gefahr besteht darin, dass sie von ihrer Gemeinde missbraucht werden.

Neben all diesen menschlichen Aspek­ten und Schwierigkeiten, gibt es negative geistliche Bindungen, die die Gesundung von Suchtkranken so schwierig und lang­wierig machen. So sei nur kurz erwähnt, dass es sich hierbei um Flüche, Schwüre, Festlegungen und satanische Anrechte handeln kann.

Wie sieht eine Erfolg versprechende The­rapie aus?
Grundsätzlich gilt: Eine Erfolg verspre­chende Therapie ist nur mit professioneller Hilfe möglich. Weil eine Sucht – unab­hängig davon, ob sie auf Alkohol, Dro­gen, Medikamente oder auf Arbeit, Spiel und Beziehungen ausgerichtet ist – die Einheit von Körper, Seele und Geist ver­anschaulicht, muss in allen drei Bereichen Heilung geschehen. Jahrelange Erfahrung mit Suchtkranken hat mich gelehrt, dass die folgenden sechs Schritte unumgäng­lich sind:

1. Die Entzugssymptome müssen durch­gestanden werden. Sie sind bei allen Süch­ten ähnlich. Ein Rückfall würde unmit­telbar die Rückkehr in den Suchtkreislauf bedeuten. Es gibt keine Abkürzung! Entzugssymptome sind:
Körperlich: Kopfschmerz, Angstzustände, Magenkrämpfe, Zittern, Schlaflosigkeit, Unruhe.
Emotional, seelisch: Depressives Ver­stimmtsein, Antriebslosigkeit, Leere, Ein­samkeit, das Gefühl ›alle sind gegen mich‹, ein verzerrtes Selbst- und Fremdbild.
Geistlich: Ein Gefühl der Leere, ER, der Vater ist weit weg, gedankliches Lügenge­bäude, Gefangenschaft in Täuschung.

2. Lügen müssen erkannt und durch Wahrheit ersetzt werden. Das liest sich vielleicht einfach, ist aber für einen Süch­tigen ein sehr demütigender und schwieri­ger Weg. In Täuschung zu leben und diese Fantasiewelt als Realität zu sehen, ist für ihn ein wesentliches Problem. Deshalb braucht ein Mensch, der aus einer Sucht heraus kommen will, eine Gemeinschaft, die ihn liebevoll und doch schonungslos mit der Wahrheit konfrontiert. In einer At­mosphäre des Angenommenseins erfährt er, dass er ein geliebtes Kind des Vaters ist, jedoch noch in Täuschung lebt und Kor­rektur und Umgestaltung braucht.

3. Suchtkranke haben grundsätzlich eine gestörte Selbst- und Fremdwahrneh­mung. Es muss für sie jetzt darum gehen, ihren Körper und ihre Gefühle kennen zu lernen. Es gibt spezielle Körperwahr­nehmungsübungen, die dabei sehr hilf­reich sind. Unser Körper ist der Tempel des Heiligen Geistes. Deshalb ist es wich­tig, dass wir mit ihm achtsam umgehen. Wenn wir auf Alkohol, Drogen oder über­mäßiges Essen verzichten, werden wir ihn sensibler wahrnehmen. Im umgekehrten Fall ist die Wahrnehmung verzerrt und blockiert. Das ist auch für den Gefühls­bereich wichtig. Gefühle sind eine wich­tige Sprache unseres Herzens, die gehört werden will. Gefühle wie Liebe, Freude, Trauer, Schmerz, Ärger und Wut müssen in unserem Leben erkannt, benannt und durchlebt werden.

4. Die eigenen Wurzeln müssen ange­schaut werden: Wie war meine Vater-, meine Mutterbeziehung? Wie lebe ich die Beziehung zu meinen Geschwistern? Wie sieht das ganze Familiensystem aus? In ei­ner Familie mit einem Suchtkranken gibt es immer einen ›Abhängigen‹ und weitere ›Co-Abhängige‹. Welche Familienlinien werden da sichtbar, wo gibt es Wieder­holungen? Wie ist der Umgang mit Ge­fühlen in der Familie, wie der Umgang mit Grenzen? Grenzen wahrzunehmen und zu achten, ein ›Nein‹ zu akzeptieren, ist für jede Beziehung eine unabdingbare Voraussetzung. Das kann und muss der Süchtige lernen.

5. Der nächste entscheidende Punkt ist es, Anpassung und Menschenabhängigkeit überwinden zu lernen. Der Suchtkranke muss lernen, seine Identität nicht durch ei­gene Leistung und Erfolg und nicht durch Anerkennung von Menschen zu suchen. Es geht darum, dass er seine vom Schöp­fer geschenkten Begabungen, Stärken wie auch Schwächen, erkennt, annimmt und leben lernt. Er muss lernen aus seinem Herzen heraus zu leben, aus dem zu leben, was er von Gott hört. Diese Führung des Heiligen Geistes und die Überzeugungen seines eigenen Herzens führen ihn auto­matisch in die nächste Stufe des Trainings hinein: Den eigenen Weg zu finden, Wi­derspruch zu erfahren, Abgrenzung von anderen auszuhalten und eventuell auch mit bisher vertrauten Freunden und geist­lichen Leitern in Konflikt zu kommen. Dies ist nur möglich in einer zunehmen­den Abhängigkeit und Herzensbeziehung mit Gott, dem VATER, und einer wach­senden eigenen Identität.

6. Es gilt die ganze Bandbreite des Lebens leben zu lernen. Es gilt herauszukommen aus dem ›Entweder – Oder‹ und in das ›Und‹ hineinzukommen. Damit komme ich zurück auf die Beispiele zu Beginn, die für die Bandbreite des Lebens stehen können: Es sind die Erfahrungen von Schönem und Schwierigem, Freud und Leid, von Erfolg und Misserfolg, Freiheit und Verpflichtung, Leichtigkeit und Be­mühen, Gesundheit und Krankheit, An­genommensein und Ablehnung. Im ge­sunden Leben kommen alle Bereiche zum Tragen.

Diese Bandbreite steht für die ›Fülle‹ im Leben, die Jesus uns verheißen hat (siehe Johannes 10, 10). Er sagt: »Ich lebe, und ihr sollt auch leben« (Johannes 14, 19). Dies ist Herausforderung, Aufgabe und Erfüllung zugleich. Auch wenn es schwer ist, diesen Weg der Heilung zu gehen: Es lohnt sich! Der Vater hat für jeden von uns einen liebevollen Plan und ein Ziel. Es ist die Herstellung göttlicher Ordnung in meinem Herzen, meiner Persönlich­keit. Das ist möglich, dieses Ziel kann er­reicht werden! ///

 

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