Heft 27
Der Autor
Mickey Wiese ist verheiratet mit einer Lobpreistänzerin, Vater von drei wunderbar wilden Kerls und arbeitet als freier Prediger und psychologischer Berater. Er hängt mit seinem Freund Gott in Frankfurt ab und versucht, die bedingungslose Liebe Jesu in den Alltag von Jugendlichen zu übersetzen.
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Kolumne
Kletterrestaurant
Mein Freund Gott und ich
// Als mein Freund Gott und ich einmal in einem Kletterrestaurant waren, wurde mir klar, warum unsere Beziehungen untereinander so wichtig sind. Und das kam so.
Neulich waren mein Freund Gott und ich in einem Restaurant, wo man im Dachgebälk und an den Wänden klettern konnte. Es ist schon eine surreal anmutende Situation, wenn man in einem Restaurant sitzt, isst und trinkt und direkt über einem angeseilte Menschen mit Helmen herumklettern. Mein Freund Gott betrachtete das Treiben über unseren Köpfen mit wachsendem Augenleuchten. »Ich spüre es heute noch in meinem Auferstehungsleib, wie es war zu klettern.«, prostete er mir zu. »Als kleiner Junge hab ich es oft in der Werkstatt meines Vaters getan. Aber da ich heute körperlos mitgekommen bin, kann mich kein Seil halten.« Darüber mussten wir beide herzhaft lachen. Als wir wieder zu Atem gekommen waren, erinnerte ich mich an eine sehr interessante Definition, die ich über die Sicherung beim Klettern gelesen hatte: ›Seile und Gurte dienen dazu, die beim Abfangen eines Sturzes auftretenden Kräfte aufzunehmen und auf Körperteile zu verteilen, die stabil genug sind, um solche Krafteinwirkungen ohne Verletzungen zu überstehen.‹ Dafür sind die Beziehungen in der Gemeinde allgemein und die seelsorgerlichen Beziehungen im Besonderen auch gedacht. Die Sicherung mit den Seilen oder Banden der Liebe sollten uns eigentlich Mut machen, uns auch auf schwierige Situationen oder Beziehungskonstellationen einzulassen. Weil die verletzenden Kräfte abgemildert werden, könnten wir immer wieder versuchen, schwierige Kletterabschnitte zu überwinden, ohne dass uns das Fallen zerstören würde. Traurig dachten wir aber beide in diesem Augenblick an die vielen Geschichten, die wir immer wieder erzählt bekommen, wo statt dessen Machtausübung diese gute Idee meines Freundes Gott pervertiert hat. Macht zwingt Menschen in eine oberflächliche Gleichheit, ein Joch des Schweigens um der Liebe willen. Wahre Liebe aber lässt unterschiedlichste Menschen mit der Zeit ein Fleisch werden. »Weißt du, was mich an uns Christen so nervt, mein lieber Freund Gott?« Er nickte bekümmert und sprach aus, was wir beide fühlten: »Es ist diese kolossale Unbekümmertheit im Umgang mit Menschen. « Und in der Tat wird viel zu oft mit dem kostbarsten Gut, das wir als Gemeinde haben, nämlich unseren Herzensbeziehungen, so umgegangen, dass wir weder in diesem Kletterrestaurant noch sonst wo so viel essen könnten, wie wir kotzen möchten. Ich habe an diesem Abend zwar doch lieber meinen Kindern zugeschaut, die unbekümmert auf ihre Seilsicherung vertrauend durch das Gebälk flitzten, anstatt selber zu klettern. Aber es wurde mir klar, dass ich mich in Zukunft noch mehr auf meine Beziehungen als auf orthodoxes Regelwerk konzentrieren möchte. Das Reich Gottes ist ein absicherndes Netzwerk von Liebesbeziehungen.
In seiner programmatischen Antrittsrede in Nazareth (Lukas 4, 18) zitierte mein Freund Gott Jesaja 61, 1-3 und erklärte das Ausrichten der froh machenden Botschaft vom Herannahen des Reiches Gottes als seinen wichtigsten Dienst. Vor allem Asylanten, Obdachlosen, Aussätzigen, Straßenkindern und Einsamen, kurzum allen Elenden, sollte die gute Nachricht mitgeteilt werden, dass sie nicht mehr ausgegrenzt sind, sondern dazugehören. Denn so wird die Botschaft vom Reich Gottes in Jesaja 52, 7 beschrieben: ›Dein Gott herrscht als König!‹ Sowohl das dem deutschen Begriff ›Reich Gottes‹ zugrunde liegende griechische ›basileia tou teou‹, als auch das hebräische ›malkuta di Jahwe‹ bezeichnen nun vor allem das König-Sein meines Freundes Gott und den Vollzug des Herrschens als König. Reich Gottes ist also mehr ein Beziehungsbegriff, als ein räumlich abgegrenztes Gebiet. »Deswegen habe ich in Lukas 17, 21 doch gesagt: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch«, seufzte mein Freund Gott, während uns ein Kletterer fast in die Suppe fiel, aber gerade noch rechtzeitig von seinem Gurt abgefangen wurde. »Aber es war damals schon schwer zu verstehen«, vermutete ich. »Du warst da, deine Jünger waren da und die Pharisäer waren da, eine Gruppe von Menschen also, die miteinander in Beziehung standen. Wenn das Reich Gottes mitten unter ihnen war, dann bedeutet das ja, übertragen auf meinen Alltag, dass dieses Reich Gottes vor allem in den Beziehungen, die wir leben, existiert.« »Darum war das ja auch eines meiner letzten Anliegen, die ich in einer Gebetsgemeinschaft laut ausgebetet habe«, blinzelte mir mein Freund Gott zu, »dass die Welt an der Liebe, die meine Freunde untereinander haben, die Realität meiner Existenz erkennen sollte und an nichts anderem.«
Und dann kamen wir, nachdem wir aufgegessen und bezahlt hatten, doch noch zum Klettern. Wieder zu Hause angekommen, umgürteten wir unsere Lenden mit Wahrheit, setzten den Helm des Heils auf, klinkten uns in der Liebesschiene ein und begannen mit großer Freude, über den Köpfen so mancher Regelwerker unbemerkt herumzuklettern. ///


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