Heft 27

« zurück zur Heftübersicht

Der Autor

Sebastian Englert (21) kommt aus Altensteig und absolviert momentan eine Ausbildung zum Berufsmusiker und Schlagzeuglehrer. Neben seinen musikalischen Aktivitäten legt er großen Wert auf tiefe Freundschaften. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen, mit denen er zu tun hat, Jesus Christus erfahren, ihre Talente entdecken und herausfinden, wozu sie geschaffen sind.

Dieses Heft bestellen

Das komplette Heft bekommst du, in dem du es im Webshop bestellst.

Heftthema

Second Life

Ein zweites Leben in einer perfekten Welt?

// Das ist es also – Second Life. Nachdem ich beim ersten Versuch wegen Serverüberlastung nach einer Stunde noch keinen neuen Körper bekommen hatte, funktioniert es jetzt beim zweiten Versuch auf Anhieb. Henning Soderberg – so heißt meine selbsterwählte Identität – bekommt von mir zunächst ein eigenes Aussehen und Outfit zugeteilt. Anschließend absolviere ich einen Einführungsparcours auf der ›Orientierungsinsel‹ und mache mich bereit für eine Entdeckungsreise in ein neues unbekanntes Land, wie einst die ersten Pioniere in Amerika. Was mich erwartet? Ein Leben in Freiheit, ohne Krankheit und Tod, ohne Hunger und Schmerzen und nebenbei die Aussicht auf Reichtum und Erfolg – das sind zumindest die wohlklingenden Verheißungen...

Meine ersten Impressionen sind eindrucksvoll und zeigen mir ein breites Spektrum an Umgebungen und Gestalten. Ich treffe einerseits auf Menschen, die in der Mehrzahl eine Nummer zu schön geraten sind und andererseits auf Wesen, wie man sie nur aus Büchern und Filmen kennt. Florierende Marktplätze und Vergnügungszentren sind zur Genüge vorhanden, aber auch entlegene romantische Inseln gibt es zu entdecken. Nicht überall bin ich willkommen – schnell wird mir klar, dass hier nicht alles perfekt ist – aber dennoch wirkt diese Welt zunächst faszinierend auf mich.

Second Life ist im Gegensatz zu anderen virtuellen Onlinegames eine Welt, die größtenteils von ihren Teilnehmern selbst erfunden und konstruiert wird, denn bis auf Himmel und Erde hat ihr der kalifornische Hersteller ›Linden Lab‹ wenig mitgegeben. Mittels einfacher Programmierwerkzeuge kann man alles Erdenkliche erfinden und erstellen, wobei anschließend jeder die Urheberrechte auf seine Kreationen behält. Auf diese Art und Weise entsteht in kürzester Zeit eine enorm große und vielfältige Welt. Mit Regeln und Gesetzen halten sich die Hersteller ansonsten jedoch sehr zurück, es gibt zwar die so genannten ›Big Six‹, eine Auflistung von humanistisch angelegten Grundwerten, deren Einhaltung ist aber schwer kontrollierbar.

Eine weitere und neue Dimension bekommt Second Life außerdem aufgrund der Möglichkeit echte US-Dollars in fiktive Linden-Dollars ein- und wieder zurückzutauschen. So kann jeder Bewohner durch Verkauf von Waren Linden-Dollars erhalten und diese dann später in reales Geld umtauschen. So kommt es, dass viele Nutzer im Spiel in Landbesitz investieren und eigene Läden bauen, um damit wiederum Geld zu erwirtschaften. Mittlerweile haben selbst große reale Unternehmen aus der Wirtschaft diesen neuen Markt entdeckt und sind virtuell ebenfalls präsent.

Da viel Wert auf Individualität und Äußerlichkeit gelegt wird, zählt ausgefallener, schöner, reicher. Wer diesem Trend nicht folgt, hat automatisch schlechtere Karten in dieser Welt, sei es bei der anvisierten Karriere als Popstar oder nur bei der Partner- und Freundessuche. Beziehungen sind in Second Life ein zentrales Thema und durch die Chatfunktion problemlos möglich. Um Kontakte halten zu können, hat Linden Lab eine Suchfunktion integriert, durch die gewonnene Freunde auf einer Karte jederzeit angezeigt und gefunden werden können. Durch die Tatsache jedoch, dass die Nutzer anonym bleiben, herrscht hier eine große Offenheit und Freizügigkeit. Nicht selten kommt es vor, dass sich aus einem Flirt mehr ergibt. Es ist sogar möglich, Sex miteinander zu haben – Kinder bekommt man hier allerdings keine.

Solange das Einkommen stimmt...
Die hohen Benutzerzahlen von fast 3 Millionen Anmeldungen belegen, dass das Konzept von Linden Lab funktioniert. Wöchentlich kommen momentan ca. 100.000 neue Nutzer dazu, so dass es fast schon eine berechtigte Frage ist, ob man in Zukunft sein Geld auch online in einer solchen virtuellen Welt verdienen kann. Nun, so verrückt es auch klingen mag, es gibt sie schon, die Menschen, die auf diese Art und Weise ihren Lebensunterhalt verdienen, und das nicht nur geringfügig. Anshe Chung beispielsweise, die im echten Leben Ailin Gräf heißt, wurde mit Grundstücksgeschäften im letzten Jahr zur Dollar-Millionärin und besitzt derzeit mehr als zehn Prozent der Landmasse. Aus diesem Erfolg heraus gründete sie eine ›reale‹ Firma, die sich voll auf diesen neuen Markt spezialisiert hat.

Allerdings fordert ein Leben im Netz auch einen hohen Preis, vor allem viel Zeit. Wer richtig Geld verdienen will, verbringt nicht selten acht und mehr Stunden täglich vor dem Bildschirm und kann nebenher nur erschwert einer normalen Arbeit nachgehen.

Darüber hinaus entstehen nicht selten ›real life‹ Probleme in Freundschaften und Beziehungen. Die Tatsache, dass die Verschmelzung von realem Leben und Fiktion noch nie so nah beieinander lagen, kann dazu führen, dass die Nutzer Erwartungen und Erfahrungen, die sie in der Online-Welt machen, einfach auf das reale Leben übertragen – das funktioniert jedoch leider nicht.

Die andere Freiheit
Gleich zu Beginn meines Daseins in Second Life wurde ich damit konfrontiert, wie andere Nutzer den Kontakt zu meiner Identität Henning Soderberg suchten. Nachdem ich in einer Situation realisierte, dass ich mich schon unmittelbar in einem Flirt befand, klingelten bei mir die Alarmglocken meines Gewissens auf Stufe rot und sofort schossen mir Fragen durch den Kopf: Was mache ich eigentlich hier und warum mache ich eigentlich was? Zugegeben, der Gedanke von Freiheit, tun und lassen zu können was einem beliebt, mag sehr reizvoll sein – auch für mich. Aber ist es nicht so, dass diese Freiheit ein Spiegelbild unseres Charakters und unserer Persönlichkeit ist? Wenn Menschen in einer virtuellen Welt Dinge ausprobieren, die sie in der Realität so nie ausführen würden, dann zeigt es doch, dass viele letztendlich unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte haben und mit sich selbst oder ihrer realen Lebenssituation nicht zufrieden sind. Der Wunsch nach Liebe und Annahme, nach Reichtum und Schönheit ist sicher in jedem von uns vorhanden; nur ob diese Bedürfnisse dann in einer von Menschen erschaffenen, annähernd idealen Welt ohne körperliche Defizite gestillt werden können, bleibt trotzdem mehr als fraglich. Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall froh, wieder zurück in die Realität eintauchen zu können und lasse sowohl Henning Soderberg als auch Second Life hinter mir – ganz ohne das Gefühl etwas zu verpassen. ///

 

Kommentare

Bisher keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfeld

*
*





*