Heft 28
Die Autorin
Kerstin Hack (40) lebt in Berlin und ist glücklich, wenn sie schreiben, Rad fahren, tanzen, Menschen begegnen und sie beraten, für ihre Stadt beten und neue Länder entdecken kann. Mehr aus ihrem Leben erfährt man in ihrem Blog »www.kerstin.down-to-earth.de
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Kolumne
Unersetzlich
// Es war nur ein einfacher Satz in einem – zugegebenermaßen ziemlich coolen und provokanten – Andachtsbuch: »Bring einen Gegenstand, der dir viel bedeutet, zu einem Second-Hand-Laden und gib ihn dort ab. Und schau nach zwei Tagen nach, ob er noch da ist und ob du ihn zurückkaufen kannst.«
Ich habe im Laufe meines Lebens wohl schon mehrere Hundert Predigten darüber gehört, dass Gott uns einen freien Willen gegeben hat; dass er uns freigibt und uns die Möglichkeit gibt, uns für oder gegen die Rückkehr zu ihm zu entscheiden. Basiskurs Christlicher Glaube, Lektion eins – das hatte ich schon längst verstanden. Verstanden. Aber noch kaum je gefühlt. Auch nie intensiv darüber nachgedacht, wie Gott sich gefühlt haben muss, das Risiko einzugehen, uns freizugeben...
Mir fiel mein Yentl-Video ein. Yentl erzählt die Geschichte einer Frau, deren Lebensinhalt es war, möglichst viel Wissen zu erwerben. Erst durch die Begegnung mit einem Mann, in den sie sich verliebt und mit einer warmherzigen Frau, die ihr vermittelt, dass Leben nicht nur aus Wissen, sondern aus Liebe und Begegnung, Wärme und Zuneigung besteht, entdeckt sie das Leben.
Yentl war meine Geschichte. Ich habe den Film gesehen, als ich Teenager war und eine Freundin mir den Spitznamen ›Pauline‹ gegeben hatte, weil ich wie Paulus voll mit theologischem Wissen war, aber nur wenig Leben in mir spürte. Yentl lies mich ahnen, wie ich Wissen und Leben verbinden kann. Wie ich als Frau denken, lieben, leben kann. Es ist mein Film. Ich habe die Filmmusik dazu so oft gehört, dass ich die Lieder, die Barbara Streisand da singt, alle auswendig mitsingen kann. Zum Beispiel das Lied, das sie singt, als sie sich verliebt: »The water shining on his hair, the sunlight on his head.« Oder das Lied, in dem sie die Veränderungen beschreibt, als sie ihren distanzierten Beobachtungsstatus aufgibt und sich auf das Leben einlässt: »For too many mornings the curtains were drawn; it is time they are opened to welcome the dawn.« Auf deutsch: Viel zu lange waren die Vorhänge in meinem Leben zugezogen; es ist Zeit sie zu öffnen und das Tageslicht hereinzulassen.
Es ist mein Film. Es ist ein Risiko, ihn herzugeben. Aber ich habe immerhin die Lieder im Kopf und auf einer uralten, ausgeleierten Kassette. Und bei Amazon gibt es Yentl als DVD. Es ist ersetzbar. Das Risiko ist überschaubar.
Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ihn aus dem Regal. Dabei fällt mein Blick auf einen zweiten Film: Babettes Fest. Das ist der zweite Film meines Lebens. Das Thema ist ähnlich. Eine kleine christliche Gemeinschaft an der dänischen Küste lebt erstarrt in Gesetzlichkeit und Bitterkeit. Eine Frau sucht vor den Wirren der französischen Revolution dort Zuflucht. Als sie in der Lotterie gewinnt, bittet sie um Erlaubnis, aus Dankbarkeit ein Festessen für die Gemeinschaft kochen zu dürfen. Babettes Fest wird zum Fest der Versöhnung, bei der die zerstrittenen Christen sich versöhnen, ihre Liebe zueinander und ihre Freude an der Gemeinschaft wieder neu entdecken. Der Film endet damit, dass sie leicht angeheitert um den Brunnen des Dorfes tanzen und ein Loblied auf den Schöpfer singen. Ein Fest des Lebens. Für mich drückt Babettes Fest aus, was Gemeinschaft unter Christen ausmacht: Nicht trockenes Wissen um das, was richtig ist, sondern geteiltes, lebendiges Leben. Solche Gemeinschaft will ich mit gestalten, leben, teilen…
Der Film drückt mein Leben aus. Den kann ich nicht hergeben. Anders als Yentl ist Babettes Fest kein Mainstream Film gewesen, lief nur in wenigen Kinos, ein Freund fand den Video mal zufällig in einer Videothek und kaufte ihn für mich, weil ich so viel von diesem Film erzählt hatte. Den wieder zu bekommen würde sehr schwer werden. Nein, den kann ich nicht hergeben. Das ist mein Film. Er erzählt ein Stück meiner Geschichte. Ich schaffe es nicht. Babettes Fest kann ich nicht zum Second-Hand-Laden bringen. Den nicht. Was, wenn jemand meinen Film kauft, ich ihn nie zurückbekomme? Auf keinen Fall. Das Risiko ist zu groß. Alles in mir kämpft gegen den Gedanken, diesen Film herzugeben. Ich schaffe es nicht.
Plötzlich ahne ich etwas von dem, was Gott empfunden haben muss, als er uns freigab. Wir sind sein Leben, seine Geschichte. Yentl und Babettes Fest spiegeln mein Leben und das, was mich geprägt hat, wider. Und ich reflektiere etwas von Gottes Geschichte. Einzigartig. Einmalig. Unwiederbringlich. Unersetzlich.
Was für ein Risiko, uns freizugeben, ohne zu wissen, ob er uns je zurückbekommt. Ich wusste schon immer, dass Gott uns Menschen Freiheit gab. Aber plötzlich kann ich ein bisschen von dem fühlen, was ihn das gekostet hat.
Was für ein Risiko. Was für ein Wagnis. Welche Freiheit. Was für ein Gott. ///


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