Heft 29

« zurück zur Heftübersicht

Der Autor

Haso (54), mit bürgerlichem Namen Harald Sommerfeld, ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und wohnt in Berlin. Er hat Mathematik und Theologie studiert und als Pastor und Dozent gearbeitet. Zuletzt war er im Rahmen des Netzwerkes »Gemeinsam für Berlin« als »Beauftragter für interkulturelle Beziehungen« tätig. Sein Anliegen ist, Christen im kommunalen Leben ihrer Stadt mitmischen zu sehen. Mehr von und über Haso kann man auf seinem Blog Hasos Tafel lesen » tafel.4haso.de

Dieses Heft bestellen

Das komplette Heft bekommst du, in dem du es im Webshop bestellst.

Jahresthema

Gemeindelos gehen 

Muss man eine Gemeinde haben, um Gemeinde zu sein?

// Oliver ist Fotograf. Letztes Jahr hat er sich selbstständig gemacht. Seine Arbeit macht ihm Spaß, und er investiert viel Zeit in den Aufbau des jungen Unternehmens. In seiner Freizeit sitzt er gern mit Freunden in einem Café oder einer Kneipe. Vor einigen Monaten ist er umgezogen. Seine neue Wohnung liegt in dem Viertel, in dem er sich meist mit seinen Freunden trifft. Er genießt es, mitten drin zu sein.

Am Sonntag fährt er in eine freikirchliche Gemeinde. Seine Eltern haben ihn schon mitgenommen, als er noch klein war. In diesem Umfeld wurde er Christ und sein Leben geprägt. Aber in letzter Zeit tut er sich schwer mit den Gottesdiensten. Wenn er ehrlich ist, dann ist er lieber mit seinen Freunden zusammen. Die Predigten in der Gemeinde kommen ihm weltfremd vor, auf jeden Fall überhaupt nicht passend zu seinem sonstigen Leben. Niemand fragt ihn, wie es ihm ›draußen‹ geht, aber viele fragen ihn, warum er sich in der Gemeinde nicht stärker ›einbringt‹. Das Ganze kommt ihm vor, als ob gewaltige Anstrengungen unternommen werden, einen Betrieb am Laufen zu halten, der eigentlich ins Museum gehört.

Dabei bleibt er dankbar für vieles, was er in dieser Gemeinde gelernt und erlebt hat. Die Beziehung zu Jesus ist nach wie vor von großer Bedeutung für sein Leben, auch wenn andere Leute in der Gemeinde sich Sorgen um seine geistliche Entwicklung machen. In seinem Job will er Werteverwirklichen, die mit seinem Glauben zusammenhängen. Für viele seiner Freunde ist er der einzige Christ, mit dem sie zusammenkommen. Sie akzeptieren ihn. Manchmal hat er das Gefühl, im Café Gott näher zu sein als in der Gemeinde. Irgendwann werden seine Gottesdienstbesuche seltener, hören schließlich ganz auf.

Andrea und Phil

Andrea und Phil leben nicht weit von Oliver. Beide kennen sich seit vielen Jahren und haben vor kurzem geheiratet. Phil studiert noch, Andrea arbeitet als Erzieherin. Beide kamen als Teenager zum Glauben. Bald darauf entdeckten sie ihr evangelistisches Herz. Sie waren auf mehreren Sommereinsätzen mit einem Jugend-Missionswerk, sprachen mit ihren Schulfreunden über den Glauben und spielten in einer Theatergruppe für missionarische Straßeneinsätze mit. In ihrer charismatischen Gemeinde machten sie viele Erfahrungen, die ihr Leben veränderten und formten.

Vor einiger Zeit fingen sie, ausgelöst durch Berichte in ihrer Gemeinde, an, sich mit der Situation von verfolgten Christen zu beschäftigen. Betroffen entdeckten sie, wie viele Menschen nicht nur wegen ihrer Religion, sondern auch wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe oder aus wirtschaftlichen Gründen unterdrückt werden. In der Gemeinde fanden sie nicht viel Verständnis, als sie anfingen, von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit zu sprechen. Aber mussten sie als Christen nicht etwas gegen Unterdrückung tun?

Andrea und Phil haben sich einer Gruppe angeschlossen, die sich für Menschenrechte engagiert. Natürlich wollen sie diese Kontakte auch ›evangelistisch nutzen‹. Doch sie stellen fest, dass ihnen dies nicht so leicht fällt. Ihr ›Schema‹, mit dem sie auf der Straße wildfremde Menschen mit einer Variante der ›Vier geistlichen Gesetze‹ konfrontiert haben, passt irgendwie nicht in den neuen Kontext. Mehr intuitiv als geplant ändert sich ihre Beziehung zu Nichtchristen und ihre Art, über ihren Glauben zu sprechen.

Bald geraten sie in eine Krise. Ihre Gemeinde unternimmt einen neuen ›evangelistischen Einsatz‹. Ein ›feuriger‹ Gastredner unterstützt sie beim Open-Air-Einsatz. Alle Register werden gezogen.

Früher wären Andrea und Phil begeistert gewesen über diese Art, das Evangelium offensiv unter die Leute zu bringen. Diesmal ist es anders. Auf dem Heimweg sprechen sie miteinander darüber, dass beide sich unwohl gefühlt haben. Sie fangen an, sich Gedanken zu machen. Dann fangen sie an, über ihre Gedanken in ihrer Gemeinde zu sprechen. Sie stellen unbequeme Fragen. Die Antwort wird ihnen in druckvollen Predigten von der Kanzel gegeben. Schließlich ziehen sie sich frustriert zurück.

Christen ohne Gemeinde?

Es gibt immer mehr Leute wie Oliver, Andrea und Phil. Sie sind Christen, aber sie finden ihren Platz nicht mehr in herkömmlichen Gemeinden. Manche von ihnen sind verletzt worden, manche sind kritisch oder zynisch geworden. Aber sie verstehen sich weiterhin als Christen und wollen Jesus ›nachfolgen‹, was immer das heute heißt. Genauer gesagt – viele von ihnen wollen herausfinden, was ›Nachfolge‹ heute bedeutet, jenseits eines Gemeindelebens, das mehr Parallelkultur als Salz in der Gesellschaft ist.

Für viele sieht es aus, als hätten Leute wie sie ein Problem. Sie haben keine Gemeinde, sie arbeiten nicht mit. Aber stimmt das? Die Geschichte von Oliver, Andrea und Phil ist noch nicht zu Ende.

Vor einigen Wochen haben die drei sich auf der Party eines gemeinsamen Freundes kennen gelernt. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, wie viele ähnliche Gedanken sie bewegen. Seither treffen sie sich regelmäßig. Sie reden über das, was sie gerade beschäftigt. Manchmal beten sie miteinander. Manchmal essen sie nur. Gegenwärtig lesen sie gemeinsam ein Buch. Es handelt von Christen, die in ihrer Stadt in einen sozialen Brennpunkt gezogen sind, um dort Hoffnung zu verbreiten und sich am kommunalen Leben zu beteiligen. Andrea und Phil tragen sich schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, so etwas zu tun.

Für Oliver sind solche Gedanken neu, aber er ist offen, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn sie noch mehr Gleichgesinnte fänden, könnten sie sich vorstellen, gemeinsam in ein Haus in herausfordernder Nachbarschaft zu ziehen.

Oliver, Andrea und Phil sind keine Christen, die Defizite haben. Sie sind Christen, die Potential haben. Aus der Sicht der Gemeinden, die sie verlassen haben, sind sie Teil des Problems. Könnte es sein, dass sie aus Gottes Sicht Teil seiner Lösung für unsere Städte sind? Schauen wir uns noch einmal die Vorwürfe an, die man ihnen macht.

Sie haben keine Gemeinde?

Wir haben uns daran gewöhnt, Gemeinde mit irgendeiner Form von Organisation zu verbinden. Wer nicht einer Einrichtung der institutionalisierten Religion zugehörig ist, gilt als konfessionslos. Aber stimmt das? Was macht Gemeinde zur Gemeinde?

Meine Beschreibung von Gemeinde finde ich an zwei Stellen im Neuen Testament. Die erste stammt von Jesus: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« (Matthäus 18, 20). Man braucht mehr als eine Person, um Gemeinde zu sein. Oliver alleine würde auch ich nicht als ›Gemeinde‹ ansehen. Aber drei reichen. Entscheidend ist, dass sie sich ›im Namen Jesu‹ treffen. Damit ist keine liturgische Formel gemeint. Es geht ihnen um das, worum es Jesus geht. Immer wieder sprechen sie darüber, wie man heute Jesus ›nachfolgen‹ kann. Wenn das nicht ›in seinem Namen‹ geschieht, weiß ich nicht, was dann ›in seinem Namen‹ bedeuten soll. Und Jesus ist allemal ›mitten unter ihnen‹. Das spüren sie. Sie sind Gemeinde.

Die zweite Stelle steht in der Apostelgeschichte. Das Leben der ersten Gemeinde wird so beschrieben: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet" (Kapitel 2, 42). Um Gemeinde zu sein, muss man sich mehr als einmal treffen, sich mit dem Inhalt des eigenen Glaubens beschäftigen, gemeinsam beten, gemeinsam essen und einander Anteil am eigenen Leben geben. Das tun die drei, im Unterschied zu manchen so genannten Gemeinden, die nach diesem Kriterium nur Ansammlungen von Kirchgängern sind.

Es stimmt, Oliver, Andrea und Phil haben keine ›richtige Gemeinde‹. Sie sind ›richtige Gemeinde‹.

Sie sind keine Mitarbeiter?

Wenn damit gemeint ist, dass sie nicht im Chor mitsingen oder im Lobpreisteam mitspielen, dass sie keine Kleingruppe leiten oder nicht den Gemeinderundbrief kopieren, sind sie in der Tat keine Mitarbeiter. Das wäre in ihrer Gemeinde auch gar nicht sinnvoll. Bei drei Leuten braucht man keinen Chor und kein Lobpreisteam, ihre Kleingruppe leitet sich selbst, und an einen Rundbrief denken sie noch nicht.

Die Frage ist jedoch, was Jesus unter einem ›Mitarbeiter‹ versteht und ob sie in seinen Augen solche Mitarbeiter sind. Was zu seinen Anliegen auf dieser Erde gehört, hat er unter anderem so beschrieben: »Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen« (Matthäus 25, 35-36).

Genau deswegen sind Andrea und Phil politisch aktiv geworden. Sie engagieren sich für Asylanten (›Fremde‹), politische Verfolgte (›im Gefängnis‹) und Opfer ungerechter Wirtschaftssysteme (›Hungrige‹ und ›Durstige‹). Mitarbeiter ist jemand, der tut, was Jesus wichtig ist. Andrea und Phil sind Mitarbeiter.

Wie sieht das bei Oliver aus? Seine Gemeinde hatte eine ›Vision‹ für ihn. Mit seinen Fotos hätte er den Schaukasten wunderschön gestalten können. Und seine Erinnerungsbilder nach Gemeindefreizeiten wurden von allen geschätzt. Oliver selbst hat eine andere ›Vision‹. Durch sein Geschäft kommt er mit vielen Menschen zusammen und stößt in viele gesellschaftliche Bereiche vor, die nie mit seiner früheren Gemeinde in Berührung kämen. Dort will er als Christ leben. Was das genau bedeutet, darüber macht er sich viele Gedanken. Er ist froh, dass er jetzt mit Andrea und Phil darüber sprechen kann. In seiner Gemeinde hat er wenig gelernt, was ihm in dieser Hinsicht hilft.

Oliver ist ›Mitarbeiter‹. Jesus hat gesagt, dass für die Menschen Gottes Reich wie Sauerteig ist, der in das Mehl der Gesellschaft eingerührt wird, bis am Ende Sauerteig und Mehl sich so verbunden haben, dass es überall nach Sauerteig schmeckt (Matthäus 13, 33). So ungefähr stellt Oliver sich sein Leben als Christ vor. Er hat dazu noch viele Fragen. Aber es fühlt sich richtig an, als Christ da zu sein, wo er ist.

Eine neue Art von Bewegung

Es gibt nach wie vor viele Christen, für die bestehende Gemeinden die richtige ›Heimat‹ und die richtige Basis für ihr Engagement sind. Doch gleichzeitig gibt es eine wachsende Zahl von (vor allem jungen) Christen wie Oliver, Andrea und Phil. Sie wissen oft nichts voneinander. Aber sie beschäftigen sich mit ähnlichen Themen und Wünschen. Immer häufiger begegnen sie einander. Oder ›zufällig‹ fallen ihnen Bücher oder Zeitschriftenartikel von anderen in die Hand, die auf demselben Weg sind. Dann erkennen sie einander schnell als Gleichgesinnte und sind froh, nicht die einzigen zu sein, die so denken, fühlen und leben. Denn manchmal kommen sie sich selbst wie Außenseiter vor.

Es scheint, der Heilige Geist bringt gegenwärtig weltweit mit solchen Christen etwas Neues hervor. Manche von ihnen haben bereits Theorie und Vorstellung für diese Art von Gemeinde und Leben. Andere tasten sich langsam voran in unbekanntes Land. Sie wissen nicht, wo ihr Weg sie hin führen wird. Aber sie sind mit Jesus unterwegs. Und sie sind im Glauben unterwegs wie Abraham, der »auszog und nicht wusste, wo er hinkäme« (Hebräer 11, 8). ///

Kommentare

Bisher keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfeld

*
*





*