Heft 29

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Der Autor

Daniel Knauft (25) lebt in Berlin. Er studiert zur Zeit Business Administration an der Berlin School of Economics und ist zunehmend journalistisch tätig. Außerdem engagiert er sich im Lobpreisteam seiner Gemeinde Rock Berlin.

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Einleitung Heftthema

Heute schon diskriminiert?

Der ganz normale Wahnsinn

// Stefanie ist durch die Frage sichtlich irritiert. »Ob du heute schon jemanden diskriminiert hast?«, will ich von ihr wissen. »Natürlich nicht!« erwidert sie entschlossen und leicht verärgert. Wie ich denn auf so etwas komme? Wir seien doch schließlich erwachsen, ver­nünftig und außerdem Christen. Es sei doch völlig klar, dass man andere nicht diskriminieren dürfe. Das bringt die junge Lehrerin schließlich schon ihren Kindern in der Grundschule bei. Alles klar? Soweit so gut. Dennoch: Die Frage ist längst nicht so absurd, wie sie zu­nächst scheint. Ich will jetzt nicht auf den nachrichtentauglichen und schockierenden Vorfällen von Rassismus herumreiten. Es geht mir auch nicht darum, die Rückkehr eines wieder erstarkenden Antisemitismus heraufzubeschwören, auch wenn schon Brecht da­vor warnte mit den Worten: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.« Mir geht es um etwas Unscheinbares, Alltägliches, Grundlegendes, Wiederkehrendes.

Herzensangelegenheit
Es geht um deine und meine Einstellung Menschen gegenüber, die andere Erfah­rungen in ihrem Leben gemacht, andere Entscheidungen getroffen und wieder andere Schlüsse daraus gezogen haben. Es geht um Wahrheit und Liebe – ein Spannungsver­hältnis mit unwahrscheinlicher Sprengkraft – und letztlich versucht dieses eine Wort das alles in sich zu vereinen: Toleranz.
Kaum ein Wort erregt die christlich-fundamentalen Gemüter mehr. Was steckt in diesem Konzept nicht alles an Widersprüchlichkeit?! Von der ursprünglichen Wortbedeutung her meint es, Andersartigkeit zu ertragen oder zu erdulden. Der Sinn ist aus meiner Sicht, die Gleichwertigkeit jedes Menschen gesellschaftlich zu verankern. Das ist an sich kein neuer Gedanke, denn schon im Jakobusbrief (Kapitel 2, 1ff) fordert die Bibel uns dazu auf, Menschen ohne Ansehen der Person zu begegnen. Konkret bedeutet das: Im Umgang miteinander sollen wir keine Unterschiede machen, die etwas mit dem sozialen Status zu tun haben. Da wird es auch schon spannend: Fallen dir Menschen in deinem Umfeld ein, die du meidest? Sicher, man kann sich seine Freunde aussuchen, aber wie offen bist du anderen gegenüber, die nicht deinem Style entsprechen? Wem hältst du gerne die Tür auf oder bietest den Sitzplatz neben dir an und wem nicht? Welchem Kollegen holst du gerne ei­nen Kaffee und wem nicht? Welchem Kommilitonen kopierst du gerne deine Unterlagen und wem nicht? Es sind diese kleinen Diskriminierungen des Alltags, die wir alle kennen. Wo steht dein Herz? Bist du tendenziell eher genervt oder offen? Es geht um diesen kleinen Moment im Herzen, in dem wir uns entscheiden, ob wir uns mit einem Men­schen abgeben wollen oder versuchen, diesem wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Bist du wirklich so offen, wie du denkst? Oder hast du manchmal ein hartes Herz? Heute schon diskriminiert?

Was ist Toleranz?
Rainer Forst, Autor von Toleranz im Konflikt definiert sie so: »Toleranz bezeich­net allgemein das Dulden oder Respektieren von Überzeugungen, Handlungen oder Praktiken, die einerseits als falsch und normabweichend angesehen werden, andererseits aber nicht vollkommen abgelehnt und nicht eingeschränkt werden.«

Wer bestimmt die Norm?
Die Diskussion um eine Leitkultur wird meines Erachtens deshalb so heftig geführt, weil gesellschaftliche Normen im Nordosten Deutschlands beispielsweise ganz anders de­finiert sind als im Südwesten – oder teilweise keine Definition haben, wie in Berlin. Hieraus wird schon deutlich, wie sehr regionale und kulturelle Ausprägungen unsere Bewertungskriterien und damit auch unser Denken, Urteilen und Handeln bestimmen.

Gibt es absolute Wahrheit?
Seit der Aufklärung, Lessings Ringparabel und spätestens seit dem Eintritt in die Post­moderne gilt in westlichen Industrienationen fast überall der Grundsatz, dass jeder nur eine für ihn selbst gültige Wahrheit finden kann, es also nur relative im Gegensatz zu ab­soluter Wahrheit gibt. Darin liegt jedoch ein Widerspruch, denn wenn jemand behauptet, es gäbe keine absolute Wahrheit, macht er damit schon eine absolute Aussage. Ein ähnliches Problem finden wir beim Paradoxon der Toleranz. Es besteht darin, dass man Intoleranz nicht tolerieren kann, um Toleranz aufrecht zu erhalten. Denn wenn man Intoleranz tolerieren würde, könnte man nicht mehr von uneingeschränkter Toleranz sprechen. Es ist offensichtlich, dass sich dieser Konflikt nicht auflösen lässt. Es ist mitunter auch von einer Diktatur der Toleranz die Rede, die soweit geht, dass nur noch pluralistische Weltanschauungen akzeptiert und absolute Wahrheits­ansprüche verteufelt und möglicherweise irgendwann sogar bekämpft werden.

Christen haben ein Problem
Es ist offensichtlich, dass Jesus absolut ist, wenn er behauptet, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein. Daran kommen wir nicht vorbei, wenn wir die Bibel in ihrer Authentizität anerkennen. Nun kann man in drei Weisen darauf reagieren. Erstens seine Aussagen relativieren, wozu viele Christen zurecht nicht bereit sind. Oder zweitens die Flucht nach vorn ergreifen, indem man das Konzept der Toleranz verteufelt und be­wusst in Kauf nimmt, als intolerant gebrandmarkt und damit gesellschaftlich nicht mehr ernst genommen zu werden. Drittens kann man einen Weg finden, der den Sinn von Toleranz – nämlich die Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung von der Norm abwei­chender Menschen – erfüllt, aber noch weit darüber hinausgeht.

Werte oder Moral?
Ich finde es merkwürdig, dass es bei freikirchlichen Christen meist um Moral geht, wenn von Werten die Rede ist – gerade in der Öffentlichkeit. Demut, Gastfreundschaft und Selbstlosigkeit sind Werte. Todesstrafe, Abtreibung und Homo-Ehe sind Fragen der Mo­ral. Vielleicht sollten wir Christen uns wieder mehr darauf besinnen, wofür wir in der Öffentlichkeit eintreten, anstatt wogegen wir wettern. Nur ein Nebengedanke.

Jetzt wieder Du!
Nach welchen Werten richtest du dein Leben aus? Worin besteht dein persönlicher Wertekanon? Und welche moralischen Ansprüche hast du an dich beziehungsweise an andere? Wie reagierst du beispielsweise, wenn deine beste Freundin beschließt, mit ihrem Freund zu­sammenzuziehen? Wie denkst du über Christen, die sich scheiden lassen, die Umwelt verschmutzen, sich eine Schönheits-OP wünschen oder Selbstmord begehen? Was hältst du von Lobpreisleitern, die nach dem Gottesdienst erstmal eine rauchen oder kiffen? Ist doch klar, sagst du? Steht ja in der Bibel. Der eigene kulturelle Hintergrund bestimmt maßgeblich die Interpretation von biblischen Aussagen. Ist dein Schriftverständnis das Maß aller Dinge oder etwa das deines Pastors? Will ich damit sagen, dass man keine Maßstäbe haben sollte, nach denen man sein Leben ausrichtet? Nein. Aber es ist ent­scheidend, dass man respektvoll mit anders denkenden und anders entscheidenden Men­schen umgeht: Erwachsene auch als solche behandeln, anstatt eines schulterklopfenden »Na, du bist halt noch nicht so weit im Glauben.« Oder schlimmer: »Da ist Rebellion in deinem Herzen – pass gut auf!«

Also doch alles relativ?
Will ich sagen, jeder solle nach seiner eigenen Fasson glücklich werden? Nein. Ist Moral beliebig? Nein. Wo steht Gott? Hat er nicht absolute Maßstäbe für unser Leben? Was ist für ihn okay und was nicht? Darf man überhaupt noch predigen oder jemanden ermah­nen? Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Moralische Grundsätze zu haben ist gut und sehr heilsam für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Heiligung ist ab­solut erstrebenswert, wenn man mit Gott befreundet sein möchte, denn es bedeutet, ihm immer ähnlicher zu werden. Die eigenen moralischen Vorstellungen jedoch anderen nahe zu bringen, hat seine Grenzen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass man eine vertrau­ensvolle Beziehung zu dem Menschen hat, dem man empfehlen möchte, sein Leben zu verändern. Denn sonst passiert es, dass Christen immer wie folgt wahrgenommen wer­den: besserwisserisch, abgehoben, fundamental religiös, unangenehm und möglicher­weise gefährlich; in einem Wort: intolerant und damit nicht zu tolerieren. Manche Chris­ten gefallen sich in einer solchen Märtyrerrolle. Ich nicht. Und ich finde, das muss auch nicht so sein. Schließlich können wir etwas leben, das wie über Toleranz und Solidarität hinausgeht, heutzutage aber kaum jemand mehr kennt.

Barmherzigkeit
Damit ist echte Anteilnahme gemeint, ein Mitfühlen und Bewegtsein von der Not und den Bedürfnissen anderer. Toleranz hat einen entscheidenden Nachteil: Sie fördert Igno­ranz und Gleichgültigkeit. »Lass ihn doch! Was gehts dich an?!« Das ist bei der Liebe Gottes anders: In tiefen Freundschaften und Jüngerschaftsbeziehungen ist es möglich und wichtig, sich gegenseitig auf Irrtümer und Schwächen hinzuweisen – auch wenn es weh tut und meist gerade dann! Allerdings wird ›in Liebe ermahnen‹ viel zu oft als Frei­brief für gutmeinende Mitchristinnen und ‑christen genutzt, um anderen zu sagen, was sie tun oder lassen sollten. Bekannterweise ist ›gut gemeint‹ oft leider das Gegenteil von ›gut‹. Die Liebe glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Wenn das nicht weit über das Konzept von Toleranz hinausgeht?
Heute schon barmherzig gewesen? ///

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