Heft 29
Der Autor
Volker Gringmuth (39) wohnt in Schwäbisch Gmünd, ist beruflich Tontechniker, Technischer Redakteur und Mitinhaber des Medientechnik-Unternehmens »klartext AV«. Privat befasst er sich gern mit Musik, Kindern oder Ultraleichtflugzeugen. Er engagiert sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Schwäbisch Gmünd in der Kinder- und Jugendarbeit, Chorarbeit und Gottesdienstgestaltung.
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Theologie
Wortwörtlich
Hat jeder Bibelvers das gleiche Gewicht?
// Vorweg: Ja, ich bin davon überzeugt, dass die Bibel Gottes Wort ist – was für mich konkret heißt: In der Bibel können wir nachlesen, was Gott uns Menschen gern sagen möchte. Dort offenbart er sich, dort zeigt er, wer und wie er ist, was er von uns denkt und wie er uns begegnen möchte. Deswegen stehen dort so viele Geschichten drin, Dinge, die Leute mit Gott erlebt haben. Damit man sich daraus ein Bild über diesen Gott machen kann.
Ich finde es allerdings – und spätestens hier gerate ich mit vielen Frommen in Konflikt – gefährlich, dieses Wort Gottes, das ich eher als eine Art Brief an die Menschheit verstehe, als Gesetzbuch zu verwenden, in dem jedes Detail buchstäblich zu verstehen und zu praktizieren ist.
Dabei geraten wir nämlich in einen üblen Konflikt. In der Bibel, die ja nun mal in einem völlig anderen Kulturkreis entstanden ist, ist ganz selbstverständlich die Rede von Sklaverei (als einer guten Einrichtung, selbst im Neuen Testament) oder Polygamie (als ein Zeichen von Reichtum und Gottes Segen).
Heute ist den meisten Christen klar, dass diese Regeln für uns keine Gültigkeit mehr haben. Um so mehr erstaunt es mich, dass in anderen Bereichen (und ich möchte mal boshaft unterstellen: in den Bereichen, die »uns« fern liegen und daher nicht uns, sondern »nur« anderen Leuten Probleme bereiten) die buchstäbliche Gültigkeit biblischer Gesetze wie selbstverständlich eingefordert wird. Dieses Dilemma wird in dem folgenden Text recht krass verdeutlicht.
Vorbemerkung zum Verständnis: Laura Schlessinger ist eine US-amerikanische Radio-Moderatorin, die in einer Sendung (als achtsame Christin) bemerkte, dass Homosexualität unter keinen Umständen befürwortet werden kann, da sie nach 3. Mose 18,22 ein Greuel wäre. Daraufhin wurde im Internet dieser offene Brief eines US-Bürgers an Dr. Laura verbreitet.
Viele Christen empfinden diesen Brief als Blasphemie, vor allem deshalb, weil er vor Sarkasmus trieft. Mich hat er vielmehr sehr nachdenklich gemacht. Mit Sarkasmus kann ich umgehen.
Sehr geehrte Frau Dr. Schlessinger,
haben Sie vielen Dank, dass Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe durch Ihre Veröffentlichungen einiges gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen. Wenn etwa jemand versucht, seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das 3. Buch Mose 18,22, wo klargestellt wird, das es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte!
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der spezielleren Gesetze und wie sie zu befolgen sind:
a) Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, dass dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (3. Mose 1,9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
b) Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in 2. Mose 21, 7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
c) Ich weiß, dass ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (3. Mose 15, 19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
d) 3. Mose 25, 44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Polen zutreffen, aber nicht auf Schweizer. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Schweizer besitzen?
f) Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren wie Muscheln oder Hummer ein Greuel darstellt (3. Mose 11, 10), sei das ein geringeres Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
i) Ich weiß aus 3. Mose 11, 16-8, dass das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?
j) Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen 3. Mose 19, 19, weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, dass wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (3. Mose 24,10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen (3. Mose 20,14)?
Ich weiß, dass Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zuversichtlich, dass Sie uns behilflich sein können.
Und vielen Dank nochmals dafür, dass Sie uns daran erinnern, dass Gottes Wort ewig und unabänderlich ist. Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan,
—Jake
Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über Homosexualität anfangen, dafür betrifft mich das Thema zu wenig. Das sollte nur ein Beispiel sein – aber ein recht deutliches.
Ich möchte allerdings – denn ich erwische mich selbst noch oft genug dabei – aufhören, mit zweierlei Maß zu messen. Wenn ich eines der Gebote relativiere – und die Relativierung der biblischen Meinung zur Sklaverei finde ich richtig – dann muss ich auch andere hinterfragen. Gleiches Recht für alle. Sonst mache ich es mir zu einfach und verwechsle bürgerliche Ansichten mit Gottes Geboten. Dieses Hinterfragen erlaube ich mir deshalb, weil es im Miteinander von Gott und Menschen meiner Meinung nach nicht in erster Linie um das Befolgen von Regeln geht, sondern um eine Beziehung. Regeln sind hilfreich, um eine Beziehung bestehen zu lassen – eine Beziehung ganz ohne Regeln wäre wohl kaum lebensfähig – aber die Regeln müssen sich an eine Entwicklung der Beziehung anpassen, nicht andersherum.
Dabei finde ich es hilfreich, mir Jesus selbst als Beispiel zu nehmen. In seinen Augen stand das Gebot der Liebe über allen anderen (und das wörtlich). Wenn er Menschen ihre Sünde vor Augen gehalten hat – etwa der Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) – dann hat er das immer erst getan, nachdem er ihnen Liebe und Wertschätzung vermittelt hatte. Weil die Frau sich von Jesus geliebt wusste, konnte sie auch die Wahrheit vertragen.
Wir dagegen benutzen (oder vielmehr: missbrauchen) biblische Gesetze sehr gern dafür, um unsere heile Welt nicht von störenden Elementen – zum Beispiel homosexuell Empfindenden – beeinträchtigen zu lassen. Von »Bring erst mal das in Ordnung, und dann komm wieder!« bis »Solche Leute haben in unseren Gemeinden nichts verloren!« ist alles dabei. Wer aber so redet, vergisst meiner Meinung nach, dass er selbst auch genug Leichen im Keller hat, wenn es auch andere sind. Christen sind wir ja nicht deshalb, weil wir »besser« sind, sondern weil Gott uns unseren täglichen Mist vergibt. Das ist alles.
Und ein homosexuell Empfindender kann ebenso zum Leib Christi gehören wie ein Streitsüchtiger oder ein Geiziger oder ein Hochmütiger – oder ein heterosexueller Mann, der seine Augen an Frauen hängt, die ihn nichts angehen. Wenn Homosexualität Sünde ist, dann sind es diese Dinge nämlich nicht weniger.
In einer Predigt habe ich mal einen schönen Satz gehört, der meine Gefühle in dieser Hinsicht sehr klar in Worte gefasst hat: »Ob Homosexualität – nach heute gültigen Maßstäben – Sünde ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich genau: Lieblosigkeit gegenüber Homosexuellen ist Sünde!«
Das will ich lernen: Den Menschen um mich herum in erster Linie Gottes Liebe und Wertschätzung zu vermitteln. Wer sich geliebt und angenommen weiß, lässt sich und sein Leben auch hinterfragen – aber bitte in dieser Reihenfolge. ///


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