Heft 29

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Die Autorin

Sibille Tschanz (31) ist mit Stephan verheiratet. Sie leben zusammen in Bern und haben seit kurzem ein neues Familienmitglied: Sibille ist frischgebackene Mama!

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Kolumne

Zum Zuhören vergewaltigt

Tagebuchauszug

// Wir haben zum Öffnen der Tür eine Gegensprechanlage. Das ist ziemlich praktisch. Wenn es also unten klingelt, können wir oben noch aufräumen. Denn bis der Besuch in unserer Wohnung im vierten Stock steht, bleibt noch für das eine oder andere Zeit.

Wenn jedoch unten die Haustüre nicht geschlossen ist, dann überrascht uns schon mal auch ein Besuch vor unserer Wohnungstüre. Nun, das ist natürlich eigentlich kein Problem, wenn das irgend so ein Besuch ist. Aber letzthin hat uns ein Besuch besonderer Art überrascht. Wir waren beide so überrumpelt, als er plötzlich in der Wohnung und Sekunden später in unserer Küche stand, dass uns fast die Spucke wegblieb. Unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen, weil wir für diesen Abend schon was Tolles vorhatten: Abhängen in trautem Familienkreis. Leider hat Herr Sowieso nicht danach gefragt, ob wir Zeit haben und es schien ihn auch nicht so sehr zu interessieren. Ich meine nur, es hätte ja sein können, dass es ihn interessiert. Schließlich gehörte er nicht gerade zu unseren engsten Freunden und wir hatten uns einige Jahre nicht gesehen. Doch wie taktlos auch immer der Anfang war, bis hierher bestand ja noch die Chance, dass es nett werden würde. Schließlich fing unser Besuch auch damit an, dass er uns danken möchte. Das hat mich dann einigermaßen neugierig gemacht. Doch leider war das der Anfang von den folgenden 60 Minuten, in denen er sprach. Und wohlverstanden,

Es war schrecklich. Am Anfang nahm ich es mit christlicher Gelassenheit hin, dachte, dass er wohl gerade ein bisschen überschäumt, aber dann sicherlich auch mal noch irgendeine Frage stellen würde. Als das nicht eintraf, wurde ich zornig und zynisch zugleich. Still in meinem Kopf verdrehte ich seine Aussagen, überlegte, wie ich ihn nun mit den Worten »echt nett, dass du gefragt hast wie es uns geht« vor die Türe setzen könnte und zählte die Minuten.

Aber Herr Sowieso fühlte sich sehr wohl bei uns. Natürlich merkte er nicht, dass uns das christliche Geschwafel, das er von sich gab, nicht interessierte. Logisch nicht. Es war ja auch in einem Satz zusammenfassbar: Ich, ich und nochmal ich. Ein klassischer Egomane. Reinrassig. Und das in unserer Wohnung! In mir kam Verzweiflung hoch.

Wie nur würden wir ihn loswerden? Ich wusste, dass ich ganz sicher die Falsche für den Rausschmiss wäre. Zu unkontrolliert und zu gemein. Das war ein Fall für meinen Mann. Der hat das drauf. Und er verstand meinen Gesichtsausdruck. Der verriet ihm wohl, dass ich genug hatte und so machte er ihm sanft und fair klar, dass er nun gehen müsse.

Das mit dem Abhängen wurde dann nichts mehr. Auf diese Schreckensstunde hin gönnten wir uns aber dann doch noch ein Glas vom besten Rotwein. Dieser Auftritt von Herr Superschlau war so krass, da mussten wir einfach anstoßen…

So geht es also den Menschen, die Jesus nicht kennen und dann einem seiner Vertreter begegnen: Sie werden ungefragt mit Weisheiten zugedröhnt, die sie vielleicht nicht interessieren und kriegen keine Resonanz auf ihre eigene Person. Schrecklich. Vielleicht war das sogar ganz gut, musste ich mir mal reinziehen, wie sich das anfühlt…

Was Herr Sowieso uns so eindrücklich veranschaulicht hat, kenne ich natürlich von mir in einer abgeschwächten Version auch. Manchmal spreche ich ebenfalls lieber, als dass ich zuhöre. Das Problem ist nur, dass Menschen meistens gerne gehört und gesehen werden und das wohl dem christlichen Gedanken näher kommt, als sich selbst sichtbar zu machen. Mal ehrlich, meine Freundin, die Jesus nicht kennt, interessiert es doch einen Scheiß, ob ich viel oder wenig für und in der Gemeinde tue oder was für Werte ich vertrete. Was die doch an mir sehen will, ist, ob ich eine gute Freundin bin oder nur so eine Evangelisationstussi, die es auf sie abgesehen hat. Ich glaube, diese Welt und ihre Menschen warten darauf, dass ich mich auf sie als Personen einlasse, indem ich selbst ganz Mensch bin und mich nicht hinter schlauem Gefasel und klugen Ratschlägen verstecke. Die wollen doch mit mir in den Dialog treten, nicht einem selbstverherrlichenden Monolog folgen müssen, in dem sie keine Rolle spielen.

Ich wünsche dir, dass du es schaffst, ein guter Freund, eine gute Freundin zu sein oder zu werden. Dass du Menschen auf deiner Lebensbühne zu Stars machst, zu Helden, zu Menschen mit Bedeutung.

Ich wünsche dir, dass du menschlich wirst, so wie Jesus menschlich war. ///

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