Heft 30
Die Autorin
Lynne Tiller (27) kommt aus Melbourne in Australien. Ihr Verlobter Andy und sie sind gerade dabei ein Haus im Ostharz zu renovieren. Dort wird sie in Zukunft auch wieder ihrem Beruf als Fotografin nachgehen.
» Alabaster Jahr Jahresbericht
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Andere Initiativen: England
Die Bieruntersetzer-Kampagne ›The truth isn’t sexy‹ (Die Wahrheit ist nicht sexy) wurde gleichzeitig mit dem Jubiläum zum Ende des Sklavenhandels herausgebracht. Im Gegensatz zu anderen Agenturen, deren Arbeit auf die Opfer oder die Angebotsseite im Gewerbe gerichtet sind, hebt die ›The truth isn’t sexy‹-Kampagne das Thema der Nachfrage hervor.
Durch das besondere Design wird die Aufmerksamkeit des Betrachters geweckt. Die eine Seite zeigt ein verlockendes Bild einer Frau, die in einer weder richtenden noch moralisierenden Atmosphäre gerade eine Unterhaltung beginnt, aber auf der anderen Seite werden einem die harten Realitäten inmitten des globalen Sexhandels vor Augen geführt. Diese Bieruntersetzer wurden in Studentenvereinigungen und Pubs in ganz Großbritannien verteilt und stützen sich auf dem starken Interesse der Politik, Medien und Öffentlichkeit, das durch das 200-jährige Jubiläum aufgekommen war.
Verantwortung
Berlins Schnäppchenmarkt
Alabaster Jar – Hilfe für Prostituierte
// Über Prostitution redet mein eigentlich nie gerne. Aber können wir Christen diesem Thema weiterhin ausweichen, wenn dieses ›älteste‹ Gewerbe der Welt immer weiter wächst und Ausmaße annimmt, die nicht mehr schön sind? Jesus hat sich nicht nur mit einer niedergeschlagenen Prostituierten angefreundet, sondern ihr sogar Liebe entgegengebracht. Warum also finden wir es dann so schwer? Als Angebot aus dem christlichen Gehirn-Ghetto auszubrechen, haben wir eine Berliner Initiative besucht, die das Problem der Prostitution in Angriff nimmt.
Während die Armen immer härter arbeiten und die Reichen immer billigere Produkte kaufen, denkt kaum jemand daran, dass die scheinbar unendliche Kapazität der Menschen, Böses zu tun, auch beinhaltet, dass die Körper von Männern, Frauen und Kindern zu Produkten gemacht werden, und dass diese Verkaufsgüter dabei Tiefstpreise erreichen. Die Welt wird immer globaler und damit auch die ›Sexindustrie‹.
Letztes Jahr feierte die Welt den vor zweihundert Jahren beendeten Sklavenhandel. Doch sind heute noch 27 Millionen Menschen in verschiedensten Arten sexueller und arbeitsmäßiger Ausbeutung versklavt. Das sind mehr als auf dem Höhepunkt des transatlantischen Sklavenhandels.1 Dieses illegale Geschäft nennt man ›trafficking‹ – Menschenhandel. Weltweit gibt es mehr als eine Million Kinder, die jedes Jahr in den Sexhandel hineingeraten, wobei schon zehn Millionen Kinder darin arbeiten. Das sind wirklich traurige Wahrheiten. Aber was kann jemand aus einem wohlstandsgeprägten, westlichen Land wie Deutschland tun? Die Antwort lautet: ›Sehr viel‹. Deutschland setzt in der kommerziellen ›Sexindustrie‹ jährlich 14 Milliarden Euro um, was weltweit einer der bedeutendsten Beiträge diesbezüglich darstellt.2 Das ›UN Centre for International Crime Prevention‹ hat herausgefunden, dass Deutschland ein sehr beliebtes Ziel für Menschenhändler ist. Im Moment arbeiten 400.000 legale und unzählige illegale Prostituierte in Deutschland, um den bestehenden Bedarf zu decken.3 Wir alle empfinden Mitleid beim Gedanken an die Männer, Frauen und Kinder, die in ein Leben des sexuellen Missbrauchs verstrickt sind, um ihre Schulden an diejenigen zu bezahlen, die sie verkauft oder hineingezogen haben. Aber was ist mit denen, die sich selbst für die Prostitution entschieden haben? Sehen wir uns den Aspekt der eigenen Entscheidung einmal genauer an. Eine Studie, die in neun verschiedenen Ländern, darunter auch Deutschland, durchgeführt wurde,
zeigt, dass fast alle Prostituierten eine Vergangenheit aufweisen, in der sexueller Kindesmissbrauch stattfand. 59% der Befragten berichten, dass sie als Kinder von Erziehungsberechtigten bis hin zu körperlichen Verletzungen geschlagen wurden, 63% erlebten als Kind sexuellen Missbrauch (durchschnittlich vier Täter pro Kind) und 89% möchten die Prostitution gerne verlassen.4
Prostitution und Menschenhandel kann nur fortbestehen, solange die Gesellschaft gleichgültig zusieht.5 Es ist kaum zu glauben, dass solch eine verletzende und zerstörende Industrie so lange existieren konnte, noch weniger der Fakt der allgemeinen Akzeptanz. In Deutschland ist Prostitution nicht nur legal, sondern Gruppen, die Frauen in dieses Geschäft verhelfen, werden vom Staat für die Arbeitsbeschaffung unterstützt. Wenn du nachts die Oranienburger Straße im Herzen der Hauptstadt entlanggehst, siehst du, was Deutschland seinen Touristen anbietet: Eine Partymeile unter dem Motto ›Sex für Geld‹. Im Gegensatz zu England, wo der Gang zu einer Prostituierten mit Gefängnis bestraft werden kann und deshalb sehr verborgen abläuft, dekorieren diese Frauen Berlins Nachtleben wie Lichter einen Weihnachtsbaum. Warum werden manche Frauen in diesem so scheinbar entwickelten Land einfach als ›Nutte‹ abgestempelt und nicht als die Person gesehen, die Jesus liebt und der er Vergebung anbietet?
Aus dem Internationalen Lexikon der Sexualität (1997-2001) wissen wir, dass 8% der westdeutschen, männlichen 17-Jährigen mit Erfahrungen im Geschlechtsverkehr bereits mit einer Prostituierten geschlafen haben. Das wirft die Fragen nach ihren Vorbildern auf. Wer lehrt sie, dass diese Frauen lediglich ein weiteres Produkt sind, das benutzt werden kann? Dieses Problem braucht jede Menge Bewegung auf den verschiedensten Ebenen. Es ist ein Problem von Männern und Frauen – denn wo keine Nachfrage, da auch kein Angebot. Jeder ist auf diese oder jene Art und Weise daran beteiligt.
Weltweit gibt es viele Initiativen, die versuchen, dieses Problem anzugehen. Eine der kürzlich entstandenen, ist Alabaster Jar, eine christliche Gruppe in Berlin. Patricia Green aus Neuseeland arbeitete 17 Jahre mit Prostituierten in Thailand, bis sie den Eindruck hatte, nach Berlin zu ziehen. Noch unentschlossen, was sie hier tun würde, begann sie mit einer kleinen Gruppe von unerfahrenen, ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Nach viel Gebet begannen sie ihre ersten Besuche auf der Oranienburger Straße, wo ihnen die kalten Blicke der Frauen entgegenschlugen. Das Eis wurde gebrochen als Patricia dort einer großen Frau mit eiskalter Mine eine rote Rose schenkte. Da es zu dem Zeitpunkt keine deutschsprechende Frau in der Gruppe gab, fragte sie auf Englisch: »Warum hast du mir diese Rose geschenkt?« Patricia antwortete: »Weil du wunderschön bist und ich dachte, dir gefällt die Rose vielleicht.« Dies war der Anfang einer bleibenden Freundschaft. Heute dient das Team von Alabaster Jar wöchentlich über 40 Frauen aus neun Nationen. Viele Frauen nutzen den Wohnwagen dieser Gruppe, um sich aufzuwärmen oder einfach zu reden. Dort haben sie die Möglichkeit, christliche Bücher mitzunehmen, Informationen und Unterstützung über Gesundheitsversorgung, Jobs, rechtliche Hilfe, Unterkunft und Weiterbildung zu bekommen. Alabaster Jar hat die Absicht, die Würde dieser Frauen wieder herzustellen und ihnen durch die Liebe Jesu zu zeigen, dass es echte, realisierbare Alternativen neben der Arbeit als Prostituierte gibt. Aufgrund begrenzter Anzahl der Mitarbeiter und Mittel fällt es ihnen jedoch nicht immer leicht, den Nöten dieser Frauen zu begegnen. Wie wahr ist es auch hier, dass nur wenige Arbeiter in dem reichen Erntefeld sind.
Jede dieser Frauen hat eine eigene Geschichte zu erzählen, und Hürden, die es zu überwinden gilt. Diese Woche konnten die Mitarbeiter auf der Kurfürstenstraße mit einer Frau reden, die sich seit 30 Jahren als Prostituierte verkauft. Sie sprechen auch mit einer etwas nervös blickenden ausländischen Frau, die sich erst seit zwei Tagen an die Männer verkauft – für gerade einmal zehn Euro. Das drogensüchtige
Mädchen taumelt bis zur Straßenecke, um das bisschen, was noch von ihr übrig ist, zu verkaufen. Ihr ›Freund‹ wartet treu an der Bushaltestelle auf sie, während die Kindergartenkinder auf ihrem Weg nach Hause nichts ahnend vorbeilaufen.
Die Bibel sagt uns in 3. Mose 19, 29 sehr deutlich, dass wir unsere Töchter nicht zur Hurerei anhalten sollen, sonst wird das Land der Hurerei verfallen und mit Schandtat erfüllt sein. Wir müssen uns wohl eingestehen, dass der klare Stand der Bibel zu diesem Thema und Jesu eindeutiges Beispiel des Erbarmens und der Vergebung bisher nicht wirklich genügend zum Tragen kommen. Einfach, weil wir uns gleichgültig zurücklehnen. ///
Fußnoten
1 K. Bales
2 »The License to Have Sex,« Deutsche Welle, 24 January 2005
3 According to HYDRA, the Berlin based non-Christian group working with prostitutes.
4 Prostitution, Trafficking, and Traumatic Stress. Melissa Farley, The Haworth Maltreatment & Trauma Press, Copyright by The Haworth Press, Inc. 2003
5 Prostitution, Trafficking, and Traumatic Stress. Melissa Farley, The Haworth Maltreatment & Trauma Press, Copyright by The Haworth Press, Inc. 2003


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