Heft 30
Die Autorin
Anneke Reinecker (30) ist mit Martin verheiratet und Mutter von zwei süßen Töchtern. Sie ist Absolventin der Bibelschule Glaubenszentrum Bad Gandersheim und hat per Fernstudium Journalismus studiert. Heute lebt sie mit ihrer Familie im schönen Schwarzwald und tut ihr Bestes, um mit Jesus
den Kleinkinderalltag zu meistern.
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Lebenskonzepte
Berufung vergeigt?
Über die Frage, wie festgelegt Gottes Plan für uns ist
// Hätte man mich vor einigen Jahren nach meiner Berufung gefragt, hätte ich spontan eine Antwort parat gehabt: Missionarin in der islamischen Welt. Ich hatte die Bibelschule besucht, einige Auslandseinsätze unternommen und einen Mann geheiratet, der ebenso wie ich ein Herz für Mission hatte. Als wir schließlich nach Albanien aufbrachen, schien alles perfekt. Auf uns wartete ein Team, mit dem wir uns gut verstanden, und eine Arbeit, in die wir mit unseren Gaben optimal hineinpassten. Der Rückhalt in der Gemeinde, unsere finanzielle Versorgung und die Umstände unserer Ausreise ließen derart Gottes Gunst erkennen, dass wir überzeugt waren, uns im Zentrum von Gottes Willen zu befinden. Wir stellten uns auf einen längerfristigen Aufenthalt in Albanien ein. Nachdem das erste Jahr außerordentlich gut verlaufen war, überfiel er uns im zweiten Jahr umso heftiger: Der berühmte Kulturschock. Es würde zu weit führen zu beschreiben, was wir emotional durchmachten, jedenfalls wollte ich nur noch eins: Nach Hause. Ich war zudem schwanger und konnte mir nicht vorstellen, in Albanien ein Kind groß zu ziehen, geschweige denn, es in einem dortigen Krankenhaus zur Welt zu bringen. So trafen wir zunächst einmal die Entscheidung, für die Geburt nach Deutschland zurück zu gehen und aus der Entfernung zu überlegen, wie es weitergehensoll. Nach vier Monaten Gesprächen mit unseren Leitern und Gebet entschieden wir letztlich, vorerst in Deutschland zu bleiben. So erleichtert ich einerseits war, nicht wieder nach Albanien »zurück zu müssen«, stellte sich mir doch immer wieder die Frage: Hatten wir unsere Berufung in den Sand gesetzt?
Kein Einzelfall
Ganz sicher sind wir nicht die Einzigen, die so etwas oder Ähnliches erlebten. Da zerbricht – aus welchen Gründen auch immer – die Ehe eines Pastors und gleichzeitig sein vormals so gesalbter Dienst. Eine schwere Krankheit zwingt den Missionar, dauerhaft sein Einsatzland zu verlassen. Aber auch weniger dramatische, ja erfreuliche Gründe können bewirken, dass das, was wir für unsere Berufung halten, auf einmal nicht mehr funktioniert. Z. B. die junge Frau, die ein Riesenherz für Jugendliche hat und sich in diesen Bereich des Reiches Gottes berufen weiß, aber als Mutter von drei kleinen Kindern einfach keine Kapazitäten außerhalb der Familie mehr übrig hat.
Berufung – was ist das eigentlich?
Der Begriff ›Berufung‹ ist meiner Ansicht nach mehrschichtig zu füllen. Da ist zuallererst der grundlegende Ruf an jeden Menschen in die Beziehung mit dem Schöpfer hinein. Kein Dienst, schon gar keine religiösen Werke sind hier gemeint, sondern eine vertrauensvolle Vater-Kind-Beziehung, eine Liebesbeziehung zu Jesus, dem Erlöser, geprägt von gegenseitigem Geben und Nehmen. Alles schon hundert Mal gehört? Natürlich – wir wissen worum es geht. Theoretisch. Doch wie sehr leben wir darin? Ich werde später darauf zurückkommen.
Dann gibt es da Berufungen, die für jeden Christen gelten. Beispielsweise die Berufung, Zeuge für Jesus zu sein (vgl. Markus 16,15), das Evangelium weiterzugeben in Wort und Tat. Oder aber der Ruf, das uns von Gott Anvertraute nicht zu verbuddeln, sondern zur Ehre Gottes einzusetzen (vgl. Matthäus 25,14 ff). Und das führt eigentlich schon zum dritten Aspekt von Berufung, nämlich, die Berufung in eine spezifische Aufgabe hinein. Normalerweise denken wir hierbei automatisch an den Dienst des Pastors oder Missionars, des Jugend- oder Lobpreisleiters. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Gottes Berufungen sich nicht nur auf die typischen ›geistlichen‹ Aufgaben beschränken. Da mag jemand den Ruf haben, Arzt zu werden oder aber Pflegekinder in die eigene Familie aufzunehmen. Im Folgenden möchte ich mich auf diesen letzten Aspekt von Berufung – die Berufung zu einer bestimmten Aufgabe – beziehen. Was können Gründe sein, dass es mit der Erfüllung unserer (vermeintlichen) Berufung nicht klappt – zumindest nicht dauerhaft?
1. Ungehorsam. Das gibt es natürlich. Ich weiß ganz genau, was Gott von mir will und sträube mich dagegen, laufe in eine andere Richtung wie einst Jona (vgl. Jona 1,1-3).
2. Ablenkung. Ich weiß um meine Berufung, empfange z. B. als Teenie einen Ruf in die Mission nach China, doch dann bleibe ich nicht fokussiert. Ausbildung (damit ich auf jeden Fall etwas ›Ordentliches‹ in der Tasche habe, egal ob’s zum Ruf passt oder nicht), Heirat (mit jemandem, dem der Gedanke ›Mission‹ noch nie in den Sinn gekommen ist, aber – nun ja, er ist doch schließlich auch Christ), Kinder – und schließlich lockt die Bank mit dem supergünstigen Darlehen fürs Eigenheim.
3. Falscher Druck. In manch ›geistlichem‹ Umfeld kann man unter einen gewissen Druck kommen, eine besondere Berufung haben zu müssen. Da kann es sein, dass man meint, eine bestimmte Berufung gehört zu haben, die Gott aber nie ausgesprochen hat, nur weil alle anderen um einen herum auf einmal von ihren scheinbar großen Berufungen reden.
4. Falsche Vorstellungen. Ich höre von Gott beispielsweise nur ›China‹ und denke sofort, dass Gott mich mit Sicherheit als Missionar nach China schicken will. In meiner Hingabe besuche ich die Bibelschule, lerne Chinesisch und bereite mich mit Mitte 20 auf die Ausreise vor. Und nichts klappt mehr. Ich proklamiere die Hindernisse Satans aus dem Weg – doch sie bewegen sich nicht. Warum? Weil nicht der Feind mich stoppt, sondern der Herr selbst, der mich eigentlich dafür gebrauchen will, unter den chinesischen Studenten in meiner Stadt Kontakte aufzubauen.
5. Unvorhergesehene Ereignisse. Dies entspricht den eingangs genannten Beispielen, wie Kulturschock, Krankheit, finanzielle Engpässe etc.
Die Sache mit dem Plan Gottes
Ich habe oftmals den Satz gehört und auch selbst gesagt: »Ich möchte den Plan Gottes für mein Leben erfüllen.« Klingt gut. Doch was meinen wir eigentlich damit? Dahinter steht vermutlich irgendwie die Vorstellung, dass Gott einen festgelegten Plan für unser Leben hat, den es unsererseits umzusetzen gilt. Aber ist das wirklich so?Hat Gott einen optimalen Plan A für unser Leben und eine falsche Entscheidung unsererseits reicht aus, um bestenfalls noch Plan B erfüllen zu können? Ich habe meine Fragen, wenn ich von Leuten beispielsweise höre, dass Gott für die Aufgabe, die sie tun, ursprünglich jemand anders auserwählt hatte. Bedeutet das, dass ich der – vielleicht sogar sehr gesegnete – Lückenbüßer eines anderen bin, weil jener nicht hingegeben genug war? Und was ist mit Gottes ursprünglichem Plan für mein Leben? Oder war sein ursprünglicher Plan mit mir, für einen anderen einzuspringen, weil er ja schon vorher wusste, dass jener nicht mitmachen würde? Aber wenn Gott das schon vorher wusste, warum hat er dann nicht gleich mich gefragt? Und wie ist das mit dem Heiraten? Viele Christen meinen, es gäbe nur einen von Gott festgelegten Ehepartner für sie. Allerdings reichte dann schon ein ›irrtümliches‹ Pärchen aus, dass die ganze Rechnung nicht mehr aufgeht. Wie passt ein abgebrochenes Studium, das Verlassenwerden vom Ehepartner, eine kleine, aber entscheidende, falsche Entscheidung in den Plan Gottes? Ist dann alles verloren und ich habe nie und nimmer mehr die Chance, ein »Gut gemacht, treuer Knecht« von Gott zu hören? Wie sehr ist Gott bereit, seine Wege unseren Dickköpfen anzupassen? Warum hat er beispielsweise dem Volk Israel einen König gegeben, wo er doch selbst ihr König sein wollte? Als dieser dann auch noch fällt, machte das wiederum den Weg frei für König David. Ja wie – König David als Ersatz für Saul, den Gott dem Volk sowieso nur als Zugeständnis gegeben hatte? (vgl. 1. Samuel 8-16) Der König David? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich über all diese Fragen meine Gehirnwindungen verknoten. So sehr ich mir auch den Kopf zermartere, Beispiele in der Bibel suche und versuche, Gott zu verstehen – ich findekeine Antwort, die man als allgemeinen ›theologischen Richtungsweiser‹ bezeichnen könnte. Egal, aus welchem Grund wir unsere – vermeintliche – Berufung vermeintlich vergeigt haben: Die einzige Antwort, die ich gefunden habe, liegt in unserer ersten, Grund legenden Berufung – der Beziehung zu Jesus.
Worum es eigentlich geht
Eben jene, eingangs erwähnte Liebesbeziehung zu Gott ist das A und O. Darauf müssen wir unseren Fokus setzen, wenn alles andere zu zerbrechen scheint. Nur in der Begegnung mit Gott werde ich in meiner ganz persönlichen Situation Antwort finden, wie es um meine Berufung steht. Doch wenn mein schlechtes Gewissen darüber, in meiner ›Dienstberufung‹ versagt zu haben, mich daran hindert, wieder »freimütig vor den Thron der Gnade« zu treten (siehe Hebräer 4,16) und in die Arme des Vaters zu laufen, dann bin ich wirklich aus meiner Berufung herausgetreten. Und selbst das ist keine Einbahnstraße – ich kann immer noch zurück, so lange ich es nur will. Ich nehme an, Gott ist ein nicht ganz so schnurgerades Leben, das uns immer wieder zu ihm zurückbringt, lieber, als dass wir am richtigen Ort die richtigen Dinge tun, aber darüber die persönliche Beziehung zu Gott verlieren. Gott hatte vermutlich irgendwann einmal optimale Pläne für jeden einzelnen Menschen. Doch bereits in 1. Mose 3 musste er anfangen, seine optimalen Pläne den äußerst unoptimalen Menschen anzupassen. Wie das mit dem Bild des souveränen Gottes zusammenpasst? Vielleicht macht gerade das seine Größe und Souveränität aus, in der Beziehung mit uns Menschen immer wieder einen neuen Weg zu finden, auf dem wir ihm – so optimal es eben geht – dienen dürfen. ///


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