Heft 31

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Der Autor

Johannes Kleske (29) lebt als Teil der Kubik-Gemeinschaft in Karlsruhe und arbeitet als Web-2.0-Konzepter bei der Agentur Neue Digitale in Frankfurt. Er verbringt seine Zeit am liebsten in Kaffeehäusern mit WLAN und denkt viel über Emergenz, Design, neue Arbeitsformen und OpenSource Theologie nach.
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Heftthema Erweckung

Auserwählte Generation?

Interview mit Johannes Kleske über den Verbleib der unzähligen Prophetien für die junge Generation // Interviewer Benjamin Finis

// Unsere Generation wurde mit Prophe­tien beinahe geflutet: Unüberschaubar viele Prophetien haben vorhergesagt, dass wir zu einer Josua-, einer David- oder ei­ner Elia-Generation werden würden. Es schloss sich in der Regel ein Ruf zu einem radikalen Lebensstil an, mit dem Ziel ein Teil von der Generation zu sein, die auf­steht und durch viel Gebet einen Wandel herbeiführt. Mit einigen Jahren Abstand wollen wir einmal Revue passieren lassen, was aus den Prophetien geworden ist und welchen Einfluss sie tatsächlich auf das Leben von Einzelnen genommen haben.

1. Johannes, du warst damals mitten­drin, als es Mitte bis Ende der Neunziger die beinahe ›inflationäre‹ Flut an Prophe­tien über die junge Generation gab. Was denkst du rückblickend über diese Zeit?
Es gibt für mich zwei Perspektiven auf die Zeit. Damals war ich Teenager und als Teenager war es eine tolle Zeit. Man fühl­te sich als Teil von etwas Großem, als Teil von einer Generation, die die Welt verän­dern würde. Man sang mit tausenden von Menschen in Stadien »History Maker« und glaubte fest daran, dass das Wirklich­keit werden würde. Teenager brauchen so etwas. Sie suchen etwas, mit dem sie sich identifizieren und für das sie ›einstehen‹ können. Genau das bot die Bewegung der ›jungen Erweckungsgeneration‹ damals.

Allerdings ist da auch die zweite Perspek­tive des erwachsen gewordenen Christen, der auf die Zeit zurückblickt und erfolg­los nach wirklichen Auswirkungen und Veränderungen in Gemeinden und Ge­sellschaft aus dieser Zeit sucht. Wenn man sich die evangelikale Gemeinde­landschaft ansieht, scheinen die Jugend­lichen, die damals die Stadien gefüllt ha­ben, wie vom Erdboden verschluckt. Ein paar sind noch da, gehen einem normalen Beruf nach und machen nebenher noch ein bisschen Kinder- oder Jugendarbeit. Von der Erweckungswelle einer ganzen Generation blieb nur noch ein Rinnsal übrig. Und ich muss zugeben, dass ich leicht zynisch werde, wenn ich heute, ca. 15 Jahre nachdem ich das erste Mal von der ›berufenen Generation‹ gehört habe, mitbekomme, wie dieser Begriff teilweise immer noch inflationär auf Jugendveran­staltungen gebraucht wird.

2. Woran liegt das aus deiner Sicht? Waren die Prophetien schlicht falsch?
Ich habe mich das auch lange gefragt und sehe da verschiedene Punkte, die eine Er­klärung liefern könnten. Wenn du mich heute fragst, ob ich mich an eine spezifi­sche Prophetie erinnern kann, muss ich mit ›Nein‹ antworten. Das liegt daran, dass die meisten Prophetien völlig ge­nerisch und abstrakt waren. Es ging im­mer um das gleiche: »Alles wird toll. Ihr seid die berufene Generation. Gott will mit euch Geschichte schreiben. Morgen kommt die Erweckung.« Das Problem an diesen Prophetien ist, dass sie schnell ausgesprochen sind, weil man sie niemals überprüfen kann. Ich meine, was wäre das Kriterium, damit wir sagen »Ok, jetzt ist die Erweckung da« oder »Jetzt haben wir Geschichte geschrieben«? Die meis­ten Propheten haben nichts zurückgelas­sen außer einer Erwartungshaltung. An dieser Stelle hätten die Leiter einschrei­ten und gemeinsam mit uns jede Prophe­tie auseinander nehmen müssen, um zu überprüfen, was uns Gott genau sagen will und welche Konsequenzen wir daraus ziehen. Die Leiterschaft der ›jungen Ge­neration‹ hat (bis auf wenige Ausnahmen) schlicht und ergreifend versagt, zu leiten. Man verlor sich lieber im ›Worship‹ als den Jugendlichen zu zeigen, was genau sie mit den Prophetien im Alltag tun sollten.

Gleichzeitig war es auch ein Reifeproblem. Ich habe in der Zeit praktisch nie einen ›Propheten‹ sagen hören »Ich glaube, Gott will Folgendes sagen. Überprüft das bitte genau und behaltet das Gute.« Stattdes­sen war »So spricht der Herr« an der Ta­gesordnung. Dazu kommt, dass man als Teenager nun mal gerne starken Stimmen folgt und somit entstand die Situation,dass eine sehr leiterhörige Generation wil­lenlos allem glaubte, was unreife Leiter von einer Bühne sprachen.

Der eigentliche Knackpunkt liegt für mich aber im gnostischen Weltbild der damaligen Leiterschaft. Alles Geistliche wurde übermäßig betont. Alles andere wurde völlig unwichtig. Boah, wenn ich mir überlege, wie es heute bei uns ausse­hen könnte, wenn man damals statt der x-ten Lobpreissession Workshops darü­ber gemacht hätte, wie man für soziale Gerechtigkeit in seinem Viertel kämpft oder eine Umweltschutzgruppe gründet... Ständig ist man von Konferenzen nach Hause gefahren und hatte nie etwas ande­res mitbekommen als »Lies die Bibel, bete regelmäßig und erzähle deinen Freunden von Jesus«. Man erzählte uns ständig, dass wir die Welt verändern würden, aber niemand sagte uns, wie man das eigent­lich angehen sollte.

Diese Mischung aus unverantwortlicher Leiterschaft, die aus einem gnostischen Weltbild heraus die Jugendlichen zu ei­nem unreifen Umgang mit Prophetien anleiteten, ist für mich derzeit der Grund, warum der wahre Kern der Prophetien bisher nicht Wirklichkeit geworden ist.

3. Welche Schlüsse hast du aus dieser Zeit gezogen?
Ich habe heute ein grundlegendes Miss­trauen gegen Massenveranstaltungen und alles, was in einer emotional aufgelade­nen Atmosphäre von einer Bühne gesagt wird. Interessanterweise treffe ich heute einige der Leute von damals in kleinen Gemeinden oder Gemeinschaften wieder, wo es viel persönlicher zugeht und die Be­ziehung zu den anderen im Vordergrund steht statt emotionaler Highlights. Man teilt den Alltag statt sich auf Konferenzen zu treffen. Und ich glaube, dass wir da­durch langfristig viel mehr Veränderun­gen sehen werden.

Ich bin sehr kritisch im Umgang mit Lei­tern geworden, die auf ihre ›göttliche‹ Au­torität pochen, statt zu dienen und das Beste derjenigen zu suchen, die sich ihnen anvertrauen. Ich habe schon so viele große Leiter stürzen sehen und leider haben sie immer eine ganze Schar ›Anhänger‹ mit sich gerissen. Gerade im charismatischen Bereich gibt es ein ungeheueres Problem mit falschem Gehorsam und ungesunder Abhängigkeit. Wir hängen uns an unse­re Leiter als seien sie unsere Erlöser und nicht Jesus. Ich wünsche mir, dass wir selbst viel mehr denken, analysieren und hinterfragen. Und damit wir dabei nicht auf komischen Pfaden landen, brauchen wir eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich gegenseitig in die Verantwortung nimmt.

Wenn ich mir die langfristige Ent­wicklung von Erweckungen wie der in Brownsville Pensacola ansehe, die da­mals als Paradebeispiel für moderne Erweckungen galt und von der heute nicht viel mehr als ein paar hundert Ge­meindemitglieder und einige Millionen Dollar Schulden übrig ist, muss ich zu der Erkenntnis kommen, dass der totale Fokus auf ›Seelen retten‹ sehr, sehr gro­ße Probleme mit sich bringt. Alternativ kann man sich auch viele Teile Afrikas anschauen, in denen die Missionare wie Mähdrescher unterwegs waren und eine Absprungquote von durchschnitt­lich ca. 95% zurückließen. An den Le­bensumständen der Einheimischen hat sich nichts geändert, im Gegenteil. Das zeigt mir, dass wir einen Teil des Evangeliums komplett übersehen haben. Deswegen ist mir von den Erkenntnissen aus den Fehlern der ›Erweckungsgeneration‹ heute der ganzheitliche Ansatz am wichtigsten. Jesus hat gesagt »Ich bin das Leben« und trotzdem reduzieren wir ihn häufig nur auf den ›spirituellen‹ Teil. Ich versuche immer mehr die Idee Gottes in allem, was ich denke und tue zu erkennen und zu verfolgen. Das geht von Alltagsaspekten wie z. B. der Ernährung oder meinem Umgang mit Ressourcen zur Gemeinschaft der Gläubigen über alle Aspekte meines Berufs bis zu meinem politischen Engagement und meinem Netzwerk an Freunden und Bekannten. Und ich will keine Trennstriche mehr zwischen Beruf, Glaube, Freunden, Familie und Freizeit ziehen. Alles zusammen macht mein Leben aus und in allem will ich Gottes Idee davon suchen, wie sein Reich darin funktionieren könnte.

4. Wie stehst du heute zu Prophetien?
Um ehrlich zu sein, habe ich lange gar nichts mehr mit Prophetien zu tun ge­habt. Mir geht es häufig mit geistlichen Aspekten so, dass wenn ich merke, dass etwas für mich nicht mehr passt oder ich mir seltsame Verhaltensweisen ange­wöhnt habe, ich die ganze Sache erstmal liegen lasse. Das ging mir mit anderen As­pekten der ›Erweckungsgeneration‹ ähn­lich wie z. B. dem Lobpreis. Wenn ich ge­nug Abstand gewonnen habe, mache ich mich mit frischem Blick und hoffentlich ein paar Freunden daran, den Aspekt von Grund auf neu zu entdecken. Dabei geht es mir darum, den eigentlichen Kern zu entdecken und dann einen persönlichen Weg zu entwickeln, diesen Kern wieder in mein Leben einzubauen.

Genau so geht es mir gerade mit Prophe­tie. Ich entdecke sie wieder neu und über­lege mir, wie sie wieder ein Teil meines Lebens werden kann. Dabei will ich gerne weg von diesem Ding, wo ein Prophet ir­gendwo auf einer großen Bühne steht und Allgemeinheiten ins Mikro brüllt. Ich wünsche mir einen viel persönlicheren Umgang mit Prophetie, bei dem meine Freunde und ich uns gegenseitig dienen. Auch hier zählt für mich der ganzheitli­che Ansatz, denn wenn ein Freund mir etwas weitergibt, dann spricht Gott nicht nur, er verändert auch die Beziehung zwi­schen meinem Freund und mir. Entschei­dend ist dabei, dass wir wegkommen von »So spricht der Herr« zu »Ich habe Fol­gendes auf dem Herzen«. Dabei kann sich das Herz meines Freundes mit dem Her­zen Gottes verbinden. So bekomme ich zwar kein pures Reden Gottes. Aber da­rum geht es auch gar nicht mehr, weil ich hier die Möglichkeit habe, direkt danach mit meinem Freund den Eindruck zu dis­kutieren und gemeinsam herauszufiltern, wie ich damit am besten umgehe. Und mein Freund hat direkt die Möglichkeit herauszufinden, was gepasst hat und wie es mir damit geht. Auch dieser Austausch trägt dazu bei, dass unsere Freundschaft wächst. Ich glaube einfach, dass Gott nie einseitig denkt und z. B. nur ›reden‹ will. Er bezieht immer alle Ebenen von Freund­schaft, Weisung und Wachstum mit ein. Mit diesem persönlichen und ganzheitli­chen Ansatz von Prophetie kann ich mich immer mehr anfreunden. Mal schauen, wo er uns hinführt. ///

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