Heft 31

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Der Autor

Daniel Knauft (26) studiert Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing an der Berlin School of Economics. Nebenbei ist er freiberuflich als PR-Berater und journalistisch tätig, liebt Jesus, Nina, Kaffee, Prenzlberg, Sushi und die Serie Friends.

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Jahresthema Verantwortung

Der Thunfisch gehört in den Salat

Die etwas unfaire Generalkritik eines halbherzigen Semi-Aussteigers

// Es klingelt an der Tür.

20:12 Uhr.
Zu acht Uhr hatte ich eingeladen. Heu­te ist mein Geburtstag. Ich freue mich auf meine Gäste. Manche kenne ich seit zwölf, andere seit acht, wieder andere seit zwei bis drei Jahren – alle aus dem Ge­meindekontext je nach Abschnitt meines »geistlichen Lebenslaufs«: ein Drittel (Ex-)Pfingstler, ein Drittel (Ex-)Charismati­ker, ein Drittel (Ex-)Evangelikale. Schon komisch, dass sich alle über irgendwelche Ecken kennen. Ist aber auch schön, sich als Teil eines Netzwerks zu sehen, das grö­ßer ist als meine letzte Gemeindestation. Was mich daran stört und auch etwas schockiert ist die Tatsache, dass ich kaum Freunde habe, die sich nicht als »wiederge­borene Christen« bezeichnen würden. Ich mag diese Formulierung eh nicht, spre­che lieber von Leuten, die Jesus nachfol­gen. Das trifft den Kern besser: nämlich nicht »einen Status erlangen«, sondern »in Bewegung sein«. Hm, allerdings weiß ich nicht, ob mich und meine Freunde das am treffendsten charakterisiert. Um ehrlich zu sein, finde ich nicht, dass wir beson­ders in Bewegung sind. Eigentlich haben wir es uns ganz gemütlich gemacht bei ei­nem schönen Weinchen, und so schwim­men wir mal mehr mal weniger vor uns hin – aber meistens im eigenen Saft.

20:58 Uhr.
Die meisten Gäste sind nun da oder ha­ben per SMS kundgetan, dass sie es lei­der doch nicht mehr schaffen werden. Wie schade. Ist aber auch immer viel los in der Hauptstadt. Kann also verstehen, wenn man sich dann abends nicht mehr so fühlt. Postmoderne Unverbindlichkeit, ja, so könnte man es nennen. Wie schön war es zu jener Zeit, als jeder noch wusste, dass er sich auf dem Weg des Abfalls be­wegte, wenn er die Versammlung der Hei­ligen mit Abwesenheit bedachte – damals in meiner zweiten Gemeinde. Aber egal – es ging ja um den eigenen Saft. In dem schwamm auch unser Thunfisch, den wir bei einem – kürzlich wegen unmoralischer Mitarbeiterkontrolle in Verruf geratenen – Discounter nachmittags noch schnell geholt hatten. Ja, ist wirklich schlimm, wie die ihren Leuten hinterherspionieren und sich in Privatangelegenheiten ein­mischen. So was hat schon sektiererische Züge, aber billig war er – der Thunfisch. Das liegt an der enormen Produktivität dieser schwimmenden Fabrikhallen, die einheimischen Fischern mit ihren Ruder­booten die Lebensgrundlage entziehen. Schämen sollten die sich und Verantwor­tung für ihr Handeln übernehmen.

21:05 Uhr.
Die Party verlagert sich so langsam in die Küche. Da haben schon immer die tief­sinnigsten Gespräche stattgefunden und man is(s)t an der Quelle. Die Schlacht am kalten Buffet – ein Klassiker. Es sind wie immer die üblichen Verdächtigen als erste an der Reihe. Ich mittenmang, muss ja die Kerzen auf dem Kuchen auspusten und darf mir was wünschen. Nehme ich den Weltfrieden, das Ende der Armut, oder einen iPod mit Songs von U2? Naja, letzteres würde ja auch was Gutes tun. Ist doch okay, Gott, oder? Alles Quatsch, das mit dem Wünschen. Ich bin ja nicht abergläubisch. Kannte mal Leute, die wie selbstverständlich das »Blut des Lammes über Europa« proklamiert und dazu Trau­bensaft auf eine Landkarte gekippt haben – aber mit Aberglauben hat das natürlich nichts zu tun. Das war jetzt nur ein kleiner Insider für Leser, die auch von dem PCS betroffen sind, dem »postcharismatischen Syndrom«. Wobei sich einige eher als Me­tacharismatiker bezeichnen, um nicht in den Verdacht zu geraten, etwas mit die­ser »Schrecken erregenden Postmoderne« zutun zu haben, die manch Eiferer noch verzweifelt versucht aufzuhalten. Ich muss schmunzeln. War eh nur ein Nebengedan­ke, auch auf die Gefahr hin, von Goog­le irgendwann dabei ertappt zu werden, weil man den Artikel ja vielleicht auch im Internet via eBook ausspionieren – äh, ich meine auswerten – quatsch, archivieren – nee, nachlesen und weiterleiten kann. An die besten Freunde versteht sich, oder wen man sonst gerade kürzlich geaddet hat. Ist wirklich inflationär das Wort »Freunde«. Bei der Party sind wir jetzt zu elft.

21:48 Uhr.
Noch mal kurz zu Google: Die Weltherr­schaft des Antichristen kann ich kleines Licht ja sowieso nicht verhindern, aber immerhin ist das mit den Strichcodes überstanden. Die hatten zum Glück doch nichts mit der Zahl 666 aus der Offenba­rung zu tun. Wie beruhigend, obwohl: Ändern kann man ja doch nichts. Warum also den Müll trennen, gegen Atomkraft­werke und G8 demonstrieren oder für hun­gernde Kinder in Afrika spenden? Kommt ja eh nicht an. Ist zwar schade, aber was kann man schon tun? UNICEF ist auch nicht mehr das, was es mal war, oder? Und das mit der Energie ist auch noch nicht zu Ende gedacht. Wenn wir die Braunkohle auch nicht mehr wollen, können wir halt nicht mehr so viel Strom verbrauchen und müssten die Dosen wieder von Hand öff­nen. Ach ja, der Thunfisch. Den hatten wir ganz vergessen – in seiner Dose. Wollten ja was Nettes draus machen.

21:59 Uhr.
»Der Thunfisch gehört in den Salat«, höre ich es im Chore aus der Küche erschallen und fühle mich an die himmlischen Heer­scharen erinnert, nur dass sie nicht »Hal­leluja« sondern »Mozzarella« singen und wieder erklingt es wie aus einem Munde: »in den Salat«. Was wollte der HERR mir mit diesen Worten sagen? Ich grüble auch während der nächsten zwanzig Minuten, die wir damit verbringen zu diskutieren, ob es heiliger gewesen wäre, den Thun­fisch in Öl zu nehmen, wegen der Sal­bung. Aber da steige ich gedanklich aus, denn es trifft mich wie ein Schlag aus hei­terem Himmel. Natürlich »in den Salat«. Es bringt doch nichts, wenn wir Chris­ten nur im eigenen Saft schwimmen, uns dicht gedrängt, in Stuhlreihen gepresst und mit Öl begossen um die eigene Ach­se drehen, anstatt dort für Geschmack zu sorgen, wo es frisch und knackig da­her geht, aber definitiv an Substanz fehlt. Bildlich gesprochen.

22:19 Uhr.
Langsam bekomme ich Kopfschmerzen von dem zunehmenden Getöse der nun­mehr lärmenden Meute und dem immer deutlicher werdenden Gedanken, ich müsse jetzt unbedingt mal auf die Toi­lette gehen. Diese letzte Zuflucht des Ge­stressten, da er zumindest dort für ein paar Minuten abschalten und ungestört nachdenken kann, bis ihn der Duft des verstoffwechselten Vergangenen in die Gegenwart zurückholt. So auch mich. Doch nicht ohne Mehrwert. Denn nun sah ich die Welt mit anderen Augen, es war mir nun Folgendes klar geworden: Wie bitter auch immer die Erfahrun­gen sein mögen, die ich unter und mit Christen gemacht habe, es darf mich nicht lähmen. Ich nehme die Heraus­forderung an. Auch wenn es lächerlich klingt, aber ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob ich meinen Müll trenne oder nicht. Ich glaube auch, dass es einen Unterschied macht, ob ich fair gehandelten Kaffee kaufe oder nicht. Ich glaube auch, dass es einen Unter­schied macht, ob ich mit zehn Euro eine Hilfsorganisation unterstütze oder mit zwanzig. Es macht einen Unterschied, weil ich nicht der einzige Thunfisch bin, der anfängt so zu denken. Wir sind ein ganzes Regal voll und wir wollen in den Salat. Da gehören wir hin. Ob ich die Welt verändern kann? Ich kleines Licht? Es ist wahr. Ja, ich glaube.

22:33 Uhr.
Über die Anlage läuft gerade der Titel »Kingdom of comfort« von Delirious?, welcher sinngemäß mit den Worten be­ginnt: »Rette mich von dem Königreich der Bequemlichkeit, in dem ich König bin.« Dieses fast monothematische Album ist entstanden, nachdem die Band in In­dien sehr bewegende Erfahrungen mit ex­tremer Armut gemacht hat. Und ich muss sagen, dass mir im Laufe der letzten Mo­nate immer deutlicher wurde, wie sehr das Schicksal der großen Mehrheit der Erdbe­völkerung tatsächlich etwas mit meinem Leben und meinen täglichen Entschei­dungen zu tun hat. Um es mit den frei übersetzten Worten des U2-Sängers Bono im Rahmen eines Willowcreek-Kongresses zu sagen: »Es ist nicht eine Frage von Groß­zügigkeit oder Spendenbereitschaft. Es geht hier um nicht weniger als Gerechtigkeit.« Ich bin davon berührt, wenn ich höre, dass Grundnahrungsmittel weltweit zum Luxusgut werden, während auf meiner Party wohl noch Essen übrig bleiben wird. Ich ärgere mich über steigende Milchprei­se und empfinde es als Ungerechtigkeit, einen größeren Teil meines Bafögs für Lebensmittel verwenden zu müssen. Dass aber bis zum Umfallen schuf­tende Menschen der Mittelschicht in Entwicklungslän­dern wie Ägypten (diesem belieb­ten Urlaubsziel) beispielsweise nun um Brot betteln müs­sen, lässt mich schier aus meiner Dose hopsen und mich überlegen, wie ich daran etwas ändern kann. Fair-Trade-Produkte kaufen zum Beispiel. Mit Kaffee habe ich schon angefangen, aber beim Orangen­saft tut‘s richtig weh und so gehe ich dann doch zum Discounter. Sogar der hat jetzt Fair-Trade-Bananen, wenn bloß das mit den Mitarbeitern nicht wäre! Ja, es geht mich etwas an. Und ich kann entschei­den, was ich unterstütze und was nicht. Das bedeutet nicht, dass ich mir oder an­deren die Party vermiesen will. Ich denke, dass es durchaus in Gottes Sinne ist, auch ausgelassen Feste zu feiern. Dafür gibt es wirklich genug biblische Beispiele. Aber feiern und verantwortlich handeln, müs­sen kein Widerspruch sein. Gerade beides zu können, macht aus meiner Sicht das Spannende in der Nachfolge aus, wie auch die Fähigkeit, den jeweiligen Zeitpunkt zu erkennen und dann gehorsam zu sein und sich in Bewegung zu setzen. Auch wenn es bedeutet, mir nur noch dreimal im Jahr eine Ananas leisten zu können. Gerechtig­keit hat ihren Preis. Mal ehrlich, wie oft habe ich im letzten Jahr tatsächlich eine Ananas gekauft? Zu lange waren wir in Europa unverschämt reich und Lebens­mittel unverschämt billig – zu Unrecht, wie sich zeigt, weil wir unseren Binnenmarkt einfach gegenüber Entwicklungsländern abgeschottet und den Weltmarkt totsub­ventioniert haben. Jetzt hungert die Welt und wir fressen weiter. Herzlichen Glück­wunsch! ///

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