Die Autorin
Linda Zimmermann (28) freut sich darüber, als in Westberlin Aufgewachsene mit ihrem Mann Michael jenseits der Zonengrenze zu leben. In dem Stadtteil ihrer Wahl lässt sie sich von dem jungen und künstlerischem Flair zu vielerlei kreativen Machenschaften inspirieren. Sie arbeitet als koordinierende Erzieherin im verlässlichen Halbtagsbetrieb einer Grundschule.
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Kolumne
Baumwollslips aus biologischem Anbau
Veränderungswürdige Welten
// Ich bin eigentlich gar keine klassische Weltverbesserin. Zumindest erfülle ich nicht das Klischee einer walrettenden und ausschließlich Baumwollunterwäsche tragenden Veganerin. Ich rege mich zwar ernsthaft über aus Neuseeland importierte Äpfel und elfenbeingeile Wilderer auf, aber laufe selber in sieben Euro teuren Ballerinas durch Berlin während sich eine PVC-verpackte hormonbehandelte Hühnchenbrust in meiner Einmalplastiktüte befindet und ich mich darauf freue, gleich auf meinem IKEA-Sofa eine gebrannte CD anzuhören.
Es ist zum Verzweifeln! Ich stoße an allen Ecken und Enden an die unmöglichsten Vorstellungen, die die breite Öffentlichkeit, meine Freunde, ich selber und nicht zuletzt irgendwelche Geldmacher von den Schlagwörtern Verbesserung, Fairness und Gerechtigkeit haben.
Trotz aller Klischees: Ich halte es für ein edles Ziel, diese Welt mitzuverbessern. Nötig hat sie es allemal. Die Erlebnisse meiner Afrikareise, jeder noch so kurze Nachrichtenclip und die leeren Augen des vom Leben gebeutelten Busfahrers bestätigen diese Notwendigkeit. Not schreit überall. Global wie persönlich. Laut wie leise. Auf allen erdenklichen Ebenen. Ganze Landstriche werden krankgerodet, Irans Präsident hat Bock auf Atomwaffen und ich habe Kopfschmerzen. Glaubensbrüder und -schwestern leiden in Gefängnissen Qualen und chinesische Arbeiter verlieren in Fabriken, die meine Klamotten herstellen, Hände und gesunde Lungen. Meine ernsthafte Bitte an Gott, mich vor bleibenden Stressschäden durch das ohrenbetäubende Getöse der vor meinem Fenster vorbeirauschenden Güterzüge zu bewahren, bleibt mir beim Vergleich mit solch schwerwiegender Not im Hals stecken.
Und doch brauche ich ernsthaft Gott in dieser Sache. Ich habe in Mosambik unterernährte Babys gesehen, die schlaff in den Tüchern ihrer apathischen Mütter hingen, und Menschen, die zu arm sind, um sich Medikamente gegen Malaria zu leisten. Diese Not nenne ich existenziell. Vor meiner Haustür begegnen mir täglich einsame Mütter, orientierungslose Jugendliche und verlassene Liebende. Anders existenziell, wenn auch nicht unmittelbar das physische Leben bedrohend. Ist diese Not weniger wichtig für Gott, weil sie innerlich ist? Wenn ich an diese Frage mit meiner menschlich begrenzten Kapazität zu helfen herangehe, passiert es mir unweigerlich, Not unterschiedlich zu gewichten. Nach dem Motto: Versorge ich zunächst die Platzwunde am Kopf oder drücke ich doch lieber erst ein buntes Trostpflaster auf die Schürfwunde am Finger? Es widerspricht meinem Sinn für Gerechtigkeit und meinem Verständnis von Fairness, dass Gott meiner Not ungeteilt begegnet, obwohl Menschen hungern und frieren. Sein dokumentiertes Angebot, sich auch um mich zu kümmern, zeigt mir, dass es in seinen Augen auch Welten wie meine nötig haben, verbessert zu werden.
Es mag viele Situationen geben, in denen das in Relation-setzen der eigenen Not zur Not anderer hilfreich ist und in Dankbarkeit endet, die durch den Perspektivwechsel aus so manchem Loch heraushilft. Aber grundsätzlich habe ich mich von dem schlechten Sport getrennt, verschiedene Nöte miteinander zu vergleichen. Es ist kein ›Entweder-oder‹ sondern ein ›Sowohl-als-auch‹. Mein Verstand kapiert das nicht, aber mein Herz erlebt es und erlaubt mir, Weltverbesserin für andere zu sein – ob für lebensbedrohlich Frierende, innerlich Schreiende oder sich nach Entwicklung Sehnende.
Wenn wir uns das ein wenig aufteilen, kann der eine Wale retten, der andere Kindern aus Einwandererfamilien ordentliches Deutsch beibringen und wieder jemand anderes politisch daran mitwirken, dass dem Schutz des Lebens im Mutterleib per Gesetz mehr Priorität zugesprochen wird.
Müssen wir dann eigentlich alle recyclebare Baumwollslips aus biologischem Anbau tragen? ///


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