Heft 32

Der Autor

Markus Schmidt (33), verheiratet mit Judith, ist Gründer und Pastor der Evangelischen Freikirche »Freistil« in Burgwedel und Initiator von »MEISTER-werQ«, einem Dienst zur Qualifizierung von Führungskräften und Gemeinden.

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Jahresthema Verantwortung

Fatalismus kontra Selbstbestimmung

Göttliche Führung oder menschliche Planung?

// Der Titel dieses Artikels mutet zunächst sehr theoretisch und allenfalls für Theologen interessant an, oder? In Wirklichkeit ist die Auseinandersetzung mit dieser Frage aber zutiefst praktisch und von enormer Wichtigkeit für die Gestaltung unseres täglichen Lebens. Es geht um die Frage, ob mein Leben entweder ›vom göttlichen Schicksal bestimmt‹ (lat. fatalis) ist oder ob ich selbst dafür verantwortlich dafür bin, glücklich und erfolgreich zu sein. Aus dieser Frage entstehen weitere, ganz praktische Überlegungen: Muss ich zum Gelingen meines Lebens selbst beitragen oder ist sowieso schon alles vorgegeben und bestimmt? Bin ich einem göttlichen Schicksal ausgeliefert oder darf ich als gläubiger Mensch die Sache auch mal selbst in die Hand nehmen? Habe ich vielleicht sogar die Verantwortung dafür, mein Leben selbst zu gestalten?

Wer suchet, der findet!
Du wirst in der Bibel immer das finden, wonach du suchst! Wenn du auf der Suche nach Beweisstellen für einen biblischen Fatalismus bist, dann wirst du eine Menge Bibelstellen darüber entdecken, dass unser Leben von Anfang an vorherbestimmt und unser Leben vom göttlichen Schicksal her bestimmt ist. Und wenn du ein Verfechter spiritueller Selbstbestimmung bist, dann dürfte es auch kein Problem sein, entsprechende Beweisstellen anzuführen.

Ich könnte also mit Leichtigkeit und völlig einseitig zeigen, dass das typische Leben eines Christen das Leben als ›Geführter‹ ist und Christen gut daran tun, sich in ihr göttliches Schicksal zu begeben und an Gottes Vorsehung zu glauben. Ich denke jetzt hierbei nur einmal an die Geschichte von Ester und das gleichnamige biblische Buch. Gott machte Ester ganz souverän und ohne ihr Zutun zur persischen Königin und bewahrte durch sie das Volk Israel vor dessen Ausrottung. Wer das Buch Ester liest, wird feststellen, dass Ester überhaupt nichts getan hatte, um diesen Karriereschritt zu machen. Keine Spur von kreativer Lebensplanung à la Paul Donders oder von Life-Leadership à la Lothar Seiwert! Ester betete sich auch nicht ihre Berufung hinein, sondern wir müssen einfach anerkennen, dass Gott sie ganz souverän zur Königin machte, weil es ihr vorherbestimmt war. Das Buch und die Geschichte von Ester zeigt ganz praktisch, was Paulus in Römer 9, 14-16 schreibt: »Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Auf keinen Fall! Denn er sagt zu Mose: ›Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und werde Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe.‹ So liegt es nun nicht an dem Wollenden, auch nicht an dem Laufenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott.«

Genauso leicht und ebenso einseitig ließe es sich nun aber auch zeigen, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen worden ist, und er allein deshalb von seinem Wesen her schon ein Gestalter ist. Der Mensch bekam die göttliche Aufgabe, über die Schöpfung zu herrschen und wir sehen, dass der Mensch die Welt ganz aktiv gestaltete, als er zum Beispiel den Tieren ihre Namen gab (vgl. 1. Mose 2, 19-20).

So wie alle ›Selbstbestimmer‹ die Krise kriegen, wenn sie Römer 9, 14-16 lesen, bekommt das Weltbild der ›Fatalisten‹ noch einmal zusätzlich einen Riss, wenn sie das Buch der Sprüche aufmerksam lesen. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, lässt sich doch aber zeigen, dass die Sprüche ein sehr pragmatisches Vorgehen befürworten. Die spirituellen Gestalter atmen regelrecht auf, wenn sie in Sprüche 4, 26-27 folgendes lesen: »Gib acht auf die Bahn deines Fußes, und alle deine Wege seien geordnet. Bieg nicht ab zur Rechten noch zur Linken, lass weichen deinen Fuß vom Bösen.« Dieses pragmatische Vorgehen sehen wir nicht nur im Alten Testament, sondern auch bei neutestamentlichen Größen wie dem Apostel Paulus. Dieser durch und durch geistliche Mensch legt einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Seine Missionsreisen lassen zum Beispiel eine ganz klare Strategie erkennen. Paulus selbst bestimmte seine Reiseroute und konzentrierte sich dabei auf die großen Städte mit einer Synagoge, weil er hier die größte Offenheit vermutete. Paulus ließ sich also nicht einfach nur treiben, sondern in ihm sehen wir einen gläubigen und geisterfüllten Menschen, der bestimmte Dinge selbst in die Hand nahm und aufgrund rational-logischer Faktoren eigenständige Entscheidungen traf.

Sowohl als auch
Die angeführten Beispiele sollen zeigen, dass es überhaupt nicht um ein Entweder-oder, geht bzw. gehen kann. Die Bibel spricht hier ganz bewusst von einem Sowohl-als-auch. Als Christen sind wir einerseits Geführte, die ihr Schicksal vertrauensvoll in die Hände Gottes begeben haben, andererseits sind wir Gestalter und in einem gewissen Sinne unseres Glückes Schmied. Dieses ›Sowohl als auch-Denken‹, zu dem uns die Bibel in ihrer Gesamtheit auffordert, ist ganz wichtig, um irgendwelchen Extremen vorzubeugen. Wer sich nämlich nur als Gestalter versteht, gerät irgendwann in einen Machbarkeitswahn, droht dadurch eventuell auszubrennen und macht nie die wohltuende Erfahrung, sich von Gott getragen und souverän geführt zu wissen. Wer sich hingegen nur als Geführter sieht, nimmt womöglich jeden widrigen Umstand aus der Hand Gottes und verfällt daraufhin in eine Lethargie und Passivität, die ein erfolgreiches Leben (fast) unmöglich macht.
Die Bibel ist nicht, wie wir oft meinen, nur schwarz oder weiß, bzw. entweder oder, sondern in Wahrheit voller Spannungsfelder. Natürlich betrifft das jetzt nicht die wesentlichen Fragen nach unserer Erlösung oder Himmel oder Hölle, aber wenn man sich mal etwas eingehender mit vielen anderen Fragestellungen beschäftigt, dann entdeckt man eine ganze Reihe von Spannungsfeldern: Wir sind einerseits nicht von der Welt, aber andererseits in der Welt. Wir leben einerseits schon im Reich Gottes, aber andererseits kommt sein Reich erst noch. Wir sollen einerseits vertrauensvoll glauben, aber andererseits dürfen wir auch klagen. Diese und ähnliche Fragestellungen lösen wir genauso wenig mit einem Entweder-oder-Denken, wie jene nach Fatalismus und Selbstbestimmung.

An dieser Stelle möchte ich auch kurz einmal auf Adam, den menschlichen Prototyp hinweisen. Adam wurde nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und bekam den Auftrag über die Erde zu herrschen und sie sich untertan zu machen. Adam ist aber nicht nur kreativer Gestalter, sondern weitaus mehr. Dem aufmerksamen Betrachter dürfte eigentlich nicht entgehen, dass Adam in eine vorbereitete und von Gott gestaltete Welt gekommen ist. Bevor Adam am sechsten Tag geschaffen wurde, hatte Gott Adams Umfeld und Umwelt an den ersten fünf Tagen ganz souverän vorherbestimmt. Adam (hebr. der Mensch) war und ist also von Anfang gleichermaßen Kreatur und Kreator, weshalb es für uns darum gehen muss, die richtige Balance zwischen Fatalismus und Selbstbestimmung zu finden.

Hundertprozentig ausgewogen
Wenn es um Ausgewogenheit und nicht um ein Entweder-oder geht, dann benötigen wir einerseits ein unbedingtes Bewusstsein dafür, dass wir Geführte sind, deren Weg vom Vater vorherbestimmt ist, andererseits brauchen wir ebenso ein grundlegendes Verständnis darüber, Gestalter zu sein, die eigenverantwortlich Entscheidungen treffen. Dabei ist nun entscheidend, dass wir das richtige Mischverhältnis finden. Wie aber sieht das richtige Mischverhältnis aus? 90:10? 50:50? 60:40? Je nach christlicher Prägung oder theologischer Brille kreiert hier jeder sein ganz persönliches Potpourri. Meiner Ansicht nach geht es aber nicht um ein irgendwie geartetes Mischverhältnis, sondern um eine Ausgewogenheit im biblischen Sinn. Und eine biblische Ausgewogenheit meint immer 100% von allen Faktoren. Jesus war nicht 60% Mensch und 40% Gott, sondern Jesus war zu 100% Mensch und zu 100% Gott. Mit dieser Sichtweise kommen wir der biblischen Ausgewogenheit auf die Spur. Genauso verhält es sich auch mit der Bibel. Nicht nur das fleischgewordene Wort ist zu 100% Mensch und zu 100% Gott, sondern auch das Geschriebene. Die Bibel ist nicht zu 50% menschlich und zu 50% göttlich, sondern zu 100% Menschenwort – geschrieben von Menschen aus Fleisch und Blut. Die Bibel ist aber außerdem zu 100% Gottes Wort, inspiriert und eingegeben durch den Heiligen Geist. In genau diesem Sinne sind wir als Christen zu 100% Gestalter, Selbstbestimmer, Strategen und Kreatoren, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, in der Verantwortung vor Gott Lebensräume gestalten und eigene Entscheidungen treffen sollen. Auf der anderen Seite sind wir zu 100% Geführte, Fatalisten und Kreaturen, deren Leben vorherbestimmt ist und die von Gott in ihr zugedachtes Schicksal hineingeführt werden.

Fazit
Kommen wir nun also mal auf die Ausgangsfragen zurück. Die Frage, ob ich zum Gelingen meines Lebens selbst beitragen muss, müssen wir mit ›Ja‹ beantworten. Die andere Frage, nämlich ob nicht alles schon vorgegeben und ich einem göttlichen Schicksal ausgeliefert bin, lässt sich ebenfalls nur mit ›Ja‹ beantworten. Zugegebenermaßen tun wir uns alle schwer, diese beiden Wahrheiten zu vereinen und zu verbinden. Aber uns bleibt nichts anderes übrig, weil die Bibel beide Konzepte lehrt und gar nicht erst den Versuch unter­nimmt, sie zu harmonisieren. Wir tun ebenfalls gut daran, diese Spannung auszuhalten und beides so stehen zu lassen, wie die Bibel es sagt. Die Summe seines Wortes ist Wahrheit heißt es in Psalm 119, 160. Ganz praktisch heißt das, dass ich mein Leben so gestalte, als ob so etwas wie Schicksal überhaupt nicht existiert. Ich werde also ein kreativer Lebensplaner und übernehme die Verantwortung für ein glückliches und erfolgreiches Leben. Es heißt aber auch, dass ich voll und ganz in der Führung und Vorherbestimmung Gottes ruhe und ihm mein Leben in dem Glauben anvertraue, dass er mich ohne mein Zutun in jede Richtung lenken wird, die er für richtig hält. ///

Kommentare

debby // Donnerstag, 22. Januar 2009 um 22.11 Uhr
- sehr cool, fand ich den Artikel .., dat is Theologie, die ich teile :-) .., hat viel vom hebräischen Denkansatz, wie er beschreibt, 100 % Eigenverantwortung und 100 % göttliche Führung ...
Ich habe mich im letzten Jahr viel mit dem hebräischen und griechischen Denken beschäftigt und schätze es, wenn Leute diese Thematik aufgreifen .., da ich glaube, dass einiges an Fehlentwicklungen in der deutschen Christenheit über diesen Ansatz gesunden könnten .. und eine ausgewogenere Balance, zwischen verschiedenen theologischen Extremen aufgezeigt werden kann, ohne das Evangelium zu verwässern

.. merci .. hat mich inspiriert
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Michael // Montag, 19. Januar 2009 um 03.01 Uhr
Diese hebräische, ganzheitliche Weltsicht tut mir gut. Das entspricht genau dem, was ich selber gerade für mich erkenne und was mir sehr weiterhilft. Danke für die guten Ausführungen.
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