Heft 32

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Der Autor

Prof. Dr. Michael Dieterich (66) ist als Leiter des Instituts für Psychotherapie IPP in der Unternehmensberatung, Personalentwicklung, Supervision und Psychotherapie tätig. Er ist zudem für die Masterausbildung MSc und MA in Psychologie der Beratung am Europäischen Theologischen Seminar Freudenstadt-Kniebis verantwortlich. Michael ist verheiratet mit Hilde, er hat drei Kinder und fünf Enkelkinder.

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Heftthema Tabubruch

Wenn Heilung ausbleibt

Interview mit Prof. Dr. Michael Dieterich

// Sowohl das Alte als auch das Neue Testament ist voller Verheißungen für körperliche Heilung. Warum sehen wir davon so wenig?
Zum einen haben wir meines Erachtens einfach zu wenig Mut und Glauben, für körperliche Heilung zu beten und sie auch zu erwarten. Zum anderen gab es in der Vergangenheit immer wieder Erweckungsveranstaltungen, bei denen nicht alles im biblischen Sinne ›ordentlich‹ zuging. Dies hat viele Christen etwas geprellt. Aber es ist eine biblische Verheißung und es spricht viel dafür, sie ernst zu nehmen.

Was meinte Jesus, als er zu der blutflüssigen Frau sagte: »Dein Glaube hat dich geheilt«?
Glaube bedeutet, gemäß Hebräer 11, ein Für-wahr-halten von Dingen, die man nicht sieht. Glaube ist somit der Zugang zu einem Prozess, der empirisch-wissenschaftlich nicht möglich ist. In dieser Weise hat die Frau geglaubt und Heilung empfangen.

Glaubt also der Nicht-Geheilte zu wenig?
Möglichweise bleibt das Wunder manches Mal aus, weil der Kranke zweifelt, obwohl der, der für ihn betete, Glauben hat.

Könnte Heilung auch aus dem umgekehrten Grund ausbleiben – der Kranke glaubt, aber der Betende zweifelt?
Das kann ich mit meiner Erfahrung so nicht bestätigen. Es geht primär um eine Beziehung des Kranken zu Gott, nicht um andere.

Was rätst du einer Person, die nach einer langen Zeit des Gebets immer noch nicht geheilt ist?
Wenn es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, z. B. Krebs oder Multiple Sklerose, dann würde ich sagen: »Gott will dein Leben auch in der Krankheit mit dir zusammen leben. Er möchte mit dir durch die Hochschule des Glaubens gehen und dir in dieser Zeit ein Gefährte, ein Freund, ein Arzt sein, der dich in der Krankheit begleitet. Lass Dir, wie Paulus sagte, an der Gnade Gottes genügen, denn seine Kraft ist gerade in deiner Schwachheit und Krankheit mächtig.« Es gibt ganz viele gläubige Menschen, die darin ein Zeugnis waren. Ich glaube nicht, dass wir ein Recht darauf haben, gesund zu werden. Aber ich denke, dass wir ein Recht darauf haben, dass Jesus immer bei uns ist.

Du würdest also nicht sagen: »Prüf mal, wie es mit deinem Glauben steht«?
Doch, ich würde darauf hinweisen, dass der Glaube einer der wichtigsten Schlüssel ist.

Wie ist es mit Eltern, die ein todkrankes Kind haben? Vielleicht begegnet Gott den Eltern, dass er mit ihnen dadurch geht, aber letztlich geht es ja um das Leben des Kindes.
Wenn wir ein todkrankes Kind haben, sollten wir zunächst alles medizinisch Mögliche tun. Und wenn die Ärzte sagen, es gäbe keine Mittel, dann ist unser Herr größer als die Medizin. Ich würde ihnen raten, unablässig zu beten. Aber nicht nach dem Motto: Das Kind muss gesund werden, sondern wie Jesus im Garten Gethsemane: »Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.«

Und was würdest du einer Person raten, die immer wieder für Kranke betet und es passiert einfach nichts?
Der würde ich raten, weiterzubeten. Das Gebet des Gerechten kann viel bewirken, wenn es ernstlich ist. Aber Gebetserhörung ist keine Kausalität: Es muss nicht immer zu dem gewünschten Ziel kommen. Manchmal tut unser Herr, was wir erbitten, manchmal macht er auch genau das Gegenteil. Das nennt man Korrelation.

Nehmen wir an, jemand kommt zu mir und bittet mich, gegen seine Kopfschmerzen zu beten. Ich tue das, aber die Kopfschmerzen bleiben. Was dann?
Als Jesus die Schwiegermutter des Petrus geheilt hat, da tat er das möglicherweise deswegen, weil es zu der Zeit noch kein Aspirin gab. Heute haben wir eine Fülle von guten Medikamenten. Um es mal etwas ›blasphemisch‹ zu formulieren: Warum sollen wir da beten? Gott hat gesagt: »Machet euch die Erde untertan. Guckt mal, forscht mal, findet etwas heraus.« – und bei diesem Forschen wurde dann auch Aspirin entdeckt. Ich denke, wir müssen nicht zwingend beten, wenn wir es auch ohne Gebet heilen könnten.

Bedeutet das, wir sollten erst dann anfangen zu beten, wenn es medizinisch gesehen keine Heilungsmöglichkeit gibt?
Wenn Glaube ein Für-wahr-halten von Dingen ist, die man nicht sieht, dann sollte man das Gebet des Glaubens vor allem dann beten, wenn die empirischen Wissenschaften nicht greifen. Wenn beispielsweise die Krebszellen weiterwuchern und es medizinisch keinen Weg mehr gibt. Dann kann Jesus ein Wunder tun. Und er tut das auch, das habe ich schon oft erlebt.
Aber er tut kein Wunder, wenn wir eigentlich die Möglichkeiten zur Verfügung haben, die er uns bereits geschenkt hat.

Spektakuläre Heilungen wie Blindenheilung etc. scheinen in Ländern der Dritten Welt viel häufiger zu passieren. Liegt das daran, dass die Menschen dort viel mehr auf Gott angewiesen sind?
Ich glaube, dass die Menschen in der Dritten Welt ganz einfach kindlicher glauben als wir. Wir sind so sehr vom Wissenschaftlichen, vom Machbaren geprägt. Der Glaube ist für uns eher eine Randerscheinung.
Die Menschen in der Dritten Welt glauben aus Prinzip schon mehr, weil sie viel weniger tun können. Das andere ist natürlich, dass sie möglicherweise nicht die notwendigen Mittel zum Beschaffen von Medikamenten haben.

Was hältst Du von dem Ansatz, dass möglicherweise Unvergebenheit einer Heilung im Weg steht?
Grundsätzlich ist es so, dass es einem Menschen, der anderen Menschen vergibt, danach immer besser geht. Vergebung ist also schon per se ein Heilungselixier. Aber dass man vergeben muss, ehe man gesund wird, ist meiner Ansicht nach nicht eindeutig biblisch begründbar. Diese zwei Dinge müssen nicht zusammenhängen. Unvergebene Schuld kann Menschen krank machen, muss sie aber interessanterweise nicht. Es gibt viele Befunde, dass wiedergeborene Christen in jeder Hinsicht die gesünderen Leute sind. Aber in Psalm 73 fragt Asaf auch, warum es den Gottlosen so gut geht. Das heißt, dass zwischen meiner Gesundheit und meinem Glauben eine Korrelation herrscht, nicht aber eine Kausalität. Kausalität wäre: Alle Gläubigen sind gesund. Korrelation heißt: Es besteht ein hoher positiver Zusammenhang, es kann aber auch ein negativer sein. Manche Menschen hat Gott so lieb, dass er sie ganz tief führt, obwohl sie in ihrem Glaubensleben gar keinen Fehler gemacht haben. Manche Dinge können wir erst aus dem Rückblick verstehen.

Wie verhält es sich bei psychischen Erkrankungen?
Jesus hat Kranke geheilt, Dämonen ausgetrieben – und er hat viel gelehrt. Psychisch Kranke sind damals durch die Lehre geheilt worden – und das ist auch heute so. Bei psychischen Störungen hilft vor allem Lehren und Lernen. Depressionen, Neurosen oder auch manche Essstörungen sind Störungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erlernt haben. Da hat Jesus zur Zeit seines Wirkens auf der Erde nie ein Wunder getan und auch heute sollten wir hierbei nicht um ein Wunder beten. Die Bibel verspricht uns in diesem Bereich keine schnelle Heilung, das habe ich auch noch nicht erlebt. Es handelt sich sowohl bei der Entstehung von psychischen Störungen als auch bei deren Heilung um einen Lernprozess. Diese Störungen brauchen sehr viel Zeit, weswegen die Betroffenen und auch die Gemeinden sehr viel Geduld brauchen. Viele depressive Menschen möchten gern sofort geheilt sein. Aber es handelt sich um einen Lernprozess, bei dem die Lehre, die Predigt, das Wort Gottes, die Seelsorge wichtig sind. Und: Oftmals müssen sie dabei ihr Denken ändern.

Bedeutet das, dass alle psychischen Krankheiten heilbar sind, sofern der Betroffene bereit ist zu lernen?
Im Prinzip ja. Neurosen können durch Lernprozesse geheilt werden. Allerdings können diese sehr tief verankert sein. Eine Fremdsprache, die wir erlernt haben, können wir ja auch nicht ohne weiteres wieder verlernen. Auf alle Fälle kann eine wesentliche Verbesserung geschehen.
Psychosen hingegen sind zumeist biologisch determiniert, beispielsweise die Schizophrenie. Diese Krankheiten sind biblisch ähnlich zu sehen wie andere körperliche Krankheiten, sie brauchen Medikamente oder ein Heilungswunder. Und die Psychosen sind wiederum von der Besessenheit abzugrenzen. Hier braucht es erfahrene Seelsorger, die gegen die Mächte der Finsternis angehen. ///

Kommentare

Anne // 10. Februar 2009 um 11.18 Uhr
Ich finde das Interview total berreichernd. Ich weiß zwar nicht, wie ich reagiere, wenn ich in solch einer auswegslosen Situation stecke, aber die Antworten geben mit Mut weiter in der Beziehung zu Gott zu bleiben und gerade in Zeiten des Unmuts nach Gottes Nähe zu suchen. "Glaube ist kein Verhalten, sondern ein Verhältnis."
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