Der Autor
Johannes Kleske (29) lebt als Teil der Kubik-Gemeinschaft in Karlsruhe und arbeitet als Web-2.0-Konzepter bei der Agentur Neue Digitale in Frankfurt. Er verbringt seine Zeit am liebsten in Kaffeehäusern mit Wlan und denkt viel über Emergenz, Design, neue Arbeitsformen und OpenSource Theologie nach. Sein Blog » tautoko.info
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Gesellschaft
Wir ticken anders
Wie Gemeinde den gesellschaftlichen Trends begegnen sollte,
um diese Generation zu erreichen
// Ok, stop! Ich mache das anders. Gerade habe ich vier Abschnitte über die unzähligen Abstürze von Leitern und Pastoren der letzten Jahrzehnte geschrieben. Von Pastoren meiner früheren Gemeinde bis zu den aktuellen Nachrichten aus Lakeland war alles dabei. Eine erschreckende Bestandsanalyse zum Einstieg eines Artikels über ›Leiterschaft‹ (das Wort, das es eigentlich gar nicht gibt) wäre genau das Richtige, dachte ich. Aber irgendwie scheint mir das Zeit- und Emotionsverschwendung. Halten wir fest, dass die meisten von uns in einem Gemeindeverständnis aufgewachsen sind, das seine Leiter auf immer höhere Podeste gehoben hat, nur um sich dann vom immer tieferen Fall mit runterziehen zu lassen. Viele von uns haben zu viel davon gesehen, als dass wir noch Lust hätten, dieses Leitungsmodell mitzumachen. Es liegt in unserem Selbstverständnis, Bestehendes zu hinterfragen, aufzuhören und frisch anzufangen. Aber ein Gemeindemodell, das auf Hierarchie und Entscheidungen anhand von Macht basiert, bietet für uns keinen Nährboden, unseren Weg zu finden. Kein Wunder, dass die wenigsten meiner Generation noch Teil einer Gemeinde sind. Bleibt die Frage, wie ein Gemeindemodell aussehen könnte, in dem meine Generation sich einbringen kann und wohl fühlt. Viele Bücher wurden dazu geschrieben. Aber fast alle machen aus meiner Sicht den gleichen Fehler: Sie betrachten Gemeinde als in sich geschlossenes System. Das ist nicht weiter verwunderlich, schauen wir doch auf gute 1900 Jahre vorrangige Prägung des Christentums durch das griechische Denken zurück, das die Trennung von Geistlichem und Weltlichem betont.
Sehr im Kontrast z. B. zum hebräischen Denken, das die gesamte Welt viel ganzheitlicher wahrnimmt. Was passiert nun, wenn wir Gemeinde nicht mehr separat betrachten, sondern sie als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, in der sie existiert? Wir könnten z. B. sehen, dass viele Unternehmen vor der gleichen Herausforderung stehen wie viele Gemeinden. Eine neue Generation von Arbeitnehmern rollt auf sie zu und die tickt ganz anders als die Generation, die jetzt das Sagen hat. Für die ›Baby Boomer‹ war der Weg noch relativ gerade vorgegeben: Man machte Karriere. Das bedeutete, sich langsam nach oben zu arbeiten. Je nach Fleiß ging das schneller oder langsamer. Man blieb in der Regel in seinem Unternehmen und übte lebenslang nur einen Beruf aus, den man weniger anhand von Vorlieben und mehr im Hinblick auf Chancen und der eigenen Familientradition gewählt hatte. Der Beruf stand auch im Vordergrund vor Familie und Freizeit. Man arbeitete bis zum Burn out, während die Frau die Kids praktisch allein erziehen musste. Das Ziel war die Rente. Innerhalb der Unternehmen waren die Rollen klar verteilt und die Hierarchien unbedingt einzuhalten. Der Chef führte seine Angestellten Kraft der ihm verliehenen Macht. Dazu hatten die Untergebenen pünktlich zum festgelegten Zeitpunkt anzutanzen und den Tag über beschäftigt auszusehen, wollten sie sich den Chef vom Hals halten.
Die neue Generation (von mir aus X und Y) tickt in vielen Bereichen komplett anders. Die wenigsten glauben noch an die Rente. Wir wollen unser Leben jetzt leben und wir wollen das Maximum herausholen. Deshalb wählen wir Berufe, die unseren Interessen und Talenten am nächsten kommen. Wir wollen nicht arbeiten um zu leben, sondern wir wollen einfach nur leben. Dabei ist Arbeit nicht mehr das, wo ich hingehe, um Geld zu verdienen, sondern das, worin ich mich investiere, weil der Einsatz meiner Talente und meines Könnens mir Erfüllung bringt. Freizeit ist nicht mehr in erster Linie dazu da, um mich von der harten, körperlichen Arbeit zu erholen, sondern um den Gedanken mal freien Lauf zu lassen und mir neue Inspiration zu holen. Kreativität als elementarer Bestandteil unserer Arbeit ist weder orts- noch zeitgebunden. Die entscheidende Idee für die Kundenpräsentation kann mir auch im Kino oder beim Grillen kommen. Dadurch vermischen sich die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit immer mehr. Für die ›Baby Boomer‹ ist diese Vorstellung Angst einflößend, für uns ist sie die Befreiung von einer empfundenen künstlichen Trennung des Ganzheitlichen. Mit diesem Verständnis kommt die neue Generation in die Unternehmen und stellt den Status quo in Frage. Der Chef ist nicht mehr der, der sagt, was gefälligst zu tun ist, sondern der, der dabei hilft, die eigenen Talente und Fähigkeiten optimal einzusetzen. Er ist mehr Coach als Sklaventreiber. Wir sind bereit, hart zu arbeiten. Aber nur, wenn es einer Sache dient, die über die finanziellen Interessen der Geschäftsführung hinausgeht. Wir sind nicht mehr länger bereit, unsere Familie und den Rest unseres Lebens für die Karriere zu opfern. Wir sind flexibel. Über die Jahre arbeiten wir für zahlreiche Unternehmen und wechseln mehrmals die Berufsrichtung, immer auf der Suche nach einer noch passenderen Möglichkeit, unsere Talente einzubringen und unsere Fähigkeiten weiter zu entwickeln.
Diese grundlegende, gesellschaftliche Veränderung durch den Generationswechsel hört nicht einfach an der Tür zu den Gemeinden auf. Im Gegenteil, genauso wie die Unternehmen müssen die Gemeinden ihre gewachsenen Modelle hinterfragen, weil sie sonst die neue Generation nicht aufnehmen werden können. Wir werden nicht Teil von Gemeinde, um uns jeden Sonntag unseren geistlichen Snack abzuholen und uns jeden Dienstag den Seelenstriptease in kleiner Runde vor Leuten zu geben, mit denen wir meist nicht mehr gemeinsam haben als zufällig in die gleiche Gemeinde zu gehen. Stattdessen wollen wir auch hier unsere Talente und Fähigkeiten einbringen, um kollaborativ etwas zu schaffen, das Wert hat und nicht nur Jugendgottesdienste und Kinderstunden gestalten. Ebenso sehen wir unsere Pastoren nicht mehr als die, die bestimmen wohin es geht, sondern viel mehr als geistliche Mentoren, die uns anleiten, unsere Talente und Fähigkeiten zu einem gemeinsamen Unternehmen zusammen zu bringen und uns auf unserem geistlichen Weg begleiten. Auch in diesem Umfeld verwischen für uns die Grenzen zwischen Freizeit und Gemeinde und immer mehr sogar zwischen Gemeinde, Freizeit und Arbeit. Wir gründen Firmen mit anderen Gemeindeleuten, wir werden sozial aktiv und bringen uns in unseren Nachbarschaften ein. Wir haben kein schlechtes Gewissen mehr, wenn wir sonntagmorgens nicht im Gottesdienst sind, weil samstagabends die Party zu lang ging. Wieso sollte ein langes Gespräch mit einem guten Freund über Gott und die Welt weniger geistlich sein als ruhig in einer Stuhlreihe zu sitzen und den Gedanken eines Predigers zu lauschen? Beides ist für uns Teil unseres geistlichen und gesellschaftlichen Lebens und damit Kern eines ganzheitlichen Lebensverständnisses. Noch ein Gesellschaftstrend gefällig? Als so genannte ›Digital Natives‹ ist unsere Generation extrem vernetzt und kommuniziert pausenlos. Ob über SMS, Skype, Twitter, Instant Messenger, E-Mail oder Blog-Kommentare, ständig stehen wir mit Menschen aus der ganzen Welt im Austausch. Unser Freundeskreis ist alles andere als lokal. Wir betrachten die Party-Bilder eines Freundes aus Paris, holen uns Feedback zu unserer Diplomarbeit von einem Bekannten in Südafrika und produzieren Musik mit Leuten in Neuseeland. Wir haben keine Angst vor Globalisierung, wir leben mitten in ihr. Diese Entwicklung macht auch vor dem Gemeindeleben nicht halt. Dank Podcasts landen jeden Montag Predigten aus der ganzen Welt auf unseren iPods. Früher hat man sich seine Gemeinde häufig noch nach der ›Kraft der Verkündigung‹ ausgesucht. Heute landen die Lieblingsprediger in iTunes. Gleichzeitig diskutieren wir die neusten theologischen Thesen in Blogartikeln und holen uns neue Ideen für Meditationen oder Andachten von den Webseiten der entlegensten Klöster und Kommunitäten. Mit schwungvollen Predigten ist bei uns also kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Dafür sehnen wir uns umso mehr nach dem, was uns alle digitale Kommunikation nur schwer bieten kann: menschliche Nähe. Virtuelle Kommunikation wird immer nur ein Hilfsmittel, aber nie ein Ersatz für gemeinsame Zeit mit Freunden und Familie sein. Eine E-Mail oder selbst ein Videochat wird nie das Gespräch mit dem Freund bei ein paar Bier ausgleichen können. Eine enorme Chance für Gemeinde, die dieses Bedürfnis erkennen und ihm zu begegnen weiß.
Ok, wie wär’s mit diesem Trend hier? Wir sind extrem mobil. Wir reisen nicht nur aus Geschäftsgründen viel mehr als früher, wir haben Reisen allgemein als Teil unseres Lebens entdeckt, der uns hilft, uns weiter zu entwickeln. Billigflieger und Grenzabkommen ermöglichen uns nicht nur, unsere Freunde auf der ganzen Welt zu besuchen, sondern auch unseren Wohnort viel freier zu wählen. Und den wechseln wir gerne und häufig. Bis vor kurzem war es noch der böse Kapitalismus, der uns arme Arbeitnehmer zum Ortswechsel zwang, wollte man seinen Job behalten. Heute wechseln wir den Arbeitgeber, wenn uns dieser in seinen Arbeitsmodellen zu unflexibel ist und z. B. nicht versteht, dass wir auch gerne mal für eine Woche per Internetverbindung von einer Finca am Mittelmeer aus arbeiten würden. Diese Mobilität hat auch immer mehr Auswirkungen auf die Gemeinden. Langfristige Mitgliedschaft wird seltener. Stattdessen schauen immer häufiger spontane Besucher herein, die nur für ein paar Wochen oder Monate am Ort sind. Ein Mitarbeitermodell, das auf dauerhaftem Engagement basiert, wird es da immer schwerer haben. Dafür könnten aber speziell ausgerichtete Programme und Events diese Besucher auffangen und ihnen so etwas wie eine kurzfristige, geistliche Unterkunft bieten. Weil der Großteil der Gemeinden und übrigens auch der Unternehmen immer noch aufgebaut ist als würden wir in der Industriegesellschaft leben und nicht in der Wissensgesellschaft, fühlen wir uns immer mehr fehl am Platz. Wir fragen uns, ob mit uns etwas nicht stimmt und die Pastoren und Gemeindeleiter fragen uns, was denn mit dem Modell nicht in Ordnung sein soll, das doch so lange zu funktionieren schien (oder auch nicht, wie zu Anfang kurz beschrieben). Der Vorteil dabei ist, dass junge Christen alles andere als allein sind, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Aber wie hier beschrieben, geht es fast unserer ganzen Generation so, die gerade in den Arbeitsmarkt drängt und erstaunt fragt, was denn hier los sei und wer denn bitte im 21. Jahrhundert noch so arbeiten wolle. Und genau hier liegt eine spannende Möglichkeit, nämlich als bewusster Teil der Gesellschaft die Suche nach Lösungen mitzugestalten. Auch wenn wir in erster Linie lernen sollten zuzuhören und die gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen, so haben wir selbst durchaus etwas zu diesem Prozess beizutragen. Z. B. Inhalte wie unser Menschenbild. Die Wertschätzung des Individuums, wie wir sie gerne an anderer Stelle propagieren, kann in der Wirtschaft große Bedeutung erlangen. Ich beobachte z. B. sehr aufmerksam Unternehmen, die »Der Kunde ist König« nicht nur als Phrase benutzen, sondern alles von der Entwicklung bis zum Service auf diesen Leitsatz ausrichten. Das Interessante dabei ist, dass diese Unternehmen durch die Bank weg wirtschaftlich sehr erfolgreich sind. Gleichzeitig sparen sie enorm bei ihren Marketingbudgets, weil ihre Kunden ihre enthusiastischsten Werber sind. Die Frage ist, was wir noch alles beizutragen hätten, wenn wir aktiv an der gesellschaftlichen Diskussion teilnehmen würden. Auch wir Christen stehen in der Gefahr, zu Gunsten der Bequemlichkeit auf die schnellen, einfachen Lösungen zu setzen, die aber in der Regel immer einen gefährlichen Haken haben. Der Weg zu den komplexen Lösungen ist oft ein langer und schwieriger, der uns an unsere Grenzen führt. Aber er ist es wert, gegangen zu werden. Wenn wir Veränderungen als elementaren Teil unseres Lebens akzeptieren, legen wir den Grundstein, um mitten in Prozessen von Hinterfragen und Neuausrichtung das Leben wie es ist genussvoll leben zu können. Mich begeistern diese Möglichkeiten. Ich liebe es, in meinem Blog, mit Freunden und auf Konferenzen über diese Themen zu diskutieren und zu philosophieren. Wir leben in einer ungemein spannenden Zeit, in der sich viele grundsätzliche Dinge verändern und nie geahnte Chancen zu Tage treten. Es gibt Unendliches zu entdecken und auszuprobieren. Wir können darauf warten, dass Gemeinden das verstehen. Aber ich würde sagen: Wir gehen schon mal vor … ///


Wie es Herrn K., der nicht gerade fromm ist, mit einem (ziemlich langen) Gottesdienst ergeht, habe ich heute auf meinem Blog erzählt. Mit Link hierher zum Weiterdenken.
http://gjmatthia.blogspot.com/2009/02/herr-k-besucht-einen-gottesdienst.html
Die Frage bleibt: Denkt jemand?
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