Heft 33
Die Autorin
Linda Zimmermann (29) lebt mit ihrem Mann Michael in Berlin-Prenzlauer Berg. Hauptamtlich arbeitet sie als koordinierende Erzieherin im verlässlichen Halbtagsbetrieb einer Grundschule. Sie ist dabei ein kleines Label für Textile Unikate »ewig und immer« zu entwickeln.
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Quergedacht // Kolumne
Für Momente wie diesen
Gib der Kunst Raum
// Ich bin eigentlich gar keine klassische Jahreslosungsverfechterin. Warum soll genau ein Vers vielen Menschen Wegweiser sein, die an völlig unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen? Ist der Anspruch nicht ein bisschen übertrieben, Millionen Erdenbürger unter einen Hut bzw. Vers zu bekommen? Sogar vermessen?!
Und doch mag ich sie, die Herrnhuter Jahreslosungen. Oft haben sie in mir Hoffnung angestoßen, die sich für das vorliegende Jahr schon in mir regte. Okay, so schwer ist das nicht, es regt sich viel in mir. Persönlichkeitstyp ›hoch initiativ‹. Nun denn.
Aber dieses Jahr ist es passiert. Rechtzeitig, ungeplant, ich nenne es mal: vom Himmel gefallen. Ich habe ein Jahresmotto. Ein ganz persönliches. Schon vor einiger Zeit hatte ich mir auf einer Fotodatenbank ein Bild heruntergeladen. Cooler Spruch an einer weißen und gleichzeitig abgeramschten Hauswand. Als ich es jetzt die Woche auf mattem Fotopapier vor mir liegen sah, machte es in mir so laut ›klick‹, dass meine Nachbarn es hätten hören müssen. Schlagartig war ich überzeugt: »Gib der Kunst Raum.« Alles klar, bin dabei. Danke, das Jahr ist (positiv) gelaufen!
Als eine der vielen, die sich ein Kunststudium trotz riesigem Interesse leider nicht zutraut, hätte ich zerknirscht reagieren können. Ja, immer schön rein in die Wunde. Das Gegenteil fand statt. Ich gebe zu – bin immer noch aufgeregt. Denn der Slogan tickt in mir an, was ich ohnehin in mir trage. Er gibt meinem Wunsch den freundlichen Tritt in den Hintern, mein Leben in einer Art und Weise zu leben, die mit Funktionalität, ›Augen zu und durch‹ und ›grad mal so‹ nicht viel zu tun hat. Verschiedenartige Musik muss her, die Spiegelreflexkamera wird mit einer neuen Batterie startklar gemacht, der Bibliotheksausweis für den Zugang zu inspirierender Literatur verlängert. Anstatt auf gute berlinerische Art und Weise von A nach B zu hetzen, bewundere ich die wunderschönen und gleichzeitig verwirrten, weil im Winter blühenden, Kirschbäume vor der Haustür. Anstatt die Dinge auf mich zukommen zu lassen, trage ich an einem Tag in zwei Monaten heimlich in den Timer meiner Freundin das Wort ›Fotoausstellung‹ ein. Und anstatt meine mir in Fleiß und Schweiß antrainierte Fähigkeit Noten zu lesen zu verlernen, mache ich mich nach Jahren wieder daran, diese genial kombinierten Hieroglyphen in Töne zu verwandeln. Wunderbar zwecklos, die Schönheit feiernd.
Erinnert mich an Gott, der sich eigens ein Seeungeheuer namens ›Leviatan‹ erschuf, um mit ihm zu spielen. Habe fest bei ihm angemeldet, mir dieses Spiel in ferner Zukunft mal mit ihm gemeinsam mit der Tüte frischem Popcorn auf Großbildleinwand anzuschauen. Vielleicht kann ich ihm ja anschließend noch einige Lieblingsszenen meiner künstlerischen Versuche zeigen. Wie ich ihn kenne, werden dabei seine Augen leuchten. Vielleicht legt er dann seinen Arm um mich und sagt: »Hach, für Momente wie diesen habe ich euch in meinem Ebenbild gemacht … Hast du eigentlich ’ne Idee, wie man Ebenbild auf Deutsch ’n biss’l zeitgemäßer ausdrücken kann? Ich nicht.« ///


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