Heft 33

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Der Autor

Jörg Schellenberger (26) lebt mit seiner Frau Kerstin in Ansbach. Er liebt seine Stadt und mit Menschen unterwegs zu sein. Er studiert an der Pionierakademie (Theologie) und ist Leiter und Gründer von verschiedenen Projekten, u.a. Grillanzuendar » www.grillanzuendar.de

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Jahresthema // Reich Gottes

Reich Gottes und Dualismus

Wie unsere Betrachtung des Reiches Gottes von unserem Weltbild beeinflusst ist

// Ich lege das gerade zu Ende gelesene Buch beiseite und lehne mich voller Begeisterung zurück. In dem Buch ging es um Geschichten und Gedanken über »Reich Gottes in der Stadt«. Davon kann ich im Moment nicht genug bekommen. Geschichten von Christen, die eine eigene christliche Disko betreiben. Oder auch die Geschichte von dem christlichen Fußballverein, der sogar den Aufstieg geschafft hat. Eine Gemeinde eröffnete in ihrer Stadt ein christliches Café ...
Dieser Traum über die Christianisierung der Stadt liegt inzwischen einige Jahre zurück. Mittlerweile habe ich eine andere Vorstellung über die Ausbreitung des Reiches Gottes in der Stadt. Diese findet nicht nur mittels christlichen Vereinen, Kneipen und christlichen Irgendetwas statt.
 
Beim Nachdenken über andere Formen, Reich Gottes zu bauen, begegne ich in Zeitschriften, Blogs oder neuveröffentlichen Büchern immer wieder den Begriffen ›Dualismus‹ und ›ganzheitliche Schöpfung‹. Zum Beispiel sind diese Begriffe auch eine der drei Leitgedanken in dem momentan vielbeachteten Buch ›Die Zukunft gestalten‹ von Alan Hirsch und Michael Frost. »Die missionarische Kirche ist in ihrer Spiritualität nicht dualistisch, sondern messianisch. Das bedeutet, dass sie sich der Weltsicht Jesu verpflichtet, nicht der griechisch-römischen, die in der Antike die Welt in einen heiligen (religiösen) und einen profanen (nichtreligiösen) Bereich aufteilte; Messianische Spiritualität sieht – wie Jesus – die ganze Welt als Wohnort Gottes.«1
Über diese Worte liest man schnell hinweg und man landet gleich bei den Umsetzungen. Weil wir ja so aktionsorientiert sind und neue gute Programme brauchen. An Stelle von Evangelisationsabenden machen wir jetzt verschiedene Interessengruppen, in denen dann Menschen zum Glauben kommen können. Und weil wir die Schöpfung ganzheitlich sehen, reden wir jetzt über soziale Gerechtigkeit.

Zwei unterschiedliche Brillen
Bei den Worten ›dualistisches Denken‹ und ›ganzheitliche Schöpfung‹ geht es um mehr als neue Evangelisationsprogramme oder die Beschäftigung mit sozialer Gerechtigkeit. Hier geht es um eine andere Weltanschauung. Konkret geht es um zwei unterschiedliche Weltanschauungen, und zwar um das griechische und das hebräische Weltbild. Die Hebräische Weltanschauung, in der Jesus zu Hause war, wurde in den letzten 2000 Jahren von einer hellenistischen Sicht der Theologie abgelöst.
Am besten lässt sich ein Weltbild mit einer Brille vergleichen. Menschen aus unterschiedlichen Weltanschauungen können eine gleiche Sache unterschiedlich wahrnehmen. Darrow L. Miller sagt es passend: »Eine Weltanschauung beeinflusst, was wir sehen, nicht das, was es zu sehen gibt.«2 Somit können Menschen die gleiche Bibelstelle lesen und aufgrund ihres Weltbildes Unterschiedliches verstehen. Sie lesen die Bibelstelle mit verschiedenen Brillen.
Ein großer Unterschied zwischen der hebräischen und hellenistischen Weltanschauung ist das dualistische oder ganzheitliche Weltbild. Hier sind erneut die zwei Begriffe, denen wir immer mal wieder über den Weg laufen. Was ist denn ein griechisches dualistisches Weltbild? In der griechischen dualistischen Denkweise gibt es die sichtbare materielle Welt und die unsichtbare geistige Welt, wobei die materielle Welt nur ein Schatten oder Abglanz der unsichtbaren Welt ist. Dies bedeutet, dass die unsichtbare geistige Welt einen viel höheren Stellenwert als die sichtbare Welt hat. Über die unsichtbare Welt schreiben die Griechen auch, dass sie in einem vollendeten, ewigen und nicht vergehenden Zustand ist, den es anzustreben gilt.3 Bei den Hebräern gibt es keine Unterscheidung zwischen zwei Welten, sondern die Welt wird als dynamische Einheit gesehen. Die Welt ist für die Hebräer von Gott geschaffen und gut, obwohl sie gefallen und unerlöst ist.4 Die materiellen, sichtbaren, geistigen und unsichtbaren Elemente haben bei den Hebräern den gleichen Stellenwert.

Das dualistische Weltbild
Wie wirken sich diese Weltbilder nun auf die Betrachtung des Reiches Gottes aus? Für den Griechen ist das Reich Gottes wie ein Staatsgebiet, welches klar definiert, was oder wer dabei ist und was oder wer nicht. Das Reich Gottes wird im dualistischen Weltbild klar der unsichtbaren geistigen Welt zugeschrieben. Der Aufenthalt in der unsichtbaren Welt wird im hellenistischen Denken so beschrieben: »Hier befinden wir uns im Reiche des wahren Seins …«.5 Dem Reich Gottes gegenüber befindet sich die ›Welt‹, welche nur ein Abglanz des Reiches Gottes ist. Die Welt ist der Bereich, wo nichts ›Geistliches‹ stattfindet.

Das ganzheitliche Weltbild

Bei dem ganzheitlichen hebräischen Weltbild ist das Reich Gottes in Bewegung und überall dort, wo Menschen, die von Gott regiert werden, in Aktion sind.6
Um den Unterschied zwischen dem ganzheitlichen und dem dualistischen Weltbild zu verdeutlichen werden nun ein paar Fragen beantwortet. Bei dieser Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Weltbildern geht es mir nicht darum zu sagen, dass die eine Betrachtungsweise falsch und die andere richtig sei, sondern darum, Ansichten über das Reich Gottes, die wir aufgrund unserer hellenistischen Prägung als unerschütterlich gesehen haben, zu hinterfragen.

Wer ist ein Arbeiter im Reich Gottes?
Nach der Schule oder nach der Ausbildung überlegen sich viele junge Christen, was sie denn jetzt machen wollen. Manche wollen noch mal für das Reich Gottes arbeiten bevor sie einem ›weltlichen‹ Beruf nachgehen (erkennst du die Unterscheidung in die hochwertige geistliche Welt und den unbedeutenden Abglanz, nämlich die Welt? – ein Merkmal der dualistischen Weltanschauung). Dies äußert sich meistens dadurch, dass sie ein FSJ bei einer christlichen Organisation machen oder ein Jüngerschaftsjahr einlegen. Nach dem ganzheitlichen Weltbild jedoch ist man dann ein Reich Gottes Arbeiter, wenn man von Jesus regiert wird und versucht, das in seinem Umfeld zu leben. Es ist egal, ob du Pastor bist, ein Jüngerschaftsjahr machst oder bei Mercedes in der Fabrik arbeitest.

Wann machen wir etwas für das Reich Gottes?
Diese Frage geht in eine ähnliche Richtung wie die vorhergehende. Deswegen betrachte ich es gleich von einem ganzheitlichen Weltbild. Ein Fußballtrainer für die D-Jugend kann genauso ein Reich Gottes Arbeiter sein wie ein Jungscharleiter. Der Fußballverein muss dafür auch kein christlicher sein.
Wie messen wir Erfolg im Reich Gottes?
Wie beurteilen wir, welche Auswirkung unsere Gemeinschaft auf die Stadt hat? Wie beurteilen wir den Erfolg eines Gottesdienstes? In meiner ersten Zeit als Leiter beurteilte ich Erfolg, in dem ich zählte, wie viele Leute zu dem Jugendabend gekommen waren. Während den Ansagen oder einem anderen unbedeutenden Part zählte ich die besetzten Stühle. Wenn dann am Ende die Frage kam »… und wie war euer Jugendabend?«, dann erzählte ich z. B. stolz »Heute waren doppelt so viele wie das letzte Mal da.« Nach dem dualistischen, territorialen Weltbild ist der Jugendabend ein Teil des Reiches Gottes, und wenn dann wachsende Besucherzahlen zu verzeichnen sind, war es ein Erfolg, ist ja logisch, oder? Man könnte demnach sogar sagen, das Reich Gottes sei gewachsen.
Den Erfolg bei einem hebräischen Weltbild zu messen ist nicht so leicht wie bei dem griechischen. Das Weltbild ist ja nicht statisch, sondern hier geht es um das Dynamische. Ein Hebräer sagt zu einer Quelle, die kein Wasser gibt, dass sie lügt.7 Die Quelle ist für ihn kraftlos und leer. Man könnte auch sagen, dass eine Quelle, die kein Wasser bringt, keine Frucht bringt und somit nicht erfolgreich ist. Bei Erfolg geht es also mehr darum, was dabei rauskommt. In diesem Zusammenhang versteht man auch Johannes 7, 38: »Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.« Also wie beurteilt man den Erfolg im Reich Gottes? Ich denke, die Frucht bzw. was dabei rauskommt ist ein wichtiger Faktor. Um das Dynamische zu verdeutlichen passt auch die Frage »Wie viel Einfluss hast du mit dem was du machst?«

Was hält mich im Reich Gottes?
Zugegeben, bei der Beantwortung der Frage kann man sich schnell auf dünnes Eis begeben. Ich versuche es trotzdem. Wenn man durch die dualistische Brille schaut, würde man als Antwort »die Gemeinde« geben, weil man sich, wenn man sich dort aufhält, im Reich Gottes befindet.
Aus der ganzheitlichen Perspektive betrachtet geht es weniger um Aufenthaltsorte. In einer Weltansicht, in der nicht durch Institutionen definiert ist, wann man drin ist und wann nicht, geht es mehr um die Beziehungen. In diesem Fall spielt klar die Beziehung zu Gott die entscheidende Rolle. Sie ist es, die einen fest ins Reich Gottes verankert. Des Weiteren spielen auch die gelebten Beziehungen zu anderen Jesusnachfolgern eine wichtigere Rolle als die Institution Gemeinde. Dies alles bedeutet, man muss nicht in die Gemeinde gehen um im Reich Gottes zu sein. Aus dieser Perspektive muss man auch neu überdenken, was für uns Gemeinde ist.

Wie auch die letzte Frage sind die Fragen teilweise nur angeschnitten beantwortet, bzw. es sind Gedanken die du gerne weiterdenken kannst.
Wenn ich jetzt über Reich Gottes nachdenke, sehe ich nicht nur christliche Organisationen, Vereine usw., sondern ich sehe, dass es viele andere kreative Möglichkeiten gibt, wie man Reich Gottes bauen kann. Mich begeistert es, Geschichten von Leuten zu hören die ihre Stadt, ihren Beruf etc. als ihren Auftrag sehen. Sie sehen die Schöpfung als ihren Gestaltungsraum. Das sind Geschichten von Unternehmern, Kellnern, Schuhverkäufern, Erziehern ... ///

Fußnoten

1 Michael Frost; Alan Hirsch: Zukunft gestalten. Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jahrhunderts. Glashütten: C&P Verlag, 2008, S. 31
2 Darrow L. Miller: Wie sollen wir denn denken? Leitfaden für eine christliche Weltanschauung. Edition Jugend mit einer Mission, 1. Aufl., Lüdenscheid: Asaph-Verlag 2004, S. 33.
3 Thorleif Boman: Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen. 7. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1983, S.41
4 Marvin Wilson: Our Father Abraham. Gran Rapids: Wm. B. Erdmans Publishing Company, 1989, S. 168
5 Thorleif Boman: Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen, S. 41
6 David Bivin; Roy Blizzard: Was hat Jesus wirklich gesagt. 2. Aufl., Erzhausen: Leuchter Edition, 2001, S. 72
7 In Jesaja 58,11 wird auch dieses hebräische Bild verwendet. In der deutschen Fassung steht meistens versiegen statt lügen. Aber in der hebräischen Fassung wird das Wort hebräische Wort für ›lügen‹ verwendet.

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