Heft 33
Der Autor
David Coronel (31) ist mit Kerstin verheiratet und zweifacher Vater. Er war Mitbegründer der Holy Spirit Night (überregionaler Jugendgottesdienst in Süddeutschland) und langjähriger Lobpreisleiter. Er studierte unter anderem Geografie, wobei er sich mit Fragen der Entwicklungspolitik und Migration beschäftigte. Heute ist er stellvertretender Schulleiter einer Förderschule bei Stuttgart und arbeitet dort mit benachteiligten Jugendlichen.
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Hunger
Verhungert oder ermordet?
Hunger, Globalisierung und Entwicklungshilfe heute
// Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Das sind im Jahr um die fünf Millionen verhungerter Kinder. Sie sind nicht Opfer eines Krieges, einer Naturkatastrophe, einer unheilbaren Krankheit oder eines Sexualverbrechens – nein, sie verhungern. Eine solche Information hören wir nicht zum ersten Mal. Wir haben es in der Schule gelernt, in einem Fernsehrbericht gesehen oder wurden von einer Hilfsorganisation mahnend daran erinnert. Meistens bewirken solche Zahlen, Daten und Fakten nur eine kurze Fassungslosigkeit. Zu weit weg sind die betroffenen Menschen, zu emotionslos sind die Zahlen und zu erschütternd ist die Wahrheit, vor der wir uns zu schützen versuchen, um nicht gänzlich unseren Glauben an die Legitimation unseres Lebensstils und unserer Gesellschaftsstruktur zu verlieren. Manche von uns konnten nicht vermeiden, dass eine solche Information vom Kopf direkt in die Magengegend wanderte. Manche von uns haben über ein solches Leid nicht nur gelesen, sondern waren auf einem Missions- oder Hilfseinsatz ihrer örtlichen Kirche in Zentralafrika, in Südamerika oder irgendwo in Asien. Die ›fünf Sekunden‹ bis zum nächsten Hungertod haben vielleicht Namen und das Elend einen Gestank erhalten. Aus einer Information wurde eine Erfahrung. Wir haben unterschiedliche Strategien mit einer solchen Erfahrung und Wahrheit umzugehen. Sie gänzlich zu ignorieren fällt schwer. Eher versuchen wir nach Erklärungen zu suchen, um zu verstehen, warum heute im Jahr 2009 Menschen nicht genug zu Essen haben.Warum leiden über 800 Millionen Menschen auf der Welt an Hunger? In den sogenannten ›Entwicklungsländern‹ und sogar in reichen Industriestaaten gibt es Menschen, denen das seit 1948 festgeschriebene Grundrecht auf ausreichende Nahrung nicht zuteil wird. Die Ursachen für Armut, Hunger und Unterentwicklung sind vielfältig und die globalen ökonomischen und sozialen Zusammenhänge so kompliziert, dass wir skeptisch sein sollten, wenn so mancher Politiker, Menschenrechtler, Entwicklungshelfer oder Gutmensch simple Antworten suggeriert. Woher kommt der Hunger?Sozialgeografen unterscheiden heute verschiedene Theorien und Deutungsansätze für die Ursachen von Unterentwicklung und dem Fehlen einer materiellen Grundversorgung. Eines haben alle diese Theorien gemeinsam: Sie sind nicht wertneutral und wurden stets politisch ge- und missbraucht. Selbst der Begriff ›Entwicklungsland‹ oder ›unterentwickeltes Land‹ geriet in Kritik, da er impliziert, dass unser westliches Werte-, Politik, Kultur- und Wirtschaftssystem das entwickelte und erstrebenswerte Gesellschaftsmodell sei. Spätestens seit der beginnenden ökologischen Kritik in den 1980ern und unserer aktuellen ökonomischen Krise wächst ein großer Zweifel daran, ob unser Verständnis von Moderne und Entwicklung das der Welt Glück bringende Modell sein kann. Um zu verstehen woher der Hunger kommt, können diese Theorien helfen.
So genannte Geodeterministische Theorien (ökologische Theorien) stellen die physisch-geografischen Ungunstfaktoren vieler Regionen auf der Welt dar. Labile Ökosysteme wirkten schon immer entwicklungshemmend. Karge Böden, extreme Temperaturen und Niederschlagsvariabilitäten machten vielen Menschen in bestimmten Ländern dieser Erde das Leben schon immer schwer. Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zerstörten weitere Lebensräume und erhöhten den ohnehin schon großen Druck auf die Landwirtschaft. Sicher spielen auch Naturkatastrophen, wie Erdbeben, eine große Rolle, wenn man verstehen will, dass die natürlichen ökologischen und geologischen Lebensbedingungen auf dieser Erde völlig unterschiedlich sind. Es wäre aber falsch, einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Natur und Wohlstand herzustellen, denn es ist meist eine Frage des Geldes, welche Mittel den Menschen zur Überwindung georäumlicher Ungunstfaktoren zur Verfügung stehen.
Auch die Modernisierungstheorien suchen die Ursachen für Unterentwicklung in den Ländern selbst. Man vergleicht den Entwicklungsstand der betroffenen Länder mit dem der westlichen Gesellschaften im 19. Jahrhundert, also der Zeit der Industriellen Revolution. Dieser zugegeben sehr beschönigende Ansatz fordert eine Modernisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche. Die unterentwickelten Länder müssten also nur das ›nachholen‹, was wir schon hinter uns haben. Diese Theorie liegt einem Großteil der Entwicklungshilfearbeit zugrunde. Demnach müssen diese Staaten aus eigener Kraft Disparitäten überwinden und ihre Korruption bekämpfen. Sie erhalten dabei Unterstützung der westlichen Welt meist durch die Stärkung und den Ausbau der Infrastruktur, des Bildungsbereichs und einer stützenden Wirtschaftspolitik. ›Hilfe zur Selbsthilfe‹ wurde in diesem Zusammenhang zu einem geflügelten Wort in der Entwicklungshilfepolitik.
Einen ganz anderen emanzipatorischen und vor allem kritischen Ansatz verfolgt die Dependenztheorie. Unterentwicklung ist kein zu durchschreitendes Stadium, sondern ein strukturbedingtes, durch Abhängigkeitsbeziehungen in der Weltwirtschaft verursachtes Phänomen. Durch die Effekte der Globalisierung hat diese Theorie zur Erklärung sozialer Ungleichheiten in der Welt weiteren Aufwind erfahren. Die Ursprünge dieser Abhängigkeitsbeziehungen liegen im Kolonialismus der vergangenen Jahrhunderte und den vorkolonialen entwicklungshemmenden Strukturen. Die Entwicklung der westlichen Welt steht damit im direkten Zusammenhang mit der Unterentwicklung der Dritten Welt. Weil teure Grundnahrungsmittel und Konsumgüter importiert und billige Güter (z. B. Rohstoffe) exportiert werden, könnte eine Überwindung der Unterentwicklung nur durch eine Abkoppelung des Weltmarktes erfolgen. Da die Ursachen externe Faktoren sind, die die traditionelle Wirtschafts- und Sozialstruktur zerstört haben, müssen auch die Lösungen die sein, die Strukturen der Weltwirtschaft zu verändern. Die klassische Arbeit der Entwicklungshelfer bleibt demnach ein Tropfen auf den heißen Stein – gut gemeint, aber ohne nachhaltigen Effekt zur Überwindung von Armut und Hunger. Die Verantwortung für Veränderung obliegt der politischen und ökonomischen Elite und dem kleinen Mann bleibt nicht viel, außer dem bewussten Konsum von ›fair trade‹ Gütern.
Es ist leicht nachvollziehbar, dass das Wissen um solche strukturellen Zusammenhänge vielerorts zu einer Radikalisierung der Debatte geführt hat. Globalisierungsgegner und politische Aktivisten sehen in ihrem neokommunistischen Kontext hinter jedem Großkonzern und jedem Wirtschaftspolitiker den Feind. So einfach sollten wir es uns aber nicht machen. Und dennoch fühlen die so genannten Globalisierungsgegner den westlichen Gesellschaften auf den Zahn und decken auf, wo wirtschaftliche Interessen vor soziale und ökologische Notwendigkeiten gestellt werden.
Wer ist für den Hunger verantwortlich?
Es gibt auf der Welt genügend Nahrungsmittel. Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung spitzt es so zu: »Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.« Immer noch sind ein Großteil des Restmülls in den westlichen Metropolen unverbrauchte und noch für den Verzehr geeignete Lebensmittel.
Wir schützen unsere westlichen Märkte durch massive Subventionen. Dadurch soll unser Wohlstand erhalten bleiben – der faire Wettbewerb auf dem Weltmarkt ist eine Heuchelei. »Wenn Sie im Senegal auf den Markt gehen, können Sie europäische Früchte zu einem Drittel der einheimischen Preise kaufen. Also hat der senegalesische Bauer keine Chance mehr, das Auskommen zu finden.«
(Jean Ziegler). Ein Großteil der finanziellen Stützen für die Landwirtschaft der westlichen Welt sind Exportsubventionen: Überschüssige Agrarerzeugnisse, die auf den Inlandsmärkten nicht abzusetzen sind, können so auf dem Weltmarkt günstiger verkauft werden. Diese künstliche Verbilligung macht durch das Drücken der Weltmarktpreise die Landwirtschaft in vielen Gebieten dieser Erde unrentabel.
Auch die durch die Weltwirtschaftskrise notwendig gewordenen Subventionen und ›Konjunkturpakete‹ im Industrie- und Dienstleistungssektor der westlichen Länder verzerren den Wettbewerb und könnten zu einer Verschlimmerung der Situation in vielen Regionen führen.
Ich finde es erstaunlich, wie die momentane Weltwirtschaftskrise, die unbestritten ihre Ursachen auch in der Maßlosigkeit, der Gier und einem verschwenderischen Konsum hat, ausgerechnet durch denselbigen – also den Konsum – wieder überwunden werden soll. Ich frage mich, warum so selten die Botschaft zu hören ist, dass Verzicht, Opfer und Mäßigung von Nöten sein muss.
Die Alternativen zum Hunger
Natürlich brauchen die Menschen in den Hungergebieten unserer Erde Solidarität. Es ist gut zu spenden und direkt etwas vom Kuchen abzugeben. Es wäre aber schäbig, uns mit Almosen freikaufen und unser Gewissen beruhigen zu wollen. Es ist gut, wenn gerade junge gläubige Menschen die Vision haben ins Ausland zu
gehen, um mit ihrem privilegierten sozialen, ökonomischen und kulturellen Kapital aktive Entwicklungshilfe zu leisten. Es wäre aber naiv, darin allein die Lösung der Probleme zu sehen und die Augen vor den strukturellen Abhängigkeiten und der systematischen Benachteiligung der Dritten Welt auf dem Weltmarkt zu verschließen.
Wir sollten vielmehr darüber nachdenken, ob wir auf lange Sicht bereit wären, unseren Lebensstil und unser Konsumverhalten in Frage zu stellen. Uns westlichen Gesellschaften bleiben vermutlich wenig Alternativen. Wir können uns weiter abschotten, unsere Märkte und den Wohlstand subventionieren, unsere Grenzen vor Wirtschaftsflüchtlingen verschließen und die Ungerechtigkeit in der Verteilung von Wohlstand ignorieren. Oder wir stellen uns darauf ein, dass wir lernen müssen zu verzichten und wirklich zu teilen. Gemeint ist nicht dieses Teilen, wenn wir aufgetragene Kleidung statt in den Müll, in den Sammelcontainer des Hilfswerkes werfen. Gemeint ist auch nicht der Verzicht auf wohltuende Konsum- und Luxusgüter. Wenn eine Firma in Deutschland ihre teure Produktion ins Ausland verlagert und tausende Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schickt, dann ist der Aufschrei (auch der Kirchen) groß. Niemand käme auf die Idee, in diesem Zusammenhang von Entwicklungshilfe zu sprechen. Und dennoch sollten wir uns fragen, wie ernst es uns mit dem Teilen, dem Verzicht und der Bereitschaft, unseren Lebensstandard zu senken, ist. Vielleicht haben wir global die Grenzen des ökologisch und ökonomisch Machbaren erreicht. Vielleicht steht uns eine radikale Abkehr unserer westlichen Entwürfe von Konsum und Wohlstand bevor. Vielleicht nutzen wir Christen diese Chance, um näher zusammen zu rücken. Vielleicht hilft es uns, Jesu Botschaft vom Reichtum und dem Reich Gottes neu zu verstehen. //


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