Heft 34
Der Autor
Axxl (36), eigentlich Axel Brandhorst, ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater einer bezaubernden Tochter. Er lebt im Kanton Bern in der Schweiz und ist im deutschsprachigen Raum in Seelsorge und psychologischer Beratung unterwegs. Sein Herz schlägt dafür, Menschen zu befähigen, eine gute Beziehung mit sich, ihrem Schöpfer und anderen Menschen leben zu können.
Sein Blog:www.axxl.wordpress.com
Sein Business:www.axelbrandhorst.org
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Mann
Adam, wo bist du?
Von der Entwicklung der männlichen Identität
// »Adam, wo bist du?« rief Gott eines Abends sehnsuchtsvoll in die grüne Herrlichkeit des Paradieses hinein. Vielleicht war es das erste Mal, dass er das gerufen hatte. Bisher jedenfalls hatte sich Adam nix aus seinem FKK-Kostüm gemacht und munter-unschuldige Geselligkeit mit dem Herrn der Heerscharen gepflegt. Nun jedoch nicht mehr. Obwohl er sich seiner Nacktheit bis dato nicht bewusst gewesen war, scheint das Bewusstsein über Körperlichkeit wohl nicht der Punkt zu sein, der geschlechtliche Identität ausmacht. Denn während wir davon ausgehen können, dass Adam Mann war, wie Gott sich echte Männer vorstellt, sind Adams Nachkommen bis heute eher »Inhalt suchend«, was ihre Männlichkeit ausmacht. »Adam, wo bist du?« – eine nach wie vor berechtigte Frage. Was ist ein Mann? Und wo im Mann findet »mann« den Mann?
Da gibt es erstmal den biologischen Aspekt. Wenn eine y-Samenzelle auf die Eizelle, die immer x-chromosomiert ist, trifft, entsteht ein männliches Kind. Im Gegensatz zum weiblichen Kind, bei dem an dieser Stelle die Vagina entsteht, wachsen ihm ein Hodensack und ein allerliebstes Zipfelchen. Doch gut verpackt, wie man in unseren Breitengraden kleine Kinder anzutreffen pflegt, ist der Unterschied kaum zu bemerken. Erst später wird es richtig interessant: Jungen werden zu Männern; kriegen Haare im Gesicht, ein breites Kreuz und eine tiefe Stimme. Die Unterschiede zum anderen Geschlecht werden also mit zunehmendem Alter sichtbarer. Aber das Sichtbare ist ja nicht der ganze Unterschied. Von verschiedenen Hormonen gesteuert, entwickeln sich auch unterschiedliche Eigenschaften: Das männliche Testosteron beglückt uns mit Aggression, engem Blickfeld und der Fähigkeit, rückwärts einzuparken. Östrogen, das weibliche Hormon, begabt mit Multitasking, Kommunikativität und Kollektivdenken. Und hier sind wir an der Grenze von biologischem und seelischem Geschlecht. Denn so mancher Leser wird bei sich nicht nur die dem eigenen Geschlecht zugeschriebenen Eigenschaften kennen. Klar, denn kein Mann hat nur Testosteron im Blut, und keine Frau nur Östrogen. Und die Verbindung von Hormon und Eigenschaft ist sicher ein semiwissenschaftliches Gebiet. Außerdem ist das ja auch eine Sozialisationsfrage: Vieles ist lernbar. Denn nicht nur die Hormone haben uns Jungs eher dazu bewegt, mit Autos zu spielen, uns untereinander zu prügeln und Mädchen doof zu finden, sondern auch die an unserer Erziehung Beteiligten. Immerhin haben sie uns keine Puppen geschenkt, sondern »fischertechnik«; sie haben uns Jungs-Bücher gekauft, worin Jungs tun, was Jungs halt tun, und sie haben uns vermittelt, dass kleine Cowboys stark sind und nicht weinen, während kleine Prinzessinnen schwach sein dürfen. Aber wie kommt es dazu? Etwas weniger pauschal und kreuzrittertümlich als in der Einleitung will ich das nun – vor allem aus soziologischer Sicht – beleuchten: Wie wird ein Mann zum Mann.
Familie
Da hätten wir mal als primäre Sozialisationsinstanz die Familie. In der wichtigsten Zeit der Persönlichkeitsentwicklung, nämlich den ersten sechs Lebensjahren, passieren hier die wunderlichsten Dinge. Schon gleich nach der Geburt geht es los: Während die Mädels im allgemeinen als süß, zart, niedlich, zerbrechlich und zauberhaft wahrgenommen und attribuiert werden, müssen sich die Jungs dem Realitätsabgleich mit dem ihnen Zugeschriebenen stellen: Stark werden sie wahrgenommen, groß und kräftig. Diese Zuschreibungen wirken auf Kinder wie Erwartungsschemata: Da muss ich also reinpassen, das wird gelernt. Denn passt man, gibt’s Lob und Lohn, passt man nicht, gibt’s Sorgen, Sanktionen und schlechtes Gewissen. Man denke dabei auch an die selbst als Kind exerzierten Rollenspiele: Klar waren wir Jungs der Pilot und haben die Stewardess herumgescheucht. Deswegen wollten die Mädels ja auch lieber Familie spielen: Da hatten sie das Sagen; da war’s dann auf einmal andersrum. Und so sehr man an dieser Stelle die Kräfte der Emanzipation, der Mädchenförderung und des gender mainstream erwähnen muss, die dazu führen, dass sich in sekundären Sozialisationsinstanzen wie Kindergarten, Hort und Schule diese kategorisierten, stereotypen Geschlechtsrollenfixierungen auflösen, fällt es mir schwer, die Augen davor zu verschließen, dass darin kein Ansatz zu finden ist, der es den biologischen Jungs leichter macht, auch seelisch zum Mann zu werden. Denn wenn die Geschlechtsrolle erst einmal grundlegend fixiert ist, hilft es nichts, das vertrauensvoll von Mutti und Vati Gelernte plötzlich als ungültig zu erklären. Während wir Jungs nämlich bis dato damit beschäftigt waren, die Diskrepanz zwischen dem, was wir sind und dem, was uns da »ansozialisiert« wurde, mit Bedeutung zu füllen, kommt nun die Erzieherin und will, dass wir nicht mehr die Besseren sind, aber, und das ist verheerend – sie hat keine Alternative; sie hat kein Konzept brauchbarer Männlichkeit, sie bietet keine Option, männliche Identität zu entwickeln oder zu lernen. Und so tun wir das, was uns zu tun übrigbleibt: Es fehlt das Wissen, was wir sind, es insistiert der Anspruch, dass wir der Starke, Führende, Dominierende sein sollen – also werten wir als einzig gebliebenes Entkommen aus diesem Dilemma das ab, das wir zu dominieren den Anspruch in uns fühlen: das Weibliche. Man kann dazu mit Recht sagen, dass das eine ziemlich ungünstige Ausgangslage für ein erfolgreiches Leben ist, aber das war’s noch lange nicht – es kommt noch besser.
Mama
Mamas spezieller Einfluss auf unsere Männlichkeit ist ein gewaltiger. Identität entwickelt sich unter anderem durch Identifikation; um geschlechtliche Identität zu entwickeln, braucht’s ein gleichgeschlechtliches Identifikationsmodell – bei Jungs sagt man dazu »Vater«. Der ist aber leider in den allermeisten Fällen nicht so richtig da: er arbeitet, er sitzt am Stammtisch, er leitet den Schützenverein oder spielt in der Kreisliga Fußball. Der an sich hinabblickende Junge schaut nun vergleichend seinen Erzeuger an und stellt fest: Mein Modell ist der, der nie da ist. Also bleibt nur die abgrenzende, ausschließende Identifikation mit der Mutter: Ich bin nicht wie sie, also teste ich alles, was anders ist. Was dabei herauskommt, sehen wir: Je weniger Männer an der Sozialisation von Jungs beteiligt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Verhaltensauffälligkeiten. Ergebnis ist, dass den werdenden Männern der Bezug zur Männlichkeit verlorengeht.
Eine weitere große Herausforderung vieler kleiner Jungen ist, sich von der Symbiose mit der Mutter zu lösen. Eine Symbiose ist eine Beziehung mit gegenseitigem Gewinn. Der Junge wird von der Mutter versorgt – emotional, körperlich und überhaupt. Und was gibt der Sohn der Mutter? Viel zu oft sind wir Kompensatoren der ehelichen Beziehung: Partnerersatz oder gar noch mehr als der Partner, nämlich weniger gefährlich in der Nähe, leichter formbar und weniger Widerstand bietend in der Modellierung des perfekten Mannes. Daraus folgen für den Sohn wie für die Mutter etliche Ambivalenzen in Wünschen und Bedürfnissen. Nur, die Mutter ist die Große. Sie steht (mehr als der kleine Junge jedenfalls) im Leben. Für den Kleinen, der ein Großer werden will, bleibt oft nur der Ausweg, eine Doppelidentität zu entwickeln. Zuhause steigt er in die Symbiose mit Mama ein, während er sich außerhalb umso mehr von allen weiblichen Attributen abgrenzt. Und natürlich dürfen sich die beiden Welten nicht berühren ... wenig Chancen auf Eigenes.
Papa
Und was ist mit Papa? Auch hier kann man den Schöpfer zitieren: Adam, wo bist du? Betritt der Vater die Bühne der geschlechtlichen Identitätsentwicklung seines Sohnes, dann in etlichen Familien nur als epischer Held: Seine Taten sind Legenden; gehörte und bestaunte Schilderungen ungesehener Erfolge. Ein gewaltiges Vorbild – so muss ich also sein. Und so erscheint die männliche Welt ja auch in der Realität: Es gibt die, die es schaffen, dem Vatervorbild (mindestens) gleichzuziehen – das sind echte Männer. Und es gibt die, die es nicht schaffen, und wenn, nur, weil der Vater selbst den Anblick seines über ihn hinauswachsenden Sohnes nicht ertragen konnte.
Aber wenn die Jungs reifer werden, fangen sie an, zu hinterfragen. Und wenn sie in der Lage sind, Papas selbstgeschaffene Legenden mit der Realität abzugleichen, dann hält Papa nicht stand. Denn Papa, so stellt der verdutzte Pubertierende fest, ist ein ganz normaler Typ: Warzen an den Füßen, schütteres Haar, ein mittelmäßiger Büroangestellter, der nach oben buckeln und nach unten treten muss, overworked und underfucked. Das Vaterbild, was bis dahin die wacklige Restsumme männlicher Identifikationsoptionen dargestellt hat, zerbröselt unter den kritischen Blicken des reifenden Teenies. Und da Hinterfragen meines Erachtens ein Anzeichen von Reife ist, sehe ich mich genötigt, hier eine provokante Frage zu stellen: Sind es folglich nicht häufig die (potentiell) Reifen, die zum Scheitern verurteilt sind, während die, die gar nicht erst auf die Idee kommen, allzu erschütternd zu hinterfragen, oft über genug Kraftreserven verfügen, das althergebrachte, hohle Männlichkeitsklischee weiter zu leben? Ist die in christlichen Kreisen so als Sünde verschriene Rebellion der Jungs gegen solche Väter nicht sogar ein Zeichen von Reife; etwas, worauf man eingehend ansetzen muss, um nachträglich Entwicklungsmöglichkeiten anzubieten?
Schule & Co
Weiter in der Geschichte: Was passiert außerhalb der Familie? Die sekundären Sozialisationsinstanzen westlicher Kulturkreise sind koedukativer Natur – sprich, Jungs und Mädels werden zusammen betreut, beschult und verpädagogisiert. Hier haben wir das interessante Phänomen, dass Jungs den Hauptanteil der Aufmerksamkeit beanspruchen. Hilflos ist die Reaktion des Fachpersonals – meist reaktiv wird Planung und Konzept an dieser Tatsache ausgerichtet. Die Ausnahme bilden empörte Mädchenfördererinnen, die von Bevorzugung der Jungs und Bestätigung in ihrem dominanten Verhalten sprechen. Sicher: Die Mädchen werden hierdurch benachteiligt. Aber die hier stattfindende Aufmerksamkeit ist ja negativer Natur, Maßregelung und Ermahnung nämlich, und negative Aufmerksamkeit ist besser als keine. Keine würde aber drohen, wenn man nicht negativ auffällt als Junge: Mit wenig entwickelter Identität hat man wenig zu bieten, was Pädagogen gerne fordern, anstatt es zu fördern.
Pubertät
So schlittert der kleine Bub also bereits in seinen ersten Jahren in staatlichen Persönlichkeitsvereinheitlichungsinstituten von einem unlösbaren Konflikt in den anderen. Mit all diesem Wirrwarr im Gepäck tritt er nun das siebte Level seiner Persönlichkeitsentwicklung an: die Pubertät. Ablösung von der Familie und Aufbau eigener Lebensentwürfe stehen nun im Mittelpunkt. Meist findet dies in Gleichaltrigengruppen statt; für Jungs oft eine der ersten Möglichkeiten, sich von einer frauendominierten Welt zu verabschieden und sich direkt an männlichen Vorbildern zu orientieren. Leider haben die Leidensgenossen, die hier aufeinandertreffen, einander nicht mehr zu bieten als das, was sie mitbringen: Stereotypen männlicher Verhaltensmuster, die sich dadurch definieren, dass sie beliebige Gegenteile erfahrenen weiblichen Verhaltens sind. Wie auch immer man das beschreiben will, eins ist klar: Männlichkeit im Sinne der Schöpfung entwickelt sich so eher rudimentär.
Gesellschaft
Diese ganze hier beschriebene Entwicklung (zugegeben, schwarzseherisch beschrieben durch Häufung sämtlicher Negativoptionen, dennoch oft erlebt und zu hören bekommen) spielt sich ja nicht im luftleeren Raum ab, sondern im gesellschaftlichen Kontext. Und unsere Gesellschaft befindet sich gerade mitten in der großen postmodernen Nabelschau: Wertepluralismus, Zerfall hergebrachter Normen und Instanzen, Individualisierung und Überfrachtung mit Lebensoptionen machen es nicht leicht, das Leben zu meistern. Alles darf sein, alles ist bewundernswert und wird toleriert, alles gilt. Falsch ist nur etwas, das andere Optionen ausschließt. Und so haben wir den idealen Nährboden für eine Glaubenslehre, die uns helfen möchte, mit unserer durch herkömmliche Rollenstereotypen versauten geschlechtlichen Identität klarzukommen, indem sie sämtliche nichtbiologischen Geschlechterunterschiede negiert: den Gender mainstream. Hierbei geht es um eine Ideologie, der sich unsere Bundesregierung sowie die EU verschrieben hat: Wir haben ein Geschlechterproblem, weil ein Geschlecht das andere unterdrückt hat und dies zum Teil bis heute tut. Männer und Frauen haben unterschiedliche Erlebniswelten von Kindesbeinen an. Das führt zu Spannungen zwischen den Geschlechtern, die wohl unerwünscht sind, denn die Schlussfolgerung ist simpel: Geschlechtunterschiede, die über die biologischen rausgehen, müssen abgeschafft werden. Das beginnt in den Kindergärten und zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Das Einüben und Ausleben von Geschlechtsrollen wird Tabu. Sicher, die stereotypen Geschlechtsrollen vergangener Jahrhunderte dürfen endlich über Bord wandern. Aber geschlechtliche Identität ist nötig! Gender mainstream hingegen bringt doppelgeschlechtliche Hohlkörper hervor, die eines großen Teils ihrer Identität beraubt sind.
Ist denn alles so negativ? Ist es unmöglich, eine gesunde sexuelle Identität zu entwickeln in unserer Gesellschaft? Bitte – nein! Natürlich sind nicht alle Väter wie beschrieben. Ebenso wenig wie die weiter oben erwähnten Mütter. Hier geht es um Trends, die in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen wurden. Und sicher haben es auch die Mädels schwer, ihre Identität zu entwickeln. Aber Mädels haben mich in diesem Artikel mal einfach gar nicht interessiert – um hier mehr zu erfahren, müsst ihr das Heft andersherum lesen.
Und jetzt?
Manch einer würde nun gerne endlich die Frage stellen, weswegen er diesen Artikel überhaupt begonnen hat zu lesen: Was bei Osama ist denn nun tatsächlich männlich? Wie wollte und will Gott uns haben? Und darauf gebe ich keine Antwort. Nicht weil ich es nicht weiß. Sondern weil man es nicht wissen kann. Nichts hat die westliche Welt lieber, als dass man ihr sagt, wie es geht. Echte Männlichkeit »geht« aber nicht. Was sie ausmacht, muss man herausfinden. Man muss es erfahren (ja, vielleicht in einem geilen Auto ...). Und zwar jeder für sich, weil das, was für mich männlich ist, aus euch Identitätskastraten machen könnte – wir sind verschieden! Männer, habt endlich wieder den Mut, ihr selbst zu sein! Forscht, zweifelt, stellt in Frage! Denn wenn wir das nicht tun, werden wir entweder Pantoffelhelden oder welche, deren einzige Selbstaufwertung in der Abwertung alles Weiblichen besteht, während wir den Frauen nur die Möglichkeit geben, sich in den Tanz einzureihen, indem sie uns das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein, um uns nach erfolgter Heirat so effektiv wie möglich eben daran zu hindern. Aber das Sich selbst sein, das ist so verdammt schwer, stimmt’s? Da kann ich ein kleines Geheimnis verraten: Mann sein ist nicht easy. Es ist nicht Mittelmaß. Es ist schwer und schwierig. Und geil. Also ist mal wieder die Frage, ob easy und Mittelmaß oder unbequem und dafür im Leben. Entscheiden musst du selber; ich hoffe nur, dass ich es geschafft hab, dir das Mittelmaß gründlich madig zu machen. Ich freu mich auf die Pioniere der neuen Männlichkeit! ///


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