Heft 34

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Die Autorin

Linda Zimmermann (29) lebt mit ihrem Mann Michael in Berlin-Prenzlauer Berg. Als Erzieherin in einer Schule bringt sie neugierigen Kindern das ABC, das 1x1 und gute Manieren bei. Anschließend erholt sie sich bei netter Gesellschaft und einem starkem Cappuccino in einem schönen Café oder auf dem Sofa. Sie ist dabei, ein kleines Label für textile Unikate »ewig und immer« zu entwickeln.

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Frau

Thank God, I’m a woman

Mein imaginäres Sticker-Kleben

// Ich bin eigentlich gar keine klassische Shopping-Mall-Liebhaberin. Diese monströsen Bauwerke unterscheiden sich langweiligerweise in der Frage, ob Blume 2000 im Unter- oder ausnahmsweise im Erdgeschoss zu finden ist. Ich stehe eindeutig auf kleine feine Läden, die mich beim Eintreten in ihre eigene kreative Welt entführen. Aber als ich mich neulich zu einem Spontankauf in einem High-Street-Shop hinreißen ließ, der eigentlich zu 93 % meinem Klamottengeschmack widerspricht, blieb mein Blick an der Kasse auf einem Stapel weißer Folienaufkleber hängen. Nach einem kurzen Ratlos-Moment erkannte ich den geschnörkelten Schriftzug »Thank God, I’m a woman« darauf. Allein dafür hatte sich mein Ausflug ins kalte Shopping-Paradies gelohnt. Wissend, dass ich diesen Slogan, der so viel mehr als ein Werbespruch sein kann, schon jetzt lieb gewonnen hatte, nahm ich mir als Vorzeigekonsumentin gleich ein paar Exemplare vom Stapel, während ich der Verkäuferin deutlich machte, dass ich doch auch meine Freundinnen mit diesem Sprüchlein segnen möchte.

»Thank God, I’m a woman« – das sage ich jedes Mal, wenn das Thema Bundeswehr auf den Tisch kommt. Das lach’ ich in mich hinein, wenn ich bei einem Umzug munter Couchkissen tragend an schwitzenden, weil Bücherkisten schleppenden Männern vorbeihüpfe. Das seufze ich glücklich, wenn mein Mann mich in seine Arme zieht. Ich bin vom Frau-Sein mit all dem Drum und Dran, das es für mich bedeutet, sehr angetan. So berechtigt alle Warnungen vor der Stereotypisierung der Frau auch sein mögen, ich feiere die verbindenden Besonderheiten, die nur uns Frauen einen. Habe sogar Verständnis für das Nicht-Verständnis der beobachtenden Männer. Ein Mann muss nicht verstehen, dass jede SMS für uns ein kleiner, in sich geschlossener Brief ist, der aus Anrede, Hauptteil und Schluss besteht. Dass auf die Frage nach dem derzeitigen Wohlergehen ein In-Tränen-Ausbrechen eine durchaus zu erwartende Reaktion ist. Und dass Reden tatsächlich goldener sein kann als Schweigen.

Nur zu gern gehe ich imaginär durch die verschiedenen Aspekte und Momente meines weiblichen Daseins und drücke ihnen diesen dankbaren Aufkleber auf. Die Liste ist lang. Kontinenz bedrohende Lachanfälle mit meiner Freundin, den Moment, als der Busfahrer mein Fahrgeld ablehnte, weil er meinte, ich sei schön anzuschauen und das latente Wissen, dass, wenn ich nur ein bisschen das Gesicht verziehe, irgendein Mr., Herr oder Monsieur bereit sein wird, mir den Koffer die Treppen raufzutragen. Türen, durch die ich zuerst treten darf, versöhnende Lieblingsblumen und das tröstende Verstandenwerden von Freundinnen, die einfach schon einmal deshalb wunderbar und unersetzlich sind, weil sie zu den eingeweihten 50 % gehören.

Ich bin zuversichtlich, dass ich im Laufe meines Lebens noch viele Sticker setzen werde. Auch wenn es gewisse Tage gibt, an denen ich unter Schmerzen, die laut Müttern nur ansatzweise andeuten, wie sich ordentliches Kindergebären anfühlt, wünschte, Eva hätte damals mehr Lust auf eine Banane statt auf einen Apfel gehabt.

Bei aller Heiterkeit dieses wahrscheinlich bald ausgenuddelten Werbeslogans – mich berührt auch die schmerzhafte Seite der Medaille. So weine ich mit denen, die meinen derzeitigen Lieblingssticker sehen und die Worte ihnen den Magen zusammenkrampfen lassen. Möchte die nicht vergessen, die äußerlich lachen und innerlich bluten. Mein Sticker feiert einen Aspekt, der für viel zu viele zum Schicksal geworden ist. Aber ich würde diesen Satz nicht so lieben, wenn er nicht auch die Hoffnung in sich trüge, von schmerzhafter Erinnerung zu einem stillen Gebet um Heilung zu werden. So wie ich den verstehe, der uns nach beendetem Designprozess das Prädikat »sehr gut« verliehen hat, wird er sich behutsam an die Pflege seines Kunstwerkes machen. Mit der zutiefst hoffnungsvollen Gewissheit, dass irgendwann, und sei es noch lange unter Tränen, ein derzeit als Werbeslogan benutztes Gebet zu einem Ausdruck wiederhergestellter Identität wird.

Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit fürs Verletzt-werden und es gibt eine Zeit fürs Heilen. In dieser Phase meines Lebens pflastere ich auf jeden Fall guten Gewissens mein Leben mit Dank an den Richtigen zu und bin mir sicher, dass ich keinen einzigen und erst recht nicht zwei Buchstaben aus dem Wort »woman« hergeben würde. Nur um eines beneide ich das andere Geschlecht: Grillen, ohne dafür einen Kommentar zu bekommen. Das ist mir als Frau nämlich noch nie vergönnt gewesen. ///

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