Heft 1/04 - Retro-Artikel

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Der Autor

Dipl.-Psych. Rainer Oberbillig

  • Psychologischer Psychotherapeut
  • Verhaltenstherapeut (dgvt)
  • Christlicher Therapeut (IGNIS Akademie)
  • Leitender Psychologe der DE’IGNIS-Fachklinik

 

 

Gesellschaft (Leadersection)

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

// Kindheit ist nicht kinderleicht! Wenn wir zeitbedingte Erkrankungen untersuchen wollen, können wir gesellschaftliche Einflüsse noch am Besten bei den Kindern isolieren und betrachten. Wie sieht die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen im deutschen Gesundheits- und Sozialwesen aus?

Nationale Untersuchungen zur Häufigkeit von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen belegen, dass mindestens jeder zehnte Minderjährige in Deutschland eine psychische Störung aufweist: Im Klartext heißt das, dass ca. 1,5 Millionen Minderjährige in unserem Land entweder psychologischen, psychotherapeutischen oder psychiatrischen Beratungs- oder Behandlungsbedarf haben. Nach einer repräsentativen Dokumentation der ambulanten Versorgungslage von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen in Deutschland stehen für die ambulante Versorgung höchstens 3000 Leistungserbringer zur Verfügung. Besonders alarmierend zeigt sich der Versorgungsnotstand in den neuen Bundesländern, wo teilweise keine einzige Fachkraft für psychisch auffällige Kinder und Jugendliche zur Verfügung steht. Im bundesweiten Durchschnitt benötigen etwa 60.000 Kinder und Jugendliche pro Jahr eine stationäre Behandlung wegen schwerer psychischer Störungen.

Die Prävention von psychischen Störungen im Kindergarten und Schulalter bedeutet eine grundlegende Herausforderung für die deutsche Familienpolitik. Die Zeitschrift FOCUS stellt fest, dass sich die »deutsche Vorschulerziehung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befindet«, im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn: Dazu gehört u. a. die personelle Ausstattung der Kindergärten und das Ausbildungsniveau der Erzieher/innen. Die Herausforderungen betreffen auch die Vor- und Nachteile der Ganztagsbetreuung von Vorschulkindern, die in absehbarer Zeit die Norm auch in unserer Gesellschaft sein wird.

In einer amerikanischen Längsschnitt-Studie wurde festgestellt, dass 20 Prozent der Kinder, die viel Zeit in Ganztagsbetreuung verbracht hatten, ein sehr hohes Maß an Verhaltensstörungen zeigten; dieses Ergebnis war unabhängig von der Qualität der Betreuungseinrichtung oder der Familiensituation des Kindes.

Die Qualität der Ganztags-Einrichtung hat aber einen starken Einfluss auf die positive sprachliche und kognitive Entwicklung eines fremd betreuten Kindes. Angesichts der Zunahme von Sprech- und Sprachstörungen bei Kindern, für die nur ungenügende logopädische Behandlungscenter zur Verfügung stehen, wäre eine entwicklungspsychologische Begleitung der Ganztagsbetreuung unabdingbar.

Im Zusammenhang mit unseren Kindern wird von einer »Kultur der Vernachlässigung« gesprochen. Vor einigen Jahren tauchte eine bisher eher ein Schattendasein führende Krankheit oder besser psychische Störung aus ihrer relativen Unbeachtetheit auf: Nicht nur einem Großteil der Kinder wurde ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) attestiert, sondern auch in teils »diagnostisch abenteuerlicher Retrospektive« vielen Erwachsenen. Der Verlust der Langsamkeit in alltäglichen Familienvollzügen oder die turbulente Lebensweise zwischen verschiedenen Betreuern und Terminen kann doch nicht verantwortlich dafür sein, dass Kinder heute keine Ruhe mehr finden?! Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang die Kennzeichnung der neuen Struktur der postmodernen Familien: Die »durchlässige Familie« repräsentiert den Verlust des häuslichen Lebens als »Freistatt und Zufluchtsort vor den Anforderungen der Welt«. Die Familie wird gesprengt und durch andere soziale Institutionen ersetzt, die Anforderungen von Arbeitsplatz und Wohlstand machen es den Eltern immer schwerer, die Entwicklungs- und Erlebenswelt ihrer Kinder zu erhalten und zu schützen. Kinder werden vom Wettlauf ihrer Eltern mit der Zeit förmlich hinweggefegt oder darin aufgerieben. Das gehetzte, unstrukturierte Leben der Kinder heute steht mit der zunehmenden Sucht nach Sinnesreizen in Beziehung. Der Verlust von Familienstrukturen, das Fehlen eines gleich bleibenden Tagesablaufes zu Hause lässt das Kind keine Strukturen der Selbstorganisation und Selbstkontrolle in sich ausbilden. Struktur heißt auch, geduldig da zu sein, wenn das Kind Aufmerksamkeit braucht. 

Eine Kultur der Vernachlässigung führt dazu, dass immer mehr Zeit mit passiver Unterhaltung zugebracht wird und weniger Zeit für wohltuende Stille und Ruhe zur Verfügung steht. Die ständig wechselnden Aktivitäten können zu einer Aversion des Kindes gegen langsame, strukturierte Lebensbezüge (z. B. Hausaufgaben machen) beitragen. Stimulation wird zu einer Ersatzstruktur für das Kind, und wenn sie wegfällt, fällt auch das Kind auseinander.

Der Fernseh-, Video- und Videospielkonsum wird immer wieder mit der Aggressivität von Kindern in Beziehung gesetzt. In einer wissenschaftlichen Studie in den USA wurde zunächst der Medienkonsum der Kinder bestimmt: Pro Woche saßen die Kinder durchschnittlich 15 Stunden vor dem Fernseher, zogen sich fünf Stunden Videos rein und spielten anschließend noch drei Stunden »Videogames«! (Und das an einer Grundschule!) Es wurden zwei Gruppen miteinander verglichen; die Kinder der Kontrollgruppe erhielten keine Auflagen, die Kinder der Interventionsgruppe bekamen zuerst einen Medienstopp (10 Tage lang), dann ein geringes Budget an Medienkonsum. Nach einem halben Jahr wurde der Grad der verbalen und körperlichen Aggression der Kinder aus den beiden Gruppen miteinander verglichen. Die Kinder der Interventionsgruppe waren signifikant weniger aggressiv, zeigten ein sozial kompetenteres Verhalten und konnten Konflikte friedlicher regeln. Auch die von Gewalt und Bedrohung geprägte Weltsicht hatte sich deutlich positiv verändert!

Was hindert uns eigentlich an einer sinnvollen Medienerziehung in der Schule und im Elternhaus? Ist die oben erwähnte Kultur der Vernachlässigung auch hier wegweisend?

Oder wird Aggressivität und Durchsetzungsvermögen gesellschaftlich heimlich und unheimlich eher positiv bewertet und die entsprechenden Medien deshalb verharmlost? Spielt vielleicht auch noch die Ideologie der antiautoritären Erziehung aus den 70er Jahren eine Rolle? Wird etwa erwartet, dass 11- bis 12-Jährige schon wie »Kevin allein zu Haus« klar kommen, sich selbst disziplinieren können, mit anderen zusammen eine Gruppe bilden und ohne Aufsicht gemeinsam spielen und kreativ tätig werden können, ohne dass sich aggressive und chaotische Strukturen bilden?! Diese Illusionen wurden in einer britischen Fernsehsendung, die eine Gruppe von Jungen eine Woche lang unbeaufsichtigt zusammen leben ließ im Stil von »Big Brother«, gründlich ad absurdum geführt: Zuletzt rief ein Junge dazu auf, das gesamte Haus gründlich zu verwüsten. Nach einhelliger Meinung wäre das ganze Experiment ohne Anwesenheit der Kameraleute noch viel zerstörerischer im anarchischen Chaos, mit Lebensgefahr für einzelne am Rand stehende Jungen, versunken!

Bei der Diskussion um die Rolle des Schulsports heißt eine populäre Formel »der Nachwuchs verfettet«. Viele Kinder seien im Schulunterricht überfordert mit relativ einfachen Übungen, dazu gehören ein ordinärer Purzelbaum oder ein Klimmzug an der Reckstange.

Untersuchungen des Münchner Gesundheitsreferats an 10.000 Schülern belegen, dass 10 % übergewichtig, davon 4 % sogar fettleibig seien. Der »Trend zum dick sein« habe in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Als Ursache wird falsche Ernährung, auch gerne als »McDonalds-Syndrom« karikiert, und Bewegungsarmut als Folge von langen Aufenthalten vor dem TV-Gerät, der Spielkonsole oder dem PC genannt. Auch hier müssen wir die gesellschaftliche Entwicklung reflektieren, die mit der Bildschirmarbeit Bewegungsarmut geradezu verordnet. Hier ist das elterliche Vorbild gefragt, die Anregung zum Bewegungsausgleich, die Hinführung zu Sportvereinen.

Früher nicht bekannte Süchte tauchen auf:

Die Medienabhängigkeit von Jugendlichen oder WEB-Sucht. Auf 600.000 Jugendliche wird die Zahl derer geschätzt, die den Ausschaltknopf ihres TV oder Computers nur sehr schwer finden. In der überwiegenden Mehrzahl (90 %) sind es Jungen ab 12 Jahren.

Auch hier begegnen wir dem Problem der Übergewichtigkeit, indem zum Medienkonsum nebenher große Mengen an »Fastfood« konsumiert werden. Einige Teenies bewegen sich kaum noch. Viele Kinder sind chronisch nervös. In einer stationären Therapie lernen computer-abhängige Teenies, wieder aus ihrer Isolation heraus zu kommen und Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden.

Das Problem der »Gewalt in den Medien« wird schon lange diskutiert, es gibt aber erheblichen Widerstand bei der Aufdeckung der Wirkungs-Nutzen-Analyse.

Nach dem schrecklichen Amoklauf von Erfurt war bis heute keine Analyse der Medien möglich, die der Attentäter genutzt hatte; die zuständige Staatsanwaltschaft verweigerte die wissenschaftliche Überprüfung der »Medien mit Gewaltverherrlichung«, so Professor Werner Glogauer, Schulpädagoge aus Augsburg, in einem Vortrag. Er nahm auch Bezug auf sogenannte Killerspiele (»Gotcha« und »paint-ball«), in denen eine Tötungshaltung gefordert ist, Gewalthandlungen gegen Mitspieler ausgeübt werden: Dadurch werde die Gewaltschwelle herabgesetzt, es komme zu einer Konditionierung von gewalttätiger Konfliktlösung und zu einer Abstumpfung gegenüber Verletzungen oder Tötungen von anderen. Bei der Erstellung eines allgemeinen Täterprofils von Amokläufern in der Schule (USA) fiel unter anderem auf: 

Die jugendlichen Täter konsumierten bereits im Kindesalter Gewalt-Medien; es ist bekannt, dass die negative Prägung von Gewaltdarstellungen am nachhaltigsten zwischen 8 bis 12 Jahren ist, der kognitive Bereich bleibt unbenutzt, der Instinkt wird konditioniert. Durchweg wurden über Jahre hinweg Horrorfilme benutzt, »Heavy-Metal-Music« gehört und Mordsimulationsspiele gespielt. Als »Multimedia-Player« gehörten sie zur Gruppe der Vielseher (30 Std./Woche) oder Exzessiv-Seher (40 Std./Woche). In der gesellschaftlichen Verantwortung liegt es, die Medienwirkungsforschung ernst zu nehmen.

Konsequenzen aus seelsorgerlicher Perspektive

Zunächst einmal müssen wir die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen überhaupt zur Kenntnis nehmen, keine »Vogel-Strauss-Politik« betreiben. Die Bibel fordert uns zu Nüchternheit und Wachsamkeit auf, die im Gebet zu Gott gewonnen wird, denn Gott hat jedem an Jesus gläubigen Menschen einen Geist der Kraft (Mut), der Liebe und der Besonnenheit geschenkt.[2] Im Brief an die Kolosser spricht Paulus von einem Sog gesellschaftlicher Ideologien oder kultureller Strömungen, der uns gefangen nehmen kann, aber auf keinen Fall sollte. Als Orientierungshilfe gibt er an: Ist diese oder jene Entwicklung Christus gemäß?[3]

Im Umgang mit den Zeitkrankheiten sehe ich unsere Verantwortung als Christen darin, wieder zu einem realistischen Menschenbild in Politik und Gesellschaft aufzurufen: Der Mensch braucht die von Gott vorgegebenen Ordnungen in seiner psychosomatischen Gesundheitsbildung. Dazu gehören nicht nur die 10 Gebote, sondern auch das Bewusstsein, dass der Mensch ein zerbrechliches »tönernes Gefäß« ist, das viel Zuwendung braucht. Jesus würde als Kennzeichen unserer Zeit anprangern: »In den letzten Zeiten wird die Gesetzlosigkeit (auch Ordnungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit) überhand nehmen und deshalb wird die Liebe in vielen erkalten.«[4] In der Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen sollten wir regelrecht Propaganda machen für die Wirkungen positiver Vorbildfunktionen. Dazu müssen wir uns selber zur Erziehungsverantwortung neu motivieren. Um Lehrer für andere sein zu können, brauchen wir intimen Umgang mit dem »Rabbi Jesus«[5]. »In gewissem Sinne müssen wir uns dem Zeitgeist verweigern, der rastlosen Getriebenheit mit innerem Frieden[6] und Vision entgegensteuern: »Wo keine Vision (Offenbarung) ist, wird das Volk wild und wüst; aber wohl dem, der auf die Weisung achtet!«[7] ///

Quellenangaben

1.) PSYCHOLOGIE HEUTE – Julius Beltz Verlag GmbH & Co. KG, Weinheim, Nr. 7/01, Nr. 10/02, Nr. 11/02 , Nr. 1/03, Nr. 7/03.

2.) FOCUS (Magazin) – FOCUS Magazin Verlag GmbH, München, Nr. 36/03, Nr. 38/03, Nr. 41/03. 

3.) Prof. Dr. Werner Glogauer, Augsburg – »Gewalt in Medien und deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche«. Vortrag während Stuttgarter Therapietage, am 16.05. 03. SZVT, Gerhard Alber Stiftung.

Anmerkungen

[1] © DE’IGNIS. Erstveröffentlichung im DE’IGNIS MAGAZIN Nr. 26, Dezember 2003. Online-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von DE’IGNIS.

[2] Matthäus 26,41 – Mutlosigkeit oder Feigheit angesichts der Zeitkrankheiten ist nicht angebracht, nach 2. Timotheus 1,7.

[3] Brief an die Kolosser 2,8.

[4] nach: Matthäus 24,12.

[5] Jesus lädt uns ein, uns nicht verzweifelt den Kopf über Lösungen für das gesellschaftliche Desaster zu zerbrechen, sondern zu ihm zu kommen und von ihm zu lernen: Matthäus 11,28-30. – Er hat zusätzlich einen Sachwalter bestellt, den Heiligen Geist, der uns die praktische Weisheit Jesu in allen Lebensfragen vor Augen führt: Johannes 14,26.

[6] Angesichts des Gesundheitszustandes unserer Nation könnten wir depressiv reagieren. Paulus sagt uns im Brief an die Philipper, wir sollten uns die Freude nicht rauben lassen. Alles, was uns bekümmert, sollten wir in einer Form des Gebets in die Zuständigkeit Gottes bringen, damit der Friede Christi uns mit innerer Festigkeit erfüllt: Philipper 4,4-7.

[7] Buch der Sprüche (Salomos) 29,18.