Heft 2/02 - Retro-Artikel

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Der Autor

FRANZISKA ARNOLD (26) hat in ihrem Wunschberuf Lehrerin (Englisch und Deutsch) unsagbar viel Spaß und erfreut sich besonders daran Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache zum Lernen zu motivieren. Im Leben jenseits der Schule gilt ihr Interesse verschiedensten Kunstformen, der Kultur im weitesten Sinne, ihren Freunden, anderen Ländern und Sprachen.

Lyrik

Das Kreuz

Kein steriler Tötungssaal.
Nichts Edles, keine Würde, kein geschmückter, erträglicher Raum.
Keine schnelle Todesspritze.
Qualen, Höllenschmerzen stundenlang.
Nach dem Infektionsrisiko fragt niemand.
Zerschundener Leib am rauen, splitternden Balken.
Menschlichkeit meilenweit entfernt.
Schmerzen nie gekannten Ausmaßes.
Nicht im Zentrum einer herrlichen Stadt, im Mittelpunkt der Massenmedien.
Nein, der hässlichste Ort – die Schädelstätte!
Und doch der Ursprung sichtbarer Herrlichkeit.
Mittagshitze, Insekten.
Keine lindernde kühle Brise, denn hier gibt es kein gemäßigtes Klima.
Nur Essig wird Dir gereicht, der auf Deinem zerrissenen Fleisch abermals wie mit tausend Nadeln einsticht.
Gleichgestellt mit dem Abschaum der Gesellschaft.
Behandelt wie ein auszurottendes Geschwür.
Verhöhnt als der König der Juden, der unfähig war, seine Herrschaft aufzubauen und sich gegen ein rebellisches Volk zu behaupten.
Und doch – genau hier legst Du den Grundstein, tust den ersten Spatenstich für ein immerwährendes Königreich, eine Dynastie der Gnade und Barmherzigkeit.
Hier verwandelst Du Fluch in Segen.
Am Ort des Schreckens tauschst Du Trauer ein gegen überschwänglich tiefe Freude.
Lässt aus den Schmerzen und bohrenden Wunden, die an Dir zehren, Heilung und Linderung fließen für jeden, der danach sich ausstreckt.
Blut, welches einst ein Zeichen von Rache, Grauen und Gewalt gewesen, ist nun zum Zeichen für Versöhnung, Hoffnung und klare, ungetrübte Liebe gesetzt.
Deine Verlassenheit in jenen Todesstunden hat Tausende für immer von Einsamkeit befreit.
Die Schwere Deines Todes gab uns die Leichtigkeit des Seins zurück.
Hier am Kreuz geschah, was niemals vorher geschehen und was nimmer wiederholt werden kann.
Dies ist der Wendepunkt der Geschichte – der Weltgeschichte und der Geschichte eines jeden Menschen.
Hier, als es um die Mittagszeit plötzlich finster ward, wurde der schärfste Schnitt zwischen Licht und Dunkel gemacht.
An der hässlichen Schädelstätte wird die große Liebe des Schöpfers zu seinen Kreaturen deutlich:
Du ertrugst das Unerträgliche, nur um mich in Deiner Gegenwart ertragen zu können, um mir die Gnade zu schenken, Deine Heiligkeit ertragen zu dürfen.