Heft 20/04 - Retro-Artikel

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Der Autor

Mickey Wiese ist verheiratet mit einer Lobpreistänzerin, Vater von zwei wunderbar wilden Kerls und Pastor. Er hängt mit seinem Freund Gott in Frankfurt ab und versucht, die bedingungslose Liebe Jesu in den Alltag von Jugendlichen zu übersetzen.

Mein Freund Gott und ich

Freund

// Als mein Freund Gott einmal in aller Öffentlichkeit bekannt geben ließ, dass ich sein Freund sei, war ich tief berührt. Und das kam so.

Vor ein paar Jahren geriet ich trotz genauer Beobachtung der meisten christlichen Benimmregeln in eine Phase von permanentem Stress, gepaart mit dem Gefühl der Nichtsnutzigkeit. Die anderen Jesushinterherrenner schienen mir von Tag zu Tag heiliger zu werden und aus ihren Erzählungen meinte ich sicher entnehmen zu können, dass sie alle tagelang beteten, in der Bibel lasen und sogar fasteten. Das Schlimme an diesen Situationen sind dann ja vor allem die Blicke, die dir sagen: »Na, jetzt wird’s bei dir aber auch mal langsam Zeit für einen Durchbruch, für einen anerkannten Erfolg.« All das blieb bei mir damals aber eher Wunschdenken und es schien mir gerade so, als ob die ganze Welt an mir vorbeizöge, um mehr Erfolg zu haben als ich. To make a long story short: Ich konnte schon kaum mehr einen Sonnenuntergang genießen. Das wiederum konnte mein Freund Gott gar nicht ertragen. Also »besorgte er sich« einen sehr netten, distinguierten und prophetisch veranlagten Musiker aus Arkansas, dem Bauernstaat der USA, um mir mal so richtig die Meinung zu sagen.

Nichts von all dem ahnend, was Gott geplant hatte, ging ich an diesem Abend in den Gottesdienst und freute mich eigentlich auf nichts mehr als einen entspannenden Lobpreis, ein gutes Konzert und danach vielleicht noch ein paar Bier für die nötige Bettschwere. Und dann fand ich mich plötzlich vor die Bühne gerufen, alle Augen auf mich gerichtet, und dieser Musiker, der mich nicht kannte, richtete mir Grüße von meinem Freund Gott aus: »Mickey, du denkst: Herr, ich bete nicht genug, ich faste nicht genug, ich tue dies und jenes nicht genug, ich bin nicht geistlich genug. Aber der Herr sagt: Du bist mein Kumpel. Du bist mein Freund. Du musst nicht einen Haufen Dinge tun, du musst einfach nur Gott lieben.« Da war ich aber ziemlich platt. Tief in mir drin hatte ich mir zwar schon lange gewünscht, dass mein Freund Gott mal so ganz öffentlich verlauten ließe, dass ich auch ein Guter bin und damit all den mitleidigen Lächlern mal den Mund stopfen würde. Aber da ich wusste, dass so ein Wunsch nicht »christlich« ist, hatte ich es eigentlich nie richtig erwartet. Nun weiß mein Freund Gott zwar auch über »christlich« Bescheid, aber zum Glück ist er Gott und darf sich auch einfach so benehmen, als wäre er es. Er lobt den ungerechten Haushalter (Lk 16,8), lässt die Ehebrecherin einfach ziehen (Joh 8,11) und schützt Marias vor Marthas (Lk 10,40-42). Wenn es darum geht zu lieben, hält der Gottesfreund sich nicht an Regeln oder Zeiten. Eine Begegnung mit solch unorthodoxen Liebestaten Jesu ist jedenfalls genau das Richtige, wenn man mal so richtig unten ist. So lange man oben ist, hat man dafür ja keine Zeit. Für mich jedenfalls gehört das Erlebnis mit dem »amerikanischen Botschafter« zu den prägendsten meines gesamten Glaubenslebens, gegen das viele andere Highlights richtiggehend verblassen.

Und wenn du auch so etwas erlebst, dann zweifle nicht, ob es von Gott kommt, weil es vielleicht nicht dem Gewohnten entspricht. Ein solches Erlebnis ist ein Schatz im Acker. Nimm es und verwahre es gut. Atme es heimlich ein. »Denn lang sind die Winter dort, wo du nicht liebst.« Dass Gott mein Freund ist, hat mich durch mehr Tiefen hindurchgetragen, als die Tatsache, dass er Großes mit mir vorhat, und es ist zur Botschaft meines Lebens geworden. An diesem Abend habe ich ganz elementar ergriffen, dass Gott zwar laut 1. Timotheus 2,4 die ganze Welt gewinnen will, dass er dies aber nach Matthäus 16,26 unter keinen Umständen auf Kosten meiner Seele tun wird. Ich lese die Bibel seither immer wieder vor allem unter dem Aspekt der Freundschaft Gottes zu den Menschen durch. Und wenn dann wieder ein diesbezüglicher Vers mein Herz berührt, schicke ich meinem Freund Gott dankbar einen Kuss nach oben. Und dann erzähle ich davon bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten und versuche, das auch immer wieder in schriftlicher Form zu tun, wie z. B. in dieser durchaus regelmäßig angedachten Kolumne »Mein Freund Gott und ich«. //