Mein Freund Gott und ich
Schweigen
// Als mein Freund Gott und ich einmal zusammen schweigen wollten, fiel es ihm deutlich schwerer als mir. Und das kam so.
Ich liebe das gütige Lächeln meines Freundes Gott, das auf mir ruht, während er mir zuhört und nichts von dem verpassen möchte, was ich ihm zu erzählen habe. Es ist eine ganz eigentümliche Seligkeit, die sich in diesen kostbaren Augenblicken von meinen Gedärmen ausgehend überall im Raum verbreitet. Natürlich weiß ich, dass es meinem Freund Gott schwer fällt, zu schweigen, weil er wirklich etwas zu sagen hat. Selbst in den Momenten, in denen er zuhört, reden mir seine Augen zu Herzen.
Es gab ja auch nur ein Mal eine halbe Stunde Stille im Himmel oder es wird sie einmal geben. Manchmal habe ich einfach etwas Schwierigkeiten, mir den Fahrplan der Ewigkeit in meinem zeitlich begrenzten Hirn vorzustellen. Jedenfalls schreibt Johannes, dass das Lamm das siebte Siegel auftat und dass danach eine Stille im Himmel entstand, etwa eine halbe Stunde lang (Offb 8,1), und das läutete den Anfang vom Ende ein. Der Rest meiner Bibel ist voll mit seinem Reden und auch meine »Stillen« sind von den lebensspendenden Worten meines Freundes Gott »tapeziert«, wie der Weinkenner sagt. Da ist es schon ein Segen, dass es mir leichter fällt, zu schweigen, als ihm.
Das Problem der vielen gestressten Abstürze unserer Tage liegt eher in unserer mangelnden Gewöhnung, zu schweigen. Nichts zu tun ist heute harte Arbeit geworden, die wir scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Früher hieß es immer, ein charismatischer Gottesdienst sei ein Hörerlebnis, und das ist er wohl auch – vor allem für meinen Freund Gott. Denn die Fülle der Informationen, Visionen, prophetischen Worte und apostolischen Ideen, die wir Gott und einander zu sagen haben, können einen leicht verleiten, im Verlauf eines Christenlebens in einen verbalen wie auch psychischen und physischen Aktionismus zu verfallen. Und doch, hat mein Freund Gott mir erklärt, kann er da am meisten an uns tun, wo wir nichts tun, wo wir still werden und zur Ruhe kommen.
Die Eindringlichkeit des Leisen und die Barmherzigkeit des Einfachen wären nicht nur in der modernen Kunst, sondern auch in den neuen Gemeinden von zutiefst therapeutischer Tragweite. Gerne schauen mein Freund Gott und ich uns deswegen die Kunstwerke unseres gemeinsamen Freundes Johannes Schreiter an (siehe unter www.lobpreistanz.de), der mit simplen Ordnungen und beruhigender Farbwahl die zugenagelten Türen zur Transzendenz wieder öffnen will. In einem seiner Bücher hat Johannes Schreiter einmal geschrieben: »Je monochromer ein Glasfenster, desto größer seine Tendenz, Räume zu verwandeln. Wir atmen dann nicht nur neutrale Luft, wir atmen gleichsam Farbluft. Die Seele des gebauten Raumes und die Seele des Menschen unterliegen nun einer neuen, sublimeren, verbal nicht mehr zugänglichen Prägung. Ist diese Lichtkonsistenz blauhaltig, kann das sogar die bereits in unseren Nerven sitzende Unrast zum Stillstand bringen. Und wären es nur Minuten, die jenen selbstzerstörerischen Kreislauf unserer Alltagshektik unterbrechen: Dringend erforderliche Richtungsänderungen des inneren Menschen werden dadurch begünstigt.«
Vielleicht müssten auch unsere Gottesdienste »monochromer« werden, also nicht zu viele grelle Farben auftragen. Wir aber machen einen Bogen um die Ruhe, weil wir befürchten, dass wir in dieser Zeit etwas versäumen könnten, dass in dieser Zeit etwas Lebenswichtiges ungepredigt bleibt, etwas Notwendiges ungebetet, etwas Segensreiches unempfangen. Dabei hat mein Freund Gott den Managern des Durchbruchs schon im AT zu sagen versucht: »Vergebens ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, euch spät niedersetzt, das Brot der Mühsal esst. So viel gibt er seinem Geliebten im Schlaf.« (Ps 127,2) Neulich habe ich gelesen, dass eine Gemeinde aufgrund dieser Stelle jede Woche in ihrer Kirche zwei Stunden Kirchenschlaf anbietet und dass das regen Zulauf haben soll. Das fanden mein Freund Gott und ich eine gute Idee. Jetzt machen wir auch jeden Donnerstag einen Freundschaftsabend in unserer Michaeliskirche in Frankfurt, sitzen herum, erfreuen uns an unserer Gegenwart und lassen die Seele baumeln. Und manchmal lesen wir uns Gedichte vor:
Wer die Stille nicht erträgt,
wird von vielen Worten bewegt.
Hat zur Ruhe er gefunden,
wird Bewegung an das Selbst gebunden.
In jedem seiner Schritte
verwirklicht sich dann seine Mitte. //

