Verantwortung übernehmen (Gesellschaft & Beziehung)
Das Nazareth-Programm
// Ohne Frage ist Jesus gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören[1] und um unsere Gesellschaft tiefgreifend zu beeinflussen und dauerhaft zu verändern. Aber wie hat er das bloß gemacht? Diese Frage berührt eine tiefe Sehnsucht in uns und lässt darum auch den christlichen Buch- und Konferenzmarkt explodieren, aber auch manchen Jugendlichen resignieren. In unserer Jugendkirche in Frankfurt haben wir gemerkt, dass »back to the roots« auch hier der angesagteste Weg zum Erfolg ist. Jesus selber hat seine Vorgehensweise einmal in der Synagoge von Nazareth[2], sozusagen in einer programmatischen Antrittsrede, mit den Versen Jes 61,1-3 vorgestellt:
- Der Geist des Herrn Jahwe ist auf mir, weil Jahwe mich gesalbt hat.
- Er hat mich gesandt:
1. die Armen durch frohe Botschaft zu erfreuen,
2. zerbrochene Herzen zu verbinden,
3. für Gefangene öffentlich die Freilassung auszurufen
4. und den Gefesselten die Öffnung des Kerkers,
5. öffentlich ein Jahr des Wohlgefallens für Jahwe auszurufen und einen Tag der Rache für unseren Gott,
6. zu trösten alle Trauernden,
- für die Trauernden Zions Folgendes festzulegen bzw. zu schaffen:
1. ihnen Kopfschmuck statt Asche zu geben,
2. Freudenöl statt Trauer,
3. eine Hülle des Lobpreises statt eines erloschenen Geistes,
- damit sie »Terebinthen der Gerechtigkeit« genannt werden, eine Pflanzung Jahwes, damit er sich verherrliche.[3]
Wenn man bedenkt, dass Jesus uns in derselben Weise aussendet, wie ihn der Vater ausgesandt hatte[4] und dass wir mindestens dieselben Werke tun werden wie Jesus[5], dann haben wir hier im »Nazareth-Programm« die Basics vor uns, in denen unseres Erachtens der Dienst der Kirche, die ja der auf dem Planeten Erde agierende Leib des Gottesknechtes Jesus ist, umfassend strukturiert wird. Das Nazareth-Programm beinhaltet sechs Dienste nach außen, für die Welt und drei Dienste nach innen, an der Gemeinde, der Familie Gottes. Alle Dienste des Nazareth-Programms geschehen mit einem bestimmten Ziel: Den Familienmitgliedern soll Frieden und Identität gegeben werden, damit Gott sich durch sie verherrlichen kann, damit dadurch wiederum alle Nationen zu Jüngern gemacht werden können. Die Grundlage für alle neun Dienste ist natürlich die Salbung Gottes, also seine liebende, kräftigende und sendende Gegenwart, die uns Jesus bei seiner Himmelfahrt zugesagt hat[6]. In dieser Ausgabe von »THE RACE« wollen wir uns jedoch zunächst einmal nur den 6 »Außendiensten« zuwenden.
Der 1. Außendienst: »die Armen durch frohe Botschaft erfreuen«
Unsere Gesellschaft, obwohl zu den reichsten der Welt gehörend, ist voll von Armen, sowohl in materieller Hinsicht, als auch in seelischer und geistlicher. Auch die Armen, mit denen das Nazareth-Programm beginnt, bzw. die Elenden, wie man es auch übersetzen kann, sind arm in jeder Hinsicht. Es sind Israeliten, die keinen oder zu wenig Landbesitz haben und damit auch keinen vollen Anteil mehr an der Volksgemeinschaft. Ein wesentlicher Aspekt des »Elendseins« ist die Heimatlosigkeit. Dieses »Nichtzugehörigkeitsgefühl« ist aber auch eine Grundbefindlichkeit des modernen Jugendlichen. Über diese Lebenssituation müssen wir uns Gedanken machen und auch über die Sprache und die Aufnahmemöglichkeiten der »elenden« Jugendlichen, denen wir dienen sollen. »Was ist für diesen Jugendlichen in diesem Augenblick seines konkreten Lebens wirklich eine frohe Botschaft und wie wird das auch als frohe Botschaft bei ihm ankommen?« Denn wenn wir einem Jugendlichen etwas von Gott kommunizieren wollen, dann muss unser Motiv immer genau das sein, ihn durch frohe Botschaft erfreuen zu wollen. Das hebräische Wort für »erfreuen« (baser) hat denselben Stamm wie das Wort für Fleisch oder Leib (basar). Die frohe Botschaft sollte in einem Jugendlichen nämlich ein Erkennen auslösen, wie es Adam in 1.Mo 2,21ff. erlebte: Er erkannte, dass es um etwas geht, das ursprünglich zu ihm gehörte, etwas, das ihn zutiefst anging.
In Jesaja 52,7 steht, was wir den Jugendlichen in dieser Situation zurufen sollen: »Dein Gott herrscht als König!« Das ist der Kern jeder frohen Botschaft, die wir uns nur ausdenken können. Bevor Jesus unser Leben in die Hände bekam, war unser Kernproblem das »Dazugehören-Wollen«, und wir schafften es mal mehr, mal weniger. Aber als Jesus in unser Leben trat, wurden wir durch seine Gnade Bürger des Reiches Gottes und gehörten plötzlich dazu, hatten eine Heimat gefunden, ohne sie täglich neu erkämpfen zu müssen. Aus diesem Elend hat uns Jesus zuerst erlöst und dann kamen die anderen Dinge nach und nach dazu. Wenn das bei den anderen Jugendlichen durch unser Reden und Handeln ankommt, dann sind wir unseres Erachtens auf dem richtigen Weg.[7]
Der 2. Außendienst: »zerbrochene Herzen verbinden«
Gott selbst ist dem zerbrochenen Herzen immer ganz nahe, weil die Wiederherstellung von Zerbrochenem seine ganze Leidenschaft ist. Für uns geht es in diesem Dienst darum, durch Zuwendung, Beistand und liebevolle Aktionen dem zerbrochenen Herzen eine Art Stützverband anzulegen, ähnlich wie bei einem gebrochenen Bein, um dem Jugendlichen zu helfen, im Alltag wieder stehen zu können. Zerbrochene Herzen sind wie alte rissige Zisternen, die das Wasser nicht mehr halten können. Alles was man an Gutem in sie hineingießt, kommt an anderer Stelle sofort wieder heraus und versickert im Sand. Solche Jugendlichen erkennt man leicht daran, dass sie ständig schlecht gelaunt und schlapp sind und nur so vor sich hin zu vegetieren scheinen, obwohl man ständig bemüht ist, ihnen Liebe, Bestätigung, Freude und andere gute Dinge zukommen zu lassen. Da kommt es zunächst einmal darauf an, dass diese Risse abgedichtet werden, bevor man eine größere Operation einleitet und mit einem solchen Jugendlichen über grundlegende Lebensveränderung redet. Ein zerbrochenes Herz zu verbinden, heißt ganz einfach, dem Jugendlichen ein Pflaster mit einem schmerzstillenden Mittel auf die Wunde zu legen, damit er überhaupt erst einmal aufnahmebereit und hörfähig wird für die Botschaft, dass am Anfang Gott und Mensch in einer innigen Gemeinschaft zusammenlebten, Herz und Herz vereint zusammen, dass der Mensch sich aber losgerissen hat und seitdem mit einer offenen Wunde und einem tiefen Schmerz durch die Welt läuft und dass es in Jesus Heilung dafür gibt.[8]
Der 3. Außendienst: »für Gefangene öffentlich die Freilassung ausrufen«
Hier geht es sozusagen um Menschen im Exil, in der Verbannung, die an einem Ort leben, wo sie nicht hingehören und wo sie nicht freiwillig sind und die immer wieder Dinge tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Die Urgestalt der Gefangenschaft oder Verbannung ist die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Sie leitet den Verlust aller Freiheit ein, die Auswirkung des Ungehorsams gegen Gott und ist genau das Gegenteil von dem, was der Mensch sich eigentlich an Freiheit bis heute nehmen wollte. Diesen Menschen sollen wir öffentlich ausrufen (das hebräische Wort meint wirklich lautes, von jedermann vernehmbares Schreien): »Gnadenzeit, ihr seid schuldig und dennoch frei, Amnestie für alle!« Das ist unser Job, das sollen wir ankündigen; was die gefangenen Menschen dann damit machen und inwieweit sie diese Freilassung in Anspruch nehmen und um- bzw. heimkehren, das ist zunächst einmal ihre Sache. Und gerade diese Situation ist für uns, die wir die Freiheit schon angenommen haben, oft genug total gespenstisch: Die Freiheit ist da, wir haben sie laut ausgerufen, aber trotzdem glauben es nicht alle. Es ist gerade so, als würde man durch ein befreites Land fahren und überall würden die Menschen in Sträflingskleidern rumrennen. Zuhause würden sie eine Eisenkugel aufbewahren, die sie immer wieder sonntags wie einen Ehrenschmuck anzögen. Das klingt verrückt? Schau dir einmal unter diesem Aspekt nachmittags ein paar Talkshows an, dann siehst du, dass viele Menschen genau so mit ihrer Gefangenschaft umgehen und ihre Ketten und Kugeln öffentlich wie eine Ehrenauszeichnung zur Schau stellen und dafür auch noch Ruhm ernten. Da muss man doch einfach schreien?![9]
Der 4. Außendienst: »den Gefesselten die Öffnung des Kerkers«
Im Kerker sind die Türen zugesperrt. Die Gefangenen sind mit Ketten gefesselt. Auch wenn sie die Freilassungsbotschaft hören, können sie sich nicht bewegen. Da muss jemand hingehen und die Ketten aufschließen und dazu wiederum braucht er den richtigen Schlüssel. Wer den Schlüssel nicht hat, braucht sich auf diesen Dienst erst gar nicht einzulassen, denn Ermutigung ohne Schlüssel hilft nur bedingt. Es gibt natürlich verschiedene Schlüssel. Das fängt beim Wort der Erkenntnis in einem Gespräch an und geht über eine liebevolle »Erste-Hilfe-Behandlung« bis hin zum Befreiungsdienst. Das Aufbinden der Fesseln jedenfalls muss den Jugendlichen immer in die Gottesfamilie einbinden. Ein Befreiungsdienst, der das nicht leistet, greift zu kurz.
Der 5. Außendienst: »öffentlich ein Jahr des Wohlgefallens für Jahwe ausrufen und einen Tag der Rache für unseren Gott«
Woran hat Jahwe Wohlgefallen? Was sieht oder betrachtet Gott gerne? Grundsätzlich natürlich unsere ganzheitliche Liebe ihm gegenüber und untereinander, denn daran hängt das ganze Gesetz und die Propheten[10]. Aber auch, dass wir öffentlich so leben, als sei Jesus unser Herr, bereitet Gott Freude und Befriedigung. Gottes Wohlgefallen wirkt sich bei uns so aus, dass wir festen Boden unter den Füßen haben, Frieden im Herzen und Gemeinschaft miteinander, dass wir satt sind und anderen noch schenken können und dass Gott auf unsere Gebete reagiert. Das alles sollten die Jugendlichen, die wir einladen, um bei uns zu sein, sehen und erleben können, denn das ist es doch, was Christen so unglaublich attraktiv für Nichtchristen macht.
Der Tag der Rache muss extra erwähnt werden, weil wir an diesem Punkt oft zu übereifrig für Gott kämpfen wollen. Gott weiß, dass wir den Kampf gegen das Böse, wenn es uns selbst betrifft, im Endeffekt überziehen würden und beharrt darum darauf, dass die Rache sein ist und unser Teil das Tun des Guten.[11]
Der 6. Außendienst: »alle Trauernden trösten«
In dem hebräischen Wort »trösten« (»nachem«) steckt auch die Bedeutung »auferwecken«; hier bedeutet es »zu Herzen reden, so dass man durchdringt«. Eine konkrete Hilfeleistung ist dabei aber auch schon mit eingeschlossen. Trauernde zu trösten heißt nämlich, sich wirklich zu erbarmen und es sich leid tun lassen, wenn z.B. in der Klasse einer heult. Die Bibel zeigt da eine Fülle von praktischen Anregungen, was man tun kann, wenn man mit Trauer konfrontiert wird: sich aufmachen und zu dem Trauernden hingehen, ihn in die Arme nehmen und herzen, mit ihm essen und trinken, einen Brief schicken, ihn ermutigen, etwas Schönes zu unternehmen, ihm zu Herzen reden: »Mach dir keine Sorgen, fürchte dich nicht, es wird alles gut!« Eine andere Möglichkeit ist es, einfach nur da zu sein, ohne zu reden und mit dem Trauernden zu weinen und zu trauern oder mit ihm zusammen nach Erklärungsmustern zu suchen. Letztlich steht natürlich alle Trauer in ihrem Ursprung in Beziehung zur Sünde und darum kann im Grunde echter Trost auch nur von Gott kommen. Unsere Aufgabe ist es einfach, die »Ströme lebendigen Wassers« von Gott durch unseren Leib fließen zu lassen und so die »Trauernden« (hebr. »abelim«) zu erfrischen, die nämlich eigentlich die »Vertrockneten« sind.[12]
Ein wesentliches Merkmal der 6 Außendienste repräsentiert die Terebinthe, mit der wir am Schluss verglichen werden, nämlich Schatten zu spenden vor der drückenden Hitze. Erst sollen wir die Jugendlichen einmal aus der brennenden Situation ihres Lebens herausbringen, damit Ruhe und Erfrischung eintreten können und sie offen werden, die 6 Außendienste des Nazareth-Programms überhaupt an sich geschehen zu lassen. Wenn wir an Jugendliche herantreten, müssen sie spüren können, dass ein wohltuender, kühlender Schatten über sie kommt. Die Terebinthe ist im gesamten Mittelmeergebiet sehr häufig anzutreffen und wird als Schattenspender sehr geschätzt. Wenn man die Terebinthe ritzt, fließt aus ihr ein äußerst wohlriechendes Harz heraus, was uns Mut machen sollte, auch dann zu dienen, wenn wir selbst noch Wunden haben. Denn wenn wir uns samt unseren Wunden ganz Gott anvertrauen, so wird aus ihnen wohlriechendes Harz fließen (»Ströme lebendigen Wassers«), für die einen Geruch zum Leben, für die anderen Geruch zum Tod.
In unserer Arbeit in Frankfurt merken wir auf jeden Fall immer wieder, dass ein Tag, an dem wir nicht einen Dienst aus dem Nazareth-Programm getan hätten, ein verlorener Tag wäre. Vielleicht machst du dir einfach 9 Zettel, auf die du jeweils einen der 9 Dienste schreibst und notierst dir dann darunter jeweils das Datum, an dem du den jeweiligen Dienst getan hast. Bei Mickey hingen diese Zettel lange an der Wand seines Büros und es war immer wieder eine gute Herausforderung, uns zu prüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. ///
Anmerkungen und Quellen
[1] 1.Joh 3,8 und Apg 10,38. Die ganze messianische Aufgabe, die Jes 61,1f. und Jes 58,6 beschreiben, besteht darin, die Menschen von Sünde, Teufel und Tod zu befreien. Sie vollendet sich bei der Wiederkunft Jesu und beim Jüngsten Gericht, wenn Teufel und Tod der ewigen Verdammnis überliefert werden (1.Kor 15,26; Offb 19,20; 20,10.14; 21,4). »Befreiung« im biblischen Sinne heißt: Aufhebung der Sklaverei der Sünde, des Todes und des Teufels. In diesem Sinne erscheint der Messias als Befreier.
[2] Lk 4,16-21.
[3] Direkte Übersetzung aus dem hebräischen Urtext.
[4] Joh 20,21.
[5] Joh 14,12.
[6] Mt 28,20.
[7] Stellen zum Weiterlesen und Vertiefen: Ps 9,13.19 ; Ps 10,12.17; Ps 22,26f.; Ps 25,9; Ps 34,3; Ps 69,32-35; Ps 147,6; Ps 149,4; Spr 3,34; Spr 14,21; Spr 16,19; Jes 32,7; Am 2,7; Ps 37,11; Jes 29,19; Jes 52,9; Lk 7,22.
[8] Stellen zum Weiterlesen und Vertiefen: In Hi 28,11 werden z.B. Sickerstellen von Wasseradern abgedichtet; Hi 40,13; Jes 30,26; Hes 30,21; Ps 34,18f. (Gott ist nahe); 2.Mo 22,9.13 (Knochen gebrochen); Ps 51,15-19; Jer 23,9; Jer 48,17; Jes 57,15-20; Jes 66,1.2; Ps 147,3; 2.Kor 7,5-7.
[9] Stellen zum Weiterlesen und Vertiefen: 3.Mo 25,10 (ein jeder ruft seinem Nächsten Freilassung aus, niemand soll mehr Sklave eines anderen sein); Jes 61,1; Jer 34,8.15.17; Hes 46,17; Jes 42,6.7; Jes 49,8-13; Ps 102,19-22; Joh 8,32-36; Röm 6,16-23; Röm 7,23; 2.Tim 2,23-26; Gal 5,1-6.
[10] Mt 22,36-40.
[11] Mt 13,24-30 (besonders V. 29.30); Röm 12,19.
[12] Stellen zum Weiterlesen und Vertiefen: Hi 29,25; 1.Mo 37,35; Ri 21,15; 1.Sam 15,35; 2.Sam 10,2; 2.Sam 13,39; 1.Chron 4,19; 1.Chron 7,22; 1.Chron 19,2; Hi 2,11; Ps 119,76; Jes 49,13; Jes 51,3; Jes 52,9; Jer 8,6; Jer 16,7; Jer 20,16; Hes 16,54; Hes 32,31; Hos 13,14; Joel 2,13; Am 7,3.6; Jon 3,9; Jon 4,2; Sach 1,17.

