Heft 3/04 - Retro-Artikel

« zurück zum Retro-Archiv

Der Autor

Gernot Rettig ist Pastor und war 8 Jahre leitender Pastor bei der evangelischen Freikirche "Treffpunkt Leben" in Ditzingen bei Stuttgart. Jenny kommt aus England und ist seit 1996 mit Gernot verheiratet. Gemeinsam bauen sie Gemeinde in Rostock. Gernot und Jenny haben 3 Kinder, Samuel, Jessica und Timea. www.aufwind-rostock.de

Verantwortung übernehmen (Leadersection)

Die Gabe der Leitung

// Was viele zum Thema »Gabe der Leitung« nicht wissen, ist die Tatsache, dass das Wort »Leitung« im Griechischen zwei unterschiedliche Bedeutungen hat.

Zum einen finden wir ein Wort für »Leitung« in Römer 12,8: »… es sei, der ermahnt, in der Ermahnung; der mitteilt, in Einfalt; der vorsteht [oder leitet], mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit.« Hier geht es um die Gabe vorzustehen, ausgedrückt durch das griechische Wort prohístemi. Dieses Wort wird verwendet, um eine Führungsfunktion in der Armee, im Staat oder in einer Partei zu bezeichnen. Es geht also um denjenigen, der »vorne« steht.

Dem gegenüber finden wir das zweite Wort für »Leitung« in 1. Korinther 12,28: »Und die einen hat Gott in der Gemeinde eingesetzt erstens als Apostel, zweitens andere als Propheten, drittens als Lehrer, sodann Wunderkräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen [Charisma der Leitung], Arten von Sprachen.« Hier geht es um die Gabe der Leitung, ausgedrückt durch das griechische Wort kybérnesis. Dieses Wort wurde verwendet, um die Aufgabe des Steuermanns zu bezeichnen. Es geht hier also um denjenigen, der etwas lenkt.

Was ist nun der genaue Unterschied? Rick Joyner unterscheidet zwischen Führungsfähigkeit (prohístemi) und Management (kybérnesis). Meistens sei eine Führungspersönlichkeit ein schlechter Manager, aber einem guten Manager fehlt es oft am Charisma der Führungskraft. Während Manager das Detail sehen müssen, um erfolgreich zu sein, sind Führungspersönlichkeiten konzeptorientiert und sehen die größeren Zusammenhänge; sie sind aber keine Freunde von Details.

Ganz einfach gesprochen: »Führen heißt, die richtigen Dinge zu tun, Managen heißt, Dinge richtig zu tun.« Selten hat eine Person beide Gaben der Leitung, dennoch gibt es Ausnahmen (z. B. Nehemia oder Jesus – sie hatten beides).

Beachtet man nun aber den grundlegenden Unterschied zwischen diesen beiden Leitungsgaben nicht, so kann das im Gemeindeleben durchaus zu Spannungen führen. Auf der einen Seite sind da die Visionäre. Sie haben ständig neue Ideen, bringen ein Projekt nie wirklich zu Ende, haben häufig keinen Blick für den Einzelnen, sind manchmal Antreiber und können es nicht leiden, Kompromisse einzugehen. Auf der anderen Seite sind da die Manager, die Umsetzer; sie sehen häufig mehr Probleme als Chancen. Ihnen geht fast alles zu schnell, Dinge sind ihnen nie gründlich genug, sie sind darauf bedacht, dass auch wirklich jeder bei allen Entscheidungen und Kursänderungen mitgehen kann. Dass diese Unterschiedlichkeit zu Konflikten führt, ist offensichtlich.

Grundsätzlich liegt die Lösung dieses Problems in der Erkenntnis, dass es beide Gaben braucht. Nicht der Lautere oder Stärkere ist der Wichtigere, sondern beide Gaben in Ergänzung führen erst zu guten Ergebnissen. So braucht der Visionär den mit dem langen Atem, der die Details und Probleme sieht – und Lösungen kreiert. Und genauso braucht der »Umsetzer« einen Visionär an seiner Seite, damit er das große Bild im Auge behält und sich nicht zu sehr in Details verstrickt.